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Freunde werden zu Gegnern

Syrien Freunde werden zu Gegnern

Die Gewalt in Syrien macht vielen im Ausland lebenden Syrern Sorge - auch der Marburger Studentin Inana Othman.

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Inana Othman engagiert sich für Frieden in Syrien.Foto: A. Riemer

Marburg. Wenn Inana Othman mit ihren Freunden in Syrien telefoniert, sind politische Themen neuerdings tabu. Der eskalierende Bürgerkrieg in Syrien hat die Studentin und ihre Angehörigen sozusagen zu Gegnern gemacht. Denn die meisten von ihnen stehen hinter dem System von Präsident Assad, während sich Inana Othman in Marburg für Frieden und Menschenrechte in dem arabischen Land einsetzt. „Wenn wir kommunizieren, dann geht es darum, ob es einem gut geht“, sagt die Studentin. „Mehr nicht.“ Schließlich „weiß man von den gegenseitigen Meinungen”.

Sie selbst wirft dem Regime vor, die Situation zu verharmlosen. Erst vor wenigen Wochen seien einige Aktivisten festgenommen worden, auf deren Schildern „Stoppt die Tötung, wir wollen ein Land für alle Syrer” geschrieben stand. Sie hätten niemanden provoziert, auch sei niemand beleidigt oder verpönt worden, erzählt Inana Othman und ergänzt: „Von einigen hat man bis heute nichts mehr gehört“. Auch scheine es unglaubwürdig, wenn von Seiten der Regierung vermittelt wird, dass viele Syrer über die tür­kische Grenze fliehen, um dort lediglich Urlaub zu machen.

Inana Othman kam 2007 mit ihrer Mutter aus Syrien nach Deutschland. Sie machte ihr Abitur und studiert nun in Marburg Politik des Nahen und Mittleren Ostens. Seit längerer Zeit arbeitet sie aktiv in der Hilfsorganisation „Najda Now“, die in direktem Kontakt mit Aktivisten in Syrien steht.

Inanas Vater ist der dissidente Schriftsteller Marwan Othman. Erst in Deutschland erfuhr die Tochter, dass ihm auf der Basis des seit 1963 erlassenen Notstands durch die Regierung jegliche zivilen Rechte genommen wurden. Die Begründung lautete: „Gefährdung des nationalen Gefühls sowie Bestechung durch den Westen“. Da eine Rückkehr in ihre Heimat für die beiden Frauen deshalb zu riskant war, wurde beiden von nun an politisches Asyl in Deutschland gewährt.

Mehrmals saß der Ehemann und Vater, der als Kurde zur größten Minderheit in Syrien gehört, insgesamt fast vier Jahre unter dubiosen Anschuldigungen im Gefängnis, berichtet Inana. Erst im Zuge einer Generalamnestie, die den guten Willen der Baath-Partei zeigen sollte, wurde auch er entlassen. Dank einer Einladung der internationalen Schriftstellervereinigung P.E.N. bot sich ihm die Chance, nach Frankreich zu reisen. Wenig später ermöglichte das Hannah Arendt Stipendium ihm als politisch verfolgtem Schriftsteller den Aufenthalt in Deutschland.

Trotz des glücklichen Ausgangs der eigenen Familiengeschichte beobachtet Inana Othman die Situation in ihrem Heimatland mit wachsender Sorge und engagiert sich für ihre Landsleute. Im Orientzentrum der Marburger Universität (Cnms) organisierte sie eine Ausstellung mit Karikaturen von der Revolutionsbewegung und Mahnwachen in der Fußgängerzone. Für Juli ist eine Podiumsdiskussion zu den Entwicklungen in Syrien und den Chancen der Revolution geplant.

„Dass der Waffenstillstand eine Farce sein wird, war uns von Anfang an klar. Warum sollten die Menschen auf der Straße mit dem Regime zusammenarbeiten, das zuvor Freunde und Angehörige getötet hat?”, fragt Inana Othman und ist pessimistisch, dass sich die Situation bald ändern wird. Dennoch hofft sie weiterhin auf ein Eingreifen der Internationalen Gemeinschaft. Von Deutschland wünscht sie sich vor allem dies: „eine klare Haltung sowie ein entschiedenes Handeln“.

von Alexander Riemer

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