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Berliner Redaktion Die Linkspartei zerlegt sich langsam selbst
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19:51 23.05.2012
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Berlin

Beim Parteivorstand in Berlin lagen gestern Abend insgesamt acht Bewerbungen, drei von Frauen und fünf von Männern, um die beiden Posten als Vorsitzende vor. Neben Fraktions-Vize Dietmar Bartsch stehen vier weitgehend unbekannte Linken-Mitglieder auf der Männerliste. Mit der aus Sachsen stammenden Linken-Vizevorsitzen­den Katja Kipping sowie der gescheiterten nordrhein-westfälischen Spitzenkandidatin Katharina Schwabedissen bewarb sich auf einer Pressekonferenz in Hannover gestern gleich ein Frauen-Duo. Und auch die Bundestagsabgeordnete Sabine Zimmermann bewirbt sich um den Vorsitz.

Lafontaines Anhänger haben sich nach dessen Rückzug unterdessen auf Bartsch eingeschossen. Wenn schon nicht Lafontaine, dann soll auch der Reformer aus dem Osten ver­hindert werden. Der aus Lübeck stammende Wolfgang Neskovic, Rechtsexperte der Bundestags-Fraktion, etwa wirft Bartsch Machtversessenheit vor: „Dietmar Bartsch ist jemand, der nicht von der Macht einer politischen Vision, sondern von der bloßen Vision der politischen Macht angetrieben ist.“ Starker Tobak.

Die Lage wird verworrener

Der Verzicht Lafontaines hat die Situation nicht entkrampft und ent-emotionalisiert, wie etwa Steffen Bockhahn, der Linken-Landeschef von Mecklenburg-Vorpommern, hoffte. Im Gegenteil, die Lage ist nur noch verworrener geworden. Die Linke zerlegt sich selbst. Seit Monaten tobt ein Führungsstreit in der Protestpartei, die sich vor fünf Jahren aus PDS und WASG im Widerstand gegen die Schrödersche „Agenda 2010“ zusammengeschlossen hatte. Fraktionschef Gregor Gysi, der sich zuletzt hinter Bartsch stellte, rechnet nicht mit einer raschen Beilegung des tiefen Zerwürfnisses. „Bis zum und auf dem Parteitag“ Anfang Juni werde es spannend zugehen. Danach müsse „es allerdings schleunigst wieder hochpolitisch werden“, appelliert der Berliner.

Bartsch selbst, der gestern auf der Linken-Regionalkonferenz in Leipzig-Schkeuditz sprach, hält sich zurück: „Nach dem Parteitag von Göttingen mit der Wahl des neuen Bundesvorstandes müssen alle in der Linken gemeinsam darum kämpfen, wieder auf die Erfolgsspur zurückzukehren“, sagte er dieser Zeitung. Dass sich inzwischen drei Frauen und fünf Männer um die beiden Vorsitzendenposten bewerben, hält er für ein „gutes demokratisches Zeichen“.

Frust mit Händen zu greifen

Der Parteitag sei das Gremium, auf dem Personalentscheidungen getroffen würden, nicht irgendwelche Hinterzimmer.

Doch der Frust ist mit Händen zu greifen. Überdies wirbt die SPD längst um frustrierte Reformer der Linken. Als „völlig absurden Vorschlag“ lehnte Bartsch allerdings entsprechende Avancen des Parlamentarischen Geschäftsführers der SPD-Bundestagsfraktion Thomas Oppermann ab.

von Reinhard Zweigler

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