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Griechen haben nun Zeit zum Durchatmen

Griechische Schuldenkrise Griechen haben nun Zeit zum Durchatmen

Die meisten Griechen sind erleichtert, dass sie in der Euro-Zone bleiben. Der Wahlausgang und eine baldige Regierungsbildung werden die Probleme aber nicht lösen.

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Alexis Tsipras (rechts) schloss gestern eine Koalition mit der Partei Nea Dimokratia von Antonis Samaras aus.Foto: Vlachos

Quelle: Alexandros Vlachos

Marburg. Die Hellenen können aufatmen: Das Schreckensszenario von einem Land ohne regierungsfähige Mehrheit ist in die Ferne gerückt. In Athen kann wahrscheinlich noch in dieser Woche eine Regierung gebildet werden, die den Verbleib im Euro-Raum unterstützt. Weil das noch vor Wochen keine Selbstverständlichkeit war, ist dies zunächst eine gute Nachricht.

Doch was kommt jetzt auf die Griechen zu? Das kann eigentlich niemand voraussagen. Wahrscheinlich ist, dass die beiden etablierten Volks-Parteien, die konservative Nea Dimokratia und die sozialdemokratische Pasok nun mit den demokratischen Linken eine Koalition bilden.

Da schon in den vergangenen Jahren keine Regierung eine Legislaturperiode lang hielt, ist in diesen Krisenzeiten erst recht davon auszugehen, dass die Regierung vielleicht nur wenige Jahre an der Macht bleibt. Zudem wäre dies die erste ­richtige Regierungskoalition in Griechenland - die ­Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg hat in Athen bisher keine Tradition.

Die entscheidende Frage ist aber, wie sich die zweitstärkste Partei - die linke Syriza - verhält. Ihr Vorsitzender Alexis Tsipras hat bereits nach der Wahl am 6. Mai eine Regierungsverantwortung abgelehnt - das nahm ihm ein Teil seiner Anhänger übel. Auch jetzt zieht er es vor, in der Opposition zu bleiben. Von dort aus kann er womöglich mehr Macht und Druck ausüben als von der Regierungsbank aus.

Auch Tsipras trägt eine hohe Verantwortung

Das griechische Volk ist nach wie vor stark gebeutelt von den Sparmaßnahmen. Jeder weitere finanzielle Einschnitt könnte die Bevölkerung zum Protest auf die Straße treiben. Wird der dynamische, von den einen als charismatisch, von den anderen als populistisch bezeichnete junge Politiker Alexis Tsipras die Massen gegen den farblosen designierten Ministerpräsidenten Antonis Samaras (Nea Dimokratia) auf der Straße mobilisieren? Das könnte für den Frieden im Land gefährlich werden.

Viele Griechen erfahren in diesem Sommer, ob sie ihren Job verlieren, ob sie neue Steuern zahlen müssen, ob sie weitere Gehaltseinbußen hinnehmen müssen. Werden sie mit Wut oder mit Ohnmacht reagieren, werden sie ihrer Regierung vertrauen oder wird ihnen Tsipras aus der Seele sprechen? Auch Tsipras trägt somit eine hohe Verantwortung.

Samaras große Schwäche ist, dass er schon Teil des verfilzten Staatsapparates war und nicht glaubwürdig für eine Erneuerung stehen kann. Dennoch wagt er es, die schwere Last auf sich zu nehmen. Ob er das Volk zusammenhalten kann? Er wird auf jeden Fall enger, viel enger als bisher, mit einigen Erzfeinden aus der Pasok zusammenarbeiten. Diese, so munkelt man, ist dabei, sich mit neuem Namen und neuen Gesichtern zu reformieren. Das wäre eine vernünftige Sache.

Für die Stimmung ­könnten auch zurückhaltendere ­Töne aus Brüssel oder Berlin helfen - dies wird in Deutschland vielleicht zu wenig wahrgenommen. Jedes Mal, wenn Wolfgang Schäuble und andere Politiker hart mit den Griechen ins Gericht gehen, ernten die Wortführer am linken und rechten Rand Sympathien. Die Griechen fühlen sich von ihren eigenen Politikern betrogen, von denen anderer Länder bewusst missverstanden.

Keine einfache Ausgangslage. Vor diesem Hintergrund ist jeder frische Wind eine Wohltat. Umso verständlicher, dass sich die Griechen so über den Einzug ins EM-Viertelfinale freuen. „Bringt uns Merkel“, kommentierten gestern Sportjournalisten in Athen. ­Politik und Sport haben die Griechen schon immer fasziniert. In der Antike waren sie in beiden Bereichen führend. Jetzt geht es darum, durchzuatmen und in kleinen Schritten voranzukommen. Vielleicht mit Rückenwind durch die Fußballeuphorie und - noch wichtiger - durch eine zeitliche Lockerung des Spar-Fahrplans.

Wenn die EU den spanischen Banken entgegenkomme, könne man doch das griechische Volk, das das Land nicht ins Chaos gewählt habe, nicht im Stich lassen, argumentieren viele. Und so wird sicher auch Samaras argumentieren - sonst würde auch er nach den Sommerferien um seinen Job bangen müssen.

von Anna Ntemiris

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