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Berliner Redaktion Islamisten gehen auf Werbetour
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19:36 13.04.2012
Berlin

Der blaue Buchdeckel ist mit goldenen arabischen Ornamenten verziert und darauf steht: „Der edle Qur’an - die ungefähre Bedeutung in der deutschen Sprache“. Nicht weniger als 25 Millionen Exemplare des Koran will der Kölner Prediger und Projekt-Initiator Ibrahim Abou Nagie in den nächsten Wochen in über 30 deutschen Städten gratis verteilen lassen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern nehmen die so harmlos daher kommende Aktion in Fußgängerzonen allerdings „sehr ernst“.

Dabei geht es ihnen nicht um die massenhafte Verteilung der im Koran niedergeschriebenen Überlieferungen des Propheten Mohammed. Eine solche Aktion ist in Deutschland durch die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit geschützt. Es geht den Sicherheitskräften viel mehr um die Drahtzieher der Aktion und um ihre wahren Absichten. Denn dabei handelt es sich um radikal-islamische Salafisten, eine fundamentalistische Strömung des Islam. Abou Nagie und seine Helfer aus mehreren radikal-islamistischen Gliederungen orientieren sich am frühen Islam des 7. Jahrhunderts, einer Art Urmodell dieser Religion. Sie fassen den Koran wortwörtlich auf und beanspruchen für sich das Interpreta­tionsmonopol für diese Schrift.

„Etwas Schöneres gibt es nicht“

Abu Nagie gibt sich in Internet-Videobotschaften absolut friedfertig und harmlos: „Etwas Schöneres, als eine Koranübersetzung an die Menschen zu verschenken, gibt es nicht.“ Doch das ist offenbar nur Fassade. In anderen Ansprachen prophezeit er, dass alle „Ungläubigen für alle Ewigkeit in die Hölle kommen“. Anderswo verlangt er für Verheiratete, die Ehebruch begingen, die Steinigung. Die Botschaft der Gratis-Verteilaktion lautet offenbar: Folge dem - unseren - Koran und Dein Leben hat (wieder) einen Sinn. Wenn nicht, wirst Du in der Hölle schmachten.

Nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes sind salafistische Organisationen ein Sammelbecken für gewaltbereite Islamisten. Die Gruppe dieser Salafisten betreibe eine „aggressive Propaganda“, meinte der SPD-Fraktionsgeschäftsführer­ Thomas Oppermann. Nicht jeder Salafist sei ein Terrorist, doch die Gruppe der Salafisten habe ein ambivalentes Verhältnis zur Gewalt und biete einen Nährboden für Terrorismus. Diese Salafisten sollten isoliert werden. All jene Muslime, die einen „modernen und weltoffenen Islam“ wollten, sollten unterstützt werden.

Auch der Osnabrücker Religionssoziologe Rauf Ceylan verweist darauf, dass die absolute Mehrheit der Muslime in Deutschland moderat und friedfertig ist. Die im Internet kursierenden Aufrufe von Salafisten zu Gewalt gegen missliebige Politiker und Journalisten dagegen passten nicht zum Islam. Für den Chef des Bundesamtes für Migration Manfred Schmidt haben die Salafisten mit ihrer Aktion allerdings bereits eines erreicht: Sie sind in den Schlagzeilen.

Kirche rät: Verteilte Exemplare abgeben

Auch wenn die Koran-Verteilung bei der nächsten Deutschen Islam-Konferenz kommenden Donnerstag in Berlin offiziell nicht auf der Tagesordnung steht, wird es dort zur Sprache kommen. Der parlamentarische Geschäftsführer der Grünen im Bundestag Volker Beck forderte die islamischen Verbände und Moschee-Gemeinden dazu auf, vor den radikalen Salafisten zu warnen. Der integrationspolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Serkan Tören, selbst Muslim, verlangte, „nichtdeutsche Salafisten“ die gegen die Verfassung verstoßen, müssten ausgewiesen werden. Und die evangelische Kirche gab für den Umgang mit den Gratis-Exemplaren des Koran den Tipp, diese Heiligen Schriften keinesfalls achtlos wegzuwerfen. Die Bücher sollten vielmehr bei muslimischen Gemeinden abgegeben werden.

von Reinhard Zweigler