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„Ein Panzer vergeudet nur Arbeitskraft“

Rüstungsausgaben „Ein Panzer vergeudet nur Arbeitskraft“

Marburg. Der Marburger Friedens- und Konfliktforscher Privatdozent Dr. Johannes M. Becker (Archivfoto) sieht trotz sinkender Militäretats keinen Grund zur Entwarnung.

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Dr. Johannes M. Becker in einer Veranstaltung der Senioren-Universität: „Wir müssen mit unsrem Reichtum anders umgehen“. Foto: Senzel

OP: Herr Becker, die Militärausgaben sind weltweit kaum gestiegen, in Deutschland und in den USA sind sie sogar rückläufig. Können Sie sich über diese Nachricht freuen?

Johannes M. Becker: Man soll sich nicht täuschen lassen. Auf der Erde wurden im letzten Jahr 1700 Milliarden Dollar für das Militär ausgegeben. Die UNO quantifiziert die Kosten für die Halbierung des Hungers auf 45 Milliarden Dollar pro Jahr - das haben wir nicht einmal ansatzweise geschafft. Was produziert ein Panzer? Er vergeudet nur menschliche Arbeitskraft und ein ungeheuerliches Potenzial an hochwertigsten Metallen und von High-Tech.

OP: Erkennen Sie zumindest eine Trendwende?

Becker: Ich sehe sie noch nicht. Das Institut Sipri erwartet, dass eine Trendwende einsetzen könnte aufgrund der finanziellen Probleme der einzelnen Länder. Ich würde ergänzen: Das Gros der Einsparungen wird aus den USA kommen - erzwungenermaßen, weil die USA sich mit den beiden Kriegen in Irak und Afghanistan völlig übernommen haben. Jetzt schichten sie diese Kriege um auf private Militärfirmen. Und die Europäische Union ist dabei, ihre Rüstungsanstrengungen zu konvergieren.

OP: Bedeuten denn abnehmende Etats, dass die Stärke des Militärs abnimmt?

Becker: Nein, ganz im Gegenteil. Die Bundeswehr hat zum Beispiel wegen der enormen Verkleinerung der Armee bei einem nur leicht zunehmenden Rüstungshaushalt ihre Feuerkraft deutlich steigern können.

OP: Deutschland ist auch ein großer Rüstungsexporteur, was immer wieder für Kritik sorgt. Müssen wir genauer darauf achten, wohin Waffen geliefert werden?

Becker: Ja. Unser Land hat vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges und der 40-jährigen Blockkonfrontation die dringende Pflicht, jeglichen Rüstungsexport einzustellen. Der Rüstungsexport ist ökonomisch auch unbedeutend geworden. Es arbeiten nur noch 80000 Menschen in der Rüstungsindustrie, und die erwirtschaften 0,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Aber was wir anrichten mit diesen Rüstungsexporten, ist gewaltig.

von Stefan Dietrich

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