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Berliner Redaktion Gauck, der Trainer der Demokratie
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23:45 18.03.2012
Berlin

Sein erster Satz "was für ein schöner Sonntag" schwirrt noch durch die Reihen der Bundesversammlung, als die folgenden Sätze klarstellen, wem sein erster Dank für diesen schönen Sonntag gilt. "Heute vor 22 Jahren durfte ich zum ersten Mal frei und geheim wählen", sagt Joachim Gauck, der Frischgewählte. Nach jahrelanger Herrschaft von Diktatoren sei es ein Tag gewesen, "an dem wir endlich Bürger sein durften". Er fühle unendliche Dankbarkeit. Links außen, in den Reihen der Linken, versteinern sich die Mienen, während im restlichen Saal Beifall aufbrandet. Eine der vielen Gäste an diesem Tag folgt der Rede sichtlich bewegt. "Es ist ein Triumph der Bürgerbewegung", sagt die CDU-Politikerin und ehemalige Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld. "Ein Kreis schließt sich." Vor dem Triumph liegen drei Stunden nachdenklicher Mahnungen und unterhaltsamer Plaudereien. Um 11.30 Uhr, eine gute halbe Stunde vor Sitzungsbeginn, füllt sich der Plenarsaal unter der Reichstagskuppel. Hertha-Trainer Otto Rehhagel fachsimpelt mit Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit.

Filmstar Senta Berger unterhält sich mit dem Mainzer Regierungschef Kurt Beck. Die Kanzlerin gesellt sich zur FDP-Spitze, wobei Parteichef Philipp Rösler und sein früherer Generalsekretär Christian Lindner eifrig bemüht sind, sich aus dem Weg zu gehen. Wenige Minuten vor Beginn der Sitzung nimmt Gauck auf der Ehrentribüne Platz, gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt, der er im Verlauf der nächsten Stunde des Öfteren die Hand drücken wird.

Es folgt eine historische Einführung, denn der 18. März ist nicht nur der Tag, an dem die erste und letzte freie Volkskammer der DDR gewählt wurde. "Es ist ein Datum, an dem immer wieder Geschichte geschrieben wurde", erinnert Bundestagspräsident Norbert Lammert. Am 18. März 1793 wurde die "Mainzer Republik" proklamiert; 55 Jahre später begann in Berlin der Barrikadenkampf. Als Christian Wulff vor knapp 30 Tagen zurücktrat, hatte er kaum Zeit, sich zu vergewissern, welch ein "schönes" Datum er seinem Nachfolger beschert. Eine Zufallsfügung, die Folgen haben soll: Lammert will am 18. März als Termin für künftige Wahlen des Bundespräsidenten festhalten.

Voraussetzung ist natürlich, dass es nun genug ist mit den Rücktritten. Dass die Abstände, in denen man einen Bundespräsidenten wähle, immer kürzer werden, sei sicherlich keine Errungenschaft, sagt Lammert zur Erheiterung des Saals. Die Erwartungen an den Bundespräsidenten, sagt Lammert, seien riesig. Man sollte nicht vergessen, dass Amt und Person zwar im Alltag kaum zu trennen seien, aber nicht dasselbe sind. Es gibt an diesem Tag reichlich Zeit, um über Erwartungen zu sprechen. Bereits beim SPD-Fest am Vorabend bekannte der Altvordere der Sozialdemokraten, Hans-Jochen Vogel, dass er dreimal der ­Bundespräsidentenwahl fern geblieben sei. Aber nun empfinde er es als Ehre, wieder dabei zu sein. Man müsse den 73-jährigen Kandidaten ermutigen "für eine Aufgabe, deren Schwierigkeit man nicht übersehen darf".

Auch auf den Fluren des Reichstags, während die Stimmen ausgezählt werden, gibt es kaum ein anderes Thema. "Er wird sehr schnell dazu beitragen, die verkommene Reputation des Amtes wiederherzustellen", sagt SPD-Chef Sigmar Gabriel. Gauck müsse die Schäden der Ära-Wulff vergessen machen, heißt es einmütig, selbst bei den Linken.

Und dann ist da noch die Hoffnung auf den Ideengeber im Präsidentenamt. Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin glaubt, dass der Wulff-Nachfolger ein streitbarer Demokrat sein wird. FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle erwartet, dass der Neue "Verkrustungen" aufbreche. Und hinter vorgehaltener Hand feixen Unionisten und Liberale, dass der neue Präsident einer der ihren sei, weil ihm jede Form von Staatsdirigismus fremd ist. "CDU pur", sagt ein CDU-Staatssekretär.

Gauck selbst weiß, welche Last er trägt. "Ich werde nicht alle Erwartungen erfüllen können", sagt er in seiner Dankesrede. Und seine Vorsätze? Er wolle sich um eine Annäherung von Regierung und Bevölkerung bemühen. Er werde sich neu auf Personen und Themen einstellen.

Trainerlegende Otto Rehhagel bekennt zu späterer Stunde, dass es ein entspannter Tag gewesen sei. "Er hat mich von der bitteren Niederlage gegen die Bayern abgelenkt, aber die wird mich heute Abend wieder einholen." Und was erwartet Rehhagel? "Joachim Gauck wird auf jeden Fall ein unbequemer Präsident werden, der Leuten auch einmal die Meinung sagt. Er wird so etwas wie der Trainer der Demokratie sein."

von Gabi Stief und Frank Lindscheid