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„Der Papst kann kein Megastar sein“

Theologie „Der Papst kann kein Megastar sein“

Zum 85. Geburtstag von Benedikt XVI. blickt der katholische Theologe Dr. Joachim Negel auf das Wirken und die öffentliche Wirkung des Papstes. Der Marburger Dozent für Fundamentaltheologie im Interview mit der OP.

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Dr. Joachim Negel ist beeindruckt von der Beharrlichkeit und dem Mut des Papstes, „was fehlt ist Gelassenheit“. Foto: Thomas Breme

Quelle: Thomas Breme

Marburg. OP: Herr Negel, Papst Benedikt der XVI. bekommt zu seinem 85. Geburtstag Glückwünsche aus aller Welt. Wenn man auf sein siebenjähriges Pontifikat schaut, wozu kann man ihn beglückwünschen?

Joachim Negel: Die Wahl von Joseph Kardinal Ratzinger war insofern ein Glücksgriff für die Kirche, als mit ihm seit langem wieder ein Philosoph auf den Stuhl Petri kam. Das Lebensthema von Papst Benedikt ist das Zusammenspiel von Glaube und Vernunft. Weder erschöpft sich der Glaube an Gott in einem subjektiven Gefühl noch kann man die Würde des Menschen empirisch aufweisen? Das funktioniert nicht. Wo man so etwas versucht, gerät man schnell in Teufels Küche. Genau diesen Kreuzpunkt von Glaube und Vernunft durchsichtig zu machen, ist das Lebensthema von Joseph Ratzinger. Mit dem Münsteraner Theologen Johann Baptist Metz kann man es vielleicht so sagen: „Gott ist entweder ein Menschheitsthema oder er ist gar kein Thema.“ Der Papst erinnert uns mit leiser, aber beharrlicher Stimme daran, dass wir mehr sind als anpassungsschlaue Tiere.

OP: Papst Benedikt XVI. ist ein brillanter Theologe. Doch Aussagen, die im wissenschaftlichen Diskurs schlüssig erscheinen mögen, wirken auf die Massen eher befremdlich. Beispielsweise seine Schrift „Dominus Jesus“ aus dem Jahre 2000, in der er dem Protestantismus bestreitet, Kirche zu sein.

Negel: Darin besteht in der Tat eine gewisse Tragik des derzeitigen Pontifikats. Der Kosmos feingesponnener Argumente ist in einer Eventkultur, wie sie die moderne Mediengesellschaft nun einmal darstellt, nur schwer zu kommunizieren.

OP: Also ein Intellektueller, der es nicht schafft, die Massen zu erreichen und zu mobilisieren.

Negel: Man darf Papst Benedikt XVI. nicht auf den unterkühlten Intellektuellen reduzieren. Wenn man seine Predigten hört und mitverfolgt, wie er in den Messen betet, dann bekommt man seine tiefe, bei aller Intellektualität geradezu kindliche Frömmigkeit mit. Das steckt an. Allerdings ist auch sein Ekel vor dem Relativismus unserer Zeit deutlich zu spüren; seine Skepsis vor einer Moderne, die Religion als Wellness ansieht oder in einstündigen Talkshows abhandelt. Und noch etwas sehr Grundsätzliches wäre zu bedenken: Religion ist die Hüterin der Seele, in ihr reflektieren sich die unvordenklichen Lebenszusammenhänge von Zeugung und Geburt, Krankheit und Heilung, Schuld und Vergebung, Liebe und Tod. Da werden dicke Bretter gebohrt. Ein Mensch, der sich solchen Fragen aussetzt, kann kein Megastar sein. Der Vorgänger Johannes Paul war da ganz anders gestrickt. Ein Meister der Inszenierung; ein Mann, der alle Termine absagte, um einen sechswöchigen Russisch-Sprachkurs zu absolvieren, weil Michail Gorbatschow um ein Gespräch unter vier Augen gebeten hatte. Dem Parteichef der KPdSU persönlich ins Gewissen zu reden - eine solche Chance ließ sich Johannes Paul II. nicht entgehen. Er hat aktiv Weltpolitik betrieben. Benedikt XVI. ist ein anderer Typus. Ins Rampenlicht gezerrt zu werden, ist ihm unangenehm. Ein schüchterner Mensch, der bei großen Events verlegen, bisweilen fast linkisch wirkt. Manche mögen das als Defizit sehen. Mir ist es eher sympathisch.

OP: Und doch müsste es auch zur Logik von Papst Benedikt XVI. gehören, dass die Menschen und ihre derzeitige Entwicklung Teil der Schöpfung sind.

Negel: Das weiß der Papst. Nur wie soll man auf die geradezu atemberaubenden Umwälzungen, die uns die Spätmoderne mit ihren technischen Möglichkeiten, mit der Ökonomisierung unserer Lebenswelt zumutet, umgehen? Noch vor zwei oder drei Generationen dauerte eine Ehe im Durchschnitt etwa 20 Jahre; dann starb einer der Partner. Wenn heute zwei Dreißigjährige heiraten, wissen sie, daß sie wenigstens 50 Jahre miteinander auskommen müssen. Das verändert viel; die Ansprüche an den Partner werden notwendig höher. Wir haben da als Kirche, deren Reichtum es ist, 2000 Jahre Tradition im Gepäck zu haben, bislang kaum hinreichende Antworten.

OP: Woran liegt das?

Negel: Nun, mir scheint, dass es an der wechselseitigen Sprachlosigkeit von Religion und Moderne liegt. Man verbittet sich als aufgeklärter Mensch jede Einrede vonseiten der Kirche und erwartet dann doch wieder ganz viel von ihr. Und umgekehrt die Kirche nörgelt wehleidig am Zeitgeist herum und ist nicht selten hemmungslos angepasst - schauen Sie sich nur den Einfluss an, den man in manchen Diözesen Beratungsfirmen wie Mc Kinsey bei der Neugestaltung sogenannter „Seelsorgeeinheiten“ einräumt. Die evangelischen Landeskirchen machen das im Übrigen nicht besser. Da haben Sie das ganze Dilemma auf den Punkt gebracht. Die Kirche sollte gelassener werden. Ihre Botschaft hat den Menschen anderes anzubieten als Wellness und Welfare - sie hat Gott anzubieten.

von Tim Gabel

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