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Die Kandidaten-Kür als Sturzgeburt

Kanzlerkandidat 2013 Die Kandidaten-Kür als Sturzgeburt

"The Bar is open" - der Tanz kann beginnen. Die SPD-Spitze um Sigmar Gabriel hat den Kampf gegen eine späte Kanzlerkandidaten-Kür verloren. Peer Steinbrück soll es im Herbst 2013 richten.

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Es kann nur einer werden: Peer Steinbrück (von links) wird 2013 für die SPD als Kanzlerkandidat antreten. SPD-Chef Sigmar Gabriel und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sind aus dem Rennen.

Quelle: Wolfgang Kumm

Berlin. Nach einer abendlichen intimen Plauderei mit Journalisten hatte Mitbewerber Frank-Walter Steinmeier am Donnerstagabend zu Protokoll gegeben, er werde nicht als Kanzlerkandidat antreten. Der SPD-Fraktionschef im Bundestag erweckte auch bei diesem Treffen den Eindruck, als wünsche er sich nichts sehnlicher, als im Herbst 2013, nach der nächsten Bundestagswahl, aus der vordersten politischen Reihe auszusteigen.

Dumm zu laufen schien es da für Gabriel. Der übernachtete von Donnerstag auf Freitag in München. Er erfuhr morgens an der Bettkante von der neuen fertigen Kandidaten-Situation. So sickerte es durch. Das Ergebnis wäre gewesen: Steinbrück und Steinmeier handeln und der SPD-Chef weilt in der Ferne. Hals über Kopf fädelte daraufhin Gabriel die Kandidaten-Bekanntgabe als Sturzgeburt ein. „Weil’s Leben manchmal so ist“, scherzte Gabriel.

Bis Montag will die SPD nun auch noch einen großen Rentenkonsens entwickeln. Steinbrück will offenbar einen Mittelweg erarbeiten lassen: Das Rentenniveau soll nur teilweise absinken, es werden noch mehr Vorkehrungen gegen Altersarmut eingeplant. „Es bahnt sich eine Lösung an, mit der jeder wird leben können“, verriet Steinbrück.

Vor vier Wochen hatte Gabriel von Steinbrück erfahren, er stünde als Kandidat bereit, wenn ihn Gabriel vorschlüge. Zugleich ließ Steinmeier den SPD-Chef wissen, mit ihm sei nicht zu rechnen. Und die wahlkämpfenden Landesverbände, allen voran Niedersachsen und Bayern, erhöhten den Druck, möglichst schnell die Kandidaten-Troika abzuwickeln.

Alle Dementis waren falsch

Er wolle die jetzige Regierung „nicht nur teilweise ersetzen“, sondern komplett gegen eine rot-grüne Koalition austauschen, versprach der Ex-Finanzminister gestern. Zielgerichtet hatte sich Steinbrück zuletzt positioniert. Er war nett zur Parteilinken, noch netter zu den Grünen. Zu trinken gab es fast nur noch stilles Wasser.

Hinter den Kulissen in der SPD-Parteizentrale spielten sich derweil merkwürdige Szenen ab. Hier wurde auf Teufel komm raus alles dementiert, was nach einer Abweichung vom bishe­rigen Zeit- und Kandidaturplan aussah. Aber der Druck von außen nach innen wurde immer größer. Jetzt wurde offenbar, dass alle Dementis falsch waren. Die schnelle Nominierung war abgekartet - irgendwann auch mit dem SPD-Bundes­vorsitzenden. Die Kandidaten-Nominierung soll jetzt auf dem SPD-Konvent Ende November geschehen.

Kundige Beobachter wussten es seit Tagen und Wochen besser. Frank-Walter Steinmeier erhielt aus der Partei heraus nicht den flächendeckenden Ruf als rettender Kanzlerkandidat. Hinzu kam offenkundig der Rat seiner Frau, sich eine neuerliche Spitzenkandidatur zu ersparen. Es blieben Zweifel an seiner Frontkampf-Tauglichkeit.

Steinmeier war zu passiv

Lange Zeit hatte sich auch Sigmar Gabriel im Rennen um die Kanzlerkandidatur gehalten, obwohl er gestern offiziell mitteilte, er habe sich bereits im Frühjahr 2011 aus diesem Rennen herausgenommen. Der Parteivorsitzende gilt zwar nach wie vor als unstet in der Sache. Aber man rechnet Gabriel SPD-intern hoch an, dass er die auf 23 Prozent abgestürzte SPD mittlerweile stabilisiert hat.

Gabriels Verdienst, die eigene Partei wieder neu zu motivieren, war bis zuletzt der Trumpf des Vorsitzenden. Steinmeier galt von Anfang an als zu passiv, Steinbrück noch immer für den linken Parteiteil (Stichwort: „Heulsusen“) als Provokation. Überspielt wurde am Ende alles vom unbändigen Kandidatur-Willen Peer Steinbrücks. Er handelte zuletzt immer in großer Übereinstimmung mit Steinmeier.

Gabriel beäugte dieses Kandi­daten-Duo eher misstrauisch. Erst vor wenigen Tagen hatte Peer Steinbrück gefordert, er lasse sich kein fertiges Regierungsprogramm überstülpen. Soll heißen: Die letzten entscheidenden Wahl-Eckpunkte will der bald feststehende offizielle SPD-Kanzlerkandidat schon noch selbst mitprägen. „Ein solcher Wahlkampf ist eine Bürde, aber ein solcher Wahlkampf kann auch Spaß machen“, sagte Steinbrück. Er wolle „zu 200 Prozent“ dafür kämpfen, dass die SPD im nächsten Jahr die Regierung bilden könne.

von Dieter Wonka

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