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Ein Dorf sucht seine Zukunft in der Stadt

Rumänen ziehen nach Berlin-Neukölln Ein Dorf sucht seine Zukunft in der Stadt

Es waren Berge von Müll. 150 Kubikmeter um genau zu sein. Dazwischen spielten Kinder, Ratten suchten nach Futter. Als Benjamin Marx das erste Mal den Innenhof des Wohnkomplexes an der Harzer Straße in Berlin Neukölln betrat, stieg Übelkeit in ihm auf.

Berlin. Doch dann schlug er zu und kaufte das Objekt für seinen Arbeitgeber, die Aachener Immobiliengesellschaft. „Eine ziemlich einsame Entscheidung war das letztes Jahr im Sommer“, erinnert sich der Immobilienmanager. Und ein günstiges Angebot, denn kaum ein Investor hatte Interesse an dem heruntergekommenen Wohnkomplex.

Die Bewohner sprachen weder deutsch, noch verstanden sie, dass sie ihre Miete künftig woanders hin überweisen sollten. 700 Einwanderer aus Rumänien leben mittlerweile hier. 127000 sind es in der ganzen Republik. Sie eint die Suche nach dem „Paradies“.

Nachdem die ersten in Berlin angekommen waren, kamen immer mehr. Verwandte, Freunde, fast ein ganzes Dorf siedelte um. Denn es sprach sich schnell rum in Fântânele, dass in Neukölln, einem der ärmsten Stadtteile Berlins mit der höchsten Migrantenquote, das Leben offenbar ein besseres sein sollte. Fântânele ist jetzt in Deutschland.

Damit das Leben der Rumänen tatsächlich besser wurde, räumte Immobilienmanager Marx zunächst einmal auf. Der Müll verschwand, Container wurden aufgestellt, Kammerjäger engagiert. Dann stellte er ein Infozelt auf und bot Mietersprechstunden an. „Die Bewohner waren zunächst irritiert von dem ganzen Gewusel. Also mussten wir irgendwie Vertrauen gewinnen“, berichtet er. Dazu gehörte auch, dass er den Gottesdienst der Rumänen in der Neuköllner Martin-Luther-Kirche besuchte. Die Irritation wuchs - jetzt auch bei den deutschen Nachbarn.

„Die fragten sich wahrscheinlich, warum ich das für ‚diese Zigeuner‘ mache. Doch das sind Menschen, die ihre Miete zahlen und ein Recht auf ordentlichen Wohnraum haben“, erklärt er sein Engagement. Und sie sind vor allem sesshaft und kein wanderndes Volk, wie so viele glauben. Selbst im zweiten Roma-Statusbericht des Bezirksamts Neukölln wird darauf hingewiesen, dass es „ein Vorurteil ist, dass die Zuziehenden einem Wandervolk angehören. Sie sind bislang nur einmal gewandert und das nach Berlin-Neukölln“.

Fast ein Jahr nach dem Kauf des Objektes an der Harzer Straße, hat sich viel verändert. Die Fassade ist eingerüstet. Das Haus wird gedämmt. Schon lange wurden die Folien in einigen Wohnungen durch Fenster ersetzt. Und weil Rumänen eben gerne Grillen, entsteht ein entsprechender Platz. Nur die Wäsche steht immer noch in den Hausfluren und Treppenhäusern. „Bis der Trockenplatz fertig ist, ist mir das lieber, als wenn wir in den Wohnungen Schimmelprobleme bekommen“, sagt Marx.

Doch es wird nicht nur saniert, die Immobiliengesellschaft will auch Integrationsarbeit leisten. Deutschkurse werden angeboten, Kinderbetreuung organisiert. Enttäuschte Gesichter gibt es nur noch, wenn die Verwandtschaft aus Fântânele nachgeholt wird. Denn auch die 7500 Quadratmeter-Anlage an der Harzer Straße ist begrenzt. „Das wirkt dann schon mal hart, wenn sich der Schwager woanders eine Wohnung suchen muss“, sagt Marx. Doch die Zeiten, in denen bis zu zehn Menschen in kleinsten Wohnungen hausten, die seien nun mal vorbei.

Das scheint mittlerweile das einzige Problem in dem Komplex zu sein. Die anderen Schwierigkeiten warten draußen auf die neuen Neuköllner. In der Schule beispielsweise, wenn Kinder in Migrantenklassen gesteckt werden, obwohl sie die deutsche Sprache fast fehlerlos beherrschen. Oder für die Tochter von David S., die eigentlich auf ein Gymnasium gehört, wie der siebenfache Vater überzeugt erklärt. Bisher scheiterte jeder Versuch, die 17-Jährige anzumelden - „wahrscheinlich liegt es an unserer Herkunft“, mutmaßt David S. Und fragt man ihn nach dem Paradies, gibt der Maurer zu, dass er das leider auch in Neukölln noch nicht gefunden hat.

von Nora Lysk

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