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Berliner Redaktion Karsai will früheren Truppenabzug
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23:16 15.03.2012
Kabul

Afghanistans Präsident Hamid Karsai will die Verantwortung für die Sicherheit im Land bereits ein Jahr früher als geplant von der Nato übernehmen. "Beide Seiten müssen zusammenarbeiten, um den Übergabeprozess von den internationalen Truppen zu den afghanischen Kräften 2013 statt 2014 abzuschließen", erklärte der afghanische Präsident nach einem Gespräch mit US-Verteidigungsminister Leon Panetta in Kabul. Die afghanische Regierung sei bereit, "die gesamte Sicherheitsverantwortung jetzt zu übernehmen". Zudem fordert er den Rückzug aller ausländischen Truppen in ihre Stützpunkte.

Die klaren Ansagen aus Kabul kommen für Washington zur Unzeit. Gerade erst am Vorabend hatten US-Präsident Barack Obama und der britische Premier David Cameron vor Journalisten im Weißen Haus betont, dass sie trotz der jüngsten Vorfälle an den ursprünglichen Zeitplänen festhalten. Der Einsatz müsse "in Verantwortung" beendet werden.

Auch Nato-Kreise zeigen sich davon überzeugt, dass ein überstürzter Abzug die Sicherheitslage am Hindukusch drastisch gefährden könnte. Nun aber will Karsai die Soldaten, die vor allem aus den USA, Großbritannien und Deutschland stammen, offenbar vor vollendete Tatsachen stellen. Nach einer Serie von tödlichen Vorfällen sei die Toleranzgrenze erreicht: 2010 ermordeten US-Soldaten, die sich selbst "Kill Team" nannten, unschuldige Afghanen. In diesem Jahr kamen mehrere Menschen bei Protesten zu Tode, nachdem auf einer US-Basis versehentlich Koran-Bücher verbrannt worden sind. Und nun auch noch ein verheerender Amoklauf.

Inzwischen wurde der mutmaßliche Amokschütze außer Landes gebracht. Der Soldat sei zu einer "geeigneten Arrest­einrichtung" außerhalb Afghanistans geflogen worden, sagte Pentagon-Sprecher John Kirby.

Auch in Berlin ließ Karsais Erklärung aufhorchen. Für Außenminister Westerwelle sei klar, "dass sich Deutschland bezüglich der Übergabe der Sicherheitsverantwortung synchron mit den internationalen und afghanischen Partnern verhält", erklärte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes.

Einen zwingenden Widerspruch zur bisherigen Linie sieht das Außenamt allerdings nicht. Die Erklärung Karsais lasse Interpretationsspielraum, hieß es. Aber: Die Details des Abzugs der Isaf-Truppen bis Ende 2014 sollten auf dem Nato-Gipfel in Chicago im Mai geklärt werden. Diese Linie durchkreuzte Karsai. Das Verteidigungsministerium bekräftigte den Terminplan. "Wir haben eine Vereinbarung innerhalb des Bündnisses, und die steht", erklärte ein Sprecher von Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU).

Als Affront will der außenpolitische Sprecher der Union die Erklärung nicht verstanden wissen. "Ich begrüße es, wenn die afghanischen Behörden früher in der Lage sind, ihrer Verantwortung gerecht zu werden", kommentierte Philipp Mißfelder. "Je eher desto besser." Dass afghanische Armee und Polizei die Lage schon im kommenden Jahr im Griff haben werden, glaubt allerdings niemand in Berlin. Eher lautet die Analyse, Karsai müsse auf die aufgeheizte Stimmung nach der Koran-Verbrennung durch US-Truppen und den Amoklauf eines amerikanischen Soldaten Rücksicht nehmen.

Die Taliban haben unterdessen nach eigenen Angaben ihre Gespräche mit der US-Regierung im Golf-Emirat Katar ausgesetzt. Die USA zeigten keine Bereitschaft, Abmachungen einzuhalten, hieß es dazu in einer im Internet veröffentlichten Erklärung.

von Frank Lindscheid und Stefan Koch