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Berliner Redaktion "Katar wird auch nichts Konkretes bringen"
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21:36 16.07.2012
Berlin

OP: Herr Latif, Bundesumweltminister Peter Altmaier zweifelt daran, dass die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen ist. Sehen Sie das auch so?

Mojib Latif: Es deutet zurzeit nichts darauf hin, dass sich der Anstieg der weltweiten CO2-Emission in den nächsten Jahren verlangsamen wird. Wenn das so bleibt, wenn es in den nächsten Jahren keinen entscheidenden Durchbruch gibt, ist das Zwei-Grad-Ziel tatsächlich nicht zu erreichen.

OP: Altmaier schlägt vor, dass die Länder vorangehen sollen, die sich bereits zu strengen Klimaschutz-Zielen verpflichtet haben. Damit würden die Bremser wie USA und China nicht in die Pflicht genommen. Ist das nicht die schlechteste Lösung?

Latif: Vordergründig ist es die schlechteste Lösung, aber wir müssen das Ganze ein bisschen größer denken. Wenn sie über Klimaschutz sprechen, sprechen sie automatisch über Erneuerbare Energien. Der Energiebereich ist nun mal der größte Bereich beim CO2-Ausstoß. Diejenigen, die frühzeitig auf Erneuerbare Energien setzen, werden langfristig auch einen ökonomischen Vorteil haben. Insofern geht es hier um mehr als nur um das Klima, sondern auch darum, sich fit zu machen für die Zukunft. Ein anderer Punkt ist die Energieeffizienz. Wir verschwenden Energie im Überfluss. Wir werden uns das nicht mehr lange leisten können.

OP: Die Energiewende ist gefährdet, und ist von der Eurokrise in den Hintergrund gedrängt worden. Was muss jetzt passieren, damit sich das ändert?

Latif: Wir müssen einfach langfristiger denken. Das kurzfristige Denken ist auch die Ursache der Finanzkrise. Es kann nicht sein, dass wir immer nur Wirtschaftsinteressen bedienen, entweder die der Banken oder die der Energiekonzerne. Hier muss endlich mal das Gemeinwohl zum Tragen kommen. Man kann den Menschen nicht nur Sparen verordnen, sie in die Arbeitslosigkeit schicken und glauben, dass dann alles gut wird. Die Länder Südeuropas geben Unsummen etwa für Öl aus. Die Erneuerbaren Energien könnten ein Weg aus der Krise sein.

OP: Da könnte unter Umständen auch der Klimafonds helfen, der bis zu 100 Milliarden Dollar verwalten soll. Der verzögert sich unter anderem wegen der Frage, wo sein Sitz sein soll. Der Standort Bonn ist in der Diskussion, Indonesien aber drängt auch auf den Zuschlag. Muss da Deutschland unter Umständen zurückstecken?

Latif: Die Frage des Sitzes ist zweitrangig, viel wichtiger ist ja, wie die Entscheidungsstrukturen aufgebaut sind. Deutschland als ein Haupt-Zahlerland muss ein gutes Mitspracherecht haben, dann ist es irrelevant, wo so etwas entsteht.

OP: Erhoffen Sie sich etwas von dem Klimagipfel in Katar? Wird es besser laufen als in Kopenhagen?

Latif: Katar wird nichts Konkretes bringen. Vor 2020 wird es keine verbindlichen Klimaschutzziele geben, ein neues Abkommen nicht in Kraft treten. Deswegen wird es in Katar wieder heißen, wir sind ein paar Schritte weitergekommen, aber konkret wird nichts passieren.

OP: Wie beobachten Sie als Wissenschaftler eigentlich solche politischen Veranstaltungen, wie den Petersberger Dialog und die Klimakonferenz in Katar? Resignieren Sie oder haben Sie noch Hoffnungen in die Politik?

Latif: Ich beobachte, wie die Politik ein ums andere Mal nachgibt, vor der Finanzindustrie einknickt, vor der Energiewirtschaft einknickt oder vor der Automobilindustrie. Wer nicht kämpft, hat von vornherein verloren. Das ist das, was mich wahnsinnig macht.

von Jan Sternberg