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Kandidatenrennen zu Lasten der Partei

US-Vorwahlen Kandidatenrennen zu Lasten der Partei

Auch nach dem "Super Tuesday" sind die Republikaner tief gespalten: Romney gewinnt hauchdünn in Ohio, doch Santorum bleibt ihm dicht auf den Fersen.

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Washington. Der große Verlierer des "Super-Dienstags" ist die republikanische Partei. Die "Grand Old Party", die mit aller Macht Barack Obama aus dem Weißen Haus jagen will, hat sich bei ihrer Suche nach einem geeigneten Präsidentschaftskandidaten verheddert. Trotz der zahlreichen Wahlschlachten in diesem Jahr zeichnet sich noch immer kein eindeutiger Favorit ab. Daran änderte auch der mit Spannung erwartete gestrige Wahlabend nichts: Mitt Romney setzte sich zwar bei den Vorwahlen in Massachusetts, Virginia, Vermont und Idaho eindeutig durch. Dafür aber lieferte er sich ausgerechnet in Ohio ein hartes Kopf-an-Kopf-Rennen, dem symbolträchtigen Bundesstaat, der für sich bisher in Anspruch nehmen konnte, die Kandidaten quasi vorherzubestimmen. Seine Mehrheit fiel nur hauchdünn aus.

Rick Santorum, der erzkonservative frühere Senator aus Pennsylvania, erweist sich einmal mehr als hartnäckiger Widersacher. Nach seinen Siegen in Iowa, Minnesota, Missouri und Colorado holte er vergangene Nacht Oklahoma, Tennessee und North Dakota. In Steubenville im Bundesstaat Ohio trat Santorum nach Bekanntgabe der Ergebnisse selbstbewusst vor seine Anhänger: "Wir haben im Westen gewonnen, im Mittelwesten und im Süden und wir sind bereit, überall in diesem Land zu gewinnen." Obwohl er als Außenseiter gestartet sei, trage er nun ein Sieg nach dem anderen davon: "Es gab keinen einzigen Staat, in dem ich mehr Geld ausgegeben habe als die Leute, gegen die ich dort gewann."

Santorum ist die eigentliche Überraschung des Wahljahres 2012. Mit seinen rückwärtsgewandten Thesen mag er zwar so manchen etablierten Parteianhänger abschrecken, doch an der Basis fliegen ihm die Herzen zu - vor allem auch die der jüngeren Wähler, wie jüngste Erhebungen zeigen. Der 53-Jährige wird gern als "Jesus-Kandidat" bezeichnet, der häufig über seinen katholischen Glauben spricht und gegen Schwangerschaftsabbruch, Verhütungsmittel und Homo-Ehen streitet. Zugleich fordert der Jurist ein hartes außenpolitisches Auftreten der Vereinigten Staaten und will - sollte er ins Weiße Haus einziehen - schnell gegen den Iran zu Felde ziehen. Insgesamt Positionen, mit denen Santorum landesweit voraussichtlich keine Mehrheiten erringt, aber dennoch die Republikaner kräftig durcheinanderwirbelt.

Eigentlich sollte der gestrige Tag eine Vorentscheidung in der Kandidatenfrage bringen. Doch wie soll sich die GOP verhalten, wenn die Ergebnisse so unerwartet knapp bleiben?

Wie schwer das Kandidatenfeld einzuschätzen ist, zeigt auch die bemerkenswerte Kampagne von Newt Gingrich. Der frühere Sprecher des Repräsentantenhauses gewann seinen Heimatstaat Georgia. Auf seiner Wahlparty betonte er gestern, dass das Rennen um die Präsidentschaftskandidatur nunmehr wieder "völlig offen ist". Sicherlich: Die euphorische Siegesrede des alten Schlachtrosses der amerikanischen Politik sollte nicht allzu wörtlich genommen werden. Aber Gingrichs wiedererwachtes Selbstbewusstsein zeigt, dass Romneys Favoritenrolle auf unsicheren Beinen steht.
Romney hatte bis zum Dienstag acht Vorwahlen für sich entschieden - New Hampshire, Florida, Nevada, Maine, Arizona, Michigan, Wyoming und im Staat Washington. Er gilt - auch angesichts seiner prall gefüllten Wahlkampfkonten - als der eigentliche Favorit. Dass der Multimillionär aber beim "Super Tuesday" nicht so recht überzeugen konnte, dürfte seiner Kampagne einen Dämpfer versetzen. Der 64-Jährige gibt sich dennoch kämpferisch: "Obama hat keine Ideen mehr, er hat keine Entschuldigungen mehr - und jetzt kriegen wir ihn auch noch aus dem Weißen Haus." Doch so recht kann er an der Parteibasis mit seinen verbalen Angriffen nicht punkten. Als früherem Hedgefondsmanager und bekennendem Mormonen schlägt ihm vor allem in ländlichen Regionen viel Skepsis entgegen. In landesweiten Umfragen gilt er zwar gemeinhin als der aussichtsreichste Herausforderer von Obama. Doch vielen Republikanern ist er zu liberal und zu wendig in seinen persönlichen Einstellungen. Eben ein "Flip-Flopper", der sein Mäntelchen nach dem Wind hängt.

Die Parteiführung der Republikaner betrachtet das anhaltende Gemetzel unter den Kandidaten ohnehin mit Sorge. Jack Lindley, Chef der GOP im Neuenglandstaat Vermont, brachte die kritische Lage vor wenigen Tagen auf den Punkt: "Die Kandidatensuche geht weiter. Staat für Staat, Tropfen für Tropfen. Es ist wie eine Wasserfolter." Andere einflussreiche Politiker fordern bereits einen parteiinternen Neustart, bevor der eigentliche Wahlkampf gegen den Amtsinhaber überhaupt begonnen hat: "Unsere Leute haben sich gegenseitig so stark verprügelt, dass es gut wäre, wenn wir jetzt ein neues Gesicht hätten", sagte Paul LePage, Gouverneur von Maine, dem renommierten Online-Magazin "Politico". Das monatelange Gerangel würde die eigenen Bewerber völlig demontieren und den Demokraten unnötig viel Munition liefern. Immer häufiger wird nun im Kreis führender Republikaner darüber spekuliert, ob vielleicht doch noch Jeb Bush, Gouverneur in Florida und Bruder des früheren Präsidenten George W. Bush, in das Rennen einsteigen könnte.

Auch Sarah Palin, frühere Gouverneurin von Alaska, bringt sich wieder als mögliche Präsidentschaftskandidatin ins Gespräch. "Alles ist möglich, ich schlage keine Türen zu, die vielleicht da draußen offen sind", sagte sie bei CNN. Sollte sich keiner der bisherigen Bewerber deutlich als Favorit herausstellen, könnte sie sich eine Kandidatur beim Nominierungsparteitag im August vorstellen.

Tatsächlich wirken sich in diesem Wahljahr zwei Verfahrensänderungen besonders drastisch aus. Zum einen gilt nicht mehr in allen Bundesstaaten das Prinzip, dass der Wahlsieger sämtliche Delegiertenstimmen erhält. Da sich die Wahlmänner je nach Stimmenanzahl auf die verbliebenen Kandidaten verteilen, dauert es fast zwangsläufig länger, bis sich der Abstand zwischen den Bewerbern deutlich vergrößert.

Zum anderen kommen in diesem Jahr erstmals private Wahlvereine im großen Stil zum Einsatz, die "Super-PACs". Sie können in unbegrenzter Höhe Spenden von Unternehmen und Verbänden sammeln und sich mit Werbespots in den Medien massiv in den Wahlkampf einschalten. Da sie offiziell nicht an einen Kandidaten gebunden sein dürfen, fühlen sie sich auch nicht zur besonderen Zurückhaltung in ihren Aussagen verpflichtet. Das heißt: In den Werbespots werden die Mitbewerber auf das Übelste beschimpft und verunglimpft. Dem sogenannte "Faktencheck" der seriösen Zeitungen, wie zum Beispiel in der "Washington Post" oder in der "New York Times", halten viele Behauptungen, die dort aufgestellt werden, nicht stand. Dennoch dürfte sich das Trommelfeuer an Werbesendungen auf das Wahlverhalten auswirken.

Doch all das Klagen über die neuen Regeln hilft den Republikanern nicht weiter. Schon in drei Tagen setzen sich die Vorwahlen fort - dann in Kansas.

von Stefan Koch

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