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Die Wutbürger vom Schwanenteich

Landesgartenschau Die Wutbürger vom Schwanenteich

Grüne Wiesen, blühende Blumen, Sonnenschein und hunderttausende Besucher - das Idealbild einer Gartenschau. Proteste, Bürgerbegehren und Gerichtsentscheidungen - das ist derzeit in Gießen Alltag.

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Der Schwanenteich: Dass hier 200 Bäume gefällt werden, will die BI verhindern.Fotos: Maren Schultz

Gießen. Wirft man Martina Lennartz das Wort „Landesgartenschau“ hin, stürzt sie sich darauf wie ein Hund auf einen Knochen. „Ich habe nichts grundsätzlich gegen die Landesgartenschau, nur nicht an diesem Ort!“ - „Warum muss man ein stadtnahes Erholungsgebiet, das wirklich schön ist, kaputt machen?“ - „Wir wollen endlich, dass der Gießener Bürger mitbestimmen darf!“ Wenn Lennartz über die geplante Landesgartenschau in Gießen spricht, redet sie sich schnell in Rage. Sie verschluckt Silben und ganze Wörter, springt von einem Punkt zum anderen, erzählt von immer neuen Plänen, hunderten gefällten Bäumen und viel zu hohen Kosten für die ohnehin schon hoch verschuldete Stadt.

Martina Lennartz ist Sprecherin der Bürgerinitiative (BI) „Stoppt diese Landesgartenschau“. Gemeinsam mit rund 30 aktiven Mitgliedern kämpft sie gegen die Landesgartenschau 2014 in der Wieseckaue - einer Parkanlage im Zentrum Gießens. Hier wachsen seltene Orchideenarten, haben Wildbienen ihren Lebensraum gefunden, es gibt Rasenflächen zum picknicken und grillen, Spielplätze, eine Skateranlage und viele, viele Bäume.

Was die BI stört, ist nicht die Landesgartenschau als solche - obwohl einigen BI-Mitgliedern auch einfach die Kosten zu hoch sind. Schließlich ist die Stadt bereits mit rund 250 Millionen Euro verschuldet. Und die Landesgartenschau kostet die Stadt insgesamt 17,7 Millionen Euro. Es ist diese Landesgartenschau, die das Gelände und jetzt auch noch den Schwanenteich am Rande der Wieseckaue zerstöre. „Warum macht man die Gartenschau zum Beispiel nicht auf dem Gelände des ehemaligen Nato-Sonderwaffenlagers in Alten-Buseck?“, fragt Lennartz. „Das liegt seit Jahren brach, und eine Gartenschau wäre dort eine wirkliche Aufwertung.“

In der Wieseckaue, die laut Lennartz seit Jahren der Natur überlassen wurde, sind seit dem Frühjahr die Bagger am Werk. „300 Bäume sind hier schon gefällt worden, die meisten waren völlig gesund.“ Die Skateranlage und ein Verkehrsübungsplatz für Kinder sollen dicht gemacht werden, und spätestens im kommenden Jahr soll das gesamte Gelände eingezäunt und für die Öffentlichkeit geschlossen werden.

Im März 2008 bekam die Stadt Gießen den Zuschlag für die Landesgartenschau 2014. „Nach und nach wurden immer mehr Pläne bekannt, es kam ein Projekt nach dem anderen dazu, hier sollten Bäume gefällt, da Spielplätze geschlossen werden, und es wurde klar, dass das Gelände radikal umgebaut wird. Irgendwann war der Ärger so groß, dass sich rund 250 Leute zusammenfanden und die BI gründeten“, erzählt Lennartz.

Das war im November 2011.Schon im Januar 2012 startete die BI ein erstes Bürgerbegehren - das jedoch zunächst vom Stadtparlament abgelehnt und nach wochenlangen Auseinandersetzungen Ende März vom hessischen Verwaltungsgerichtshof in Kassel endgültig kassiert wurde. Jetzt nimmt die BI mit einem zweiten Bürgerbegehren einen neuen Anlauf.

Und hier kommt Rüdiger Schäfer ins Spiel. Wenn Schäfer über die Landesgartenschau spricht, wirkt er bedächtig, überlegt und sachlich - aber deswegen nicht weniger entschlossen als Martina Lennartz. Er ist der Sprecher des neuen Bürgerbegehrens, mit dem die BI einige der geplanten Arbeiten rund um den Schwanenteich verhindern will. „Am 26. Juni stellte das Stadtparlament seine Pläne für den Schwanenteich vor“, erzählt Schäfer. „Demnach sollen unter anderem die Ufervorsprünge, die derzeit als Aussichtsplattformen dienen, weggebaggert werden und durch sogenannte Geokäfige ein Steilufer entstehen. Der Teich bekäme dann die Form eines Landwehrkanals.“ Außerdem, so Schäfer weiter, sollten nicht nur die 200 Bäume, die im Moment entlang des Schwanenteichs stehen, gefällt werden, auch sämtliche Sträucher und Büsche sollen weichen. „Der Plan sieht nur noch Rasenflächen vor.“

An den Erfolg des neuen Bürgerbegehrens glaubt die BI ganz fest. „Diesmal ist es wasserdicht“, sagt Martina Lennartz. Etwa ein Drittel der 2866 benötigten Stimmen hat die BI schon gesammelt, in drei bis vier Wochen sollen alle Stimmen zusammen sein, um einen Bürgerentscheid herbeizuführen. „Es war schon mutig von uns - manche sagen auch bescheuert - nach dem gescheiterten ersten Bürgerbegehren jetzt einen neuen Anlauf zu starten“, sagt Lennartz. „Aber viele bewundern auch gerade unsere Hartnäckigkeit und Ausdauer.“ „Es geht uns auch um den emanzipatorischen Charakter“, ergänzt Schäfer. „Wir wollen zeigen, dass es sich lohnt, auf die Straße zu gehen und dass die da oben‘ eben nicht machen können, was sie wollen.“

Ob das klappt, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Wenn die BI die benötigte Zahl an Unterschriften erreicht, muss das Stadtparlament dem Bürgerbegehren zustimmen - laut Lennartz diesmal eine reine Formsache. Spätestens sechs Monate später muss es dann einen Bürgerentscheid geben.

von Maren Schultz

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