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Folklore des Grauens

Krieg in Syrien Folklore des Grauens

Die Ästhetik der aktuellen ­Bilder aus dem umkämpften Aleppo weckt Erinnerungen an jene Impressionen, die Agenturfotografen und Kameraleute schon von den libyschen Kriegsschauplätzen lieferten: Bärtige, zu allem entschlossene Rebellen, Heldentod inklusive.

Die Kulisse: wahlweise Pickup, zerstörte Hausfassade oder staubige Wüstenstraße. Erreichten uns anfangs aus Syrien allenfalls verwackelte Handyfotos oder regimegesteuerte Propagandaaufnahmen, sehen wir jetzt die Lage in Aleppo und Homs in vermeintlich realistischeren Farbtönen. Doch großer Erkenntnisgewinn über die wirkliche Lage in Syrien geht nicht einher mit der Frontberichterstattung, die aus einer Unmenge unbestätigter Meldungen des einen oder anderen Lagers und ebenso vielen Dementi besteht. Für die internationalen Beobachter ist die Lage so unübersichtlich wie für die Medienvertreter, und im strategischen Kleinklein zwischen der Eroberung vermeintlich wichtiger Stadtviertel und kriegsentscheidender Straßen in irgendeinem Grenzgebiet geht die Konzentration auf die wichtigen Akteure des Syrien-Konflikts in diesen Tagen ein wenig verloren. Was macht Assad? Aus welchen Bevölkerungsgruppen rekrutiert sich die syrische Opposition überhaupt? Was wollen die Rebellen, was die bürgerliche Protestbewegung? Wie erklärt sich die Nato, welche Strategien verfolgen die Vereinten Nationen, was wollen Syriens Nachbarstaaten? Dass die Lage in ­Syrien längst als humanitäre Katastrophe zu verbuchen ist, weiß die Welt längst - auch ohne die aktuelle, fragwürdige Frontberichterstattung. Mehr noch: Die Präsentation von Kriegsschauplätzen nach „Schema F“ sorgt eher für Gleichgültigkeit, als dass sich irgendjemand noch wirklich dafür interessieren würde, was sie denken, hoffen, fürchten - der Rebell mit der Maschinenpistole, die Flüchtlingsfrau mit ihrem Kind an der Hand, der Gewürzhändler vor seinem zerstörten Marktstand. So verkommt der ehrenhafte Versuch der journalistischen Dokumentation eines Bürgerkriegs zur unbeholfenen Folklore des Grauens. Ein mediales Dilemma.

von Carsten Beckmann

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