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Berliner Redaktion Der Gelehrte auf dem Heiligen Stuhl
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06:15 19.04.2012
Köln

Plötzlich ist sie da. Eine fast zierliche Gestalt ganz in Weiß steht am Bug des Schiffes auf dem Rhein in Köln und winkt den Menschen zu, wirkt dabei beinahe etwas verlegen. Hunderttausende vor allem junge Menschen sind es. Stundenlang haben sie gewartet, bei brütender Hitze. Bis zu den Oberkörpern stehen sie im Wasser, um ihn zu sehen - Papst Benedikt XVI. Es ist Weltjugendtag 2005 in Köln, der deutschen Heimat des Heiligen Vaters. Und wo immer er auftaucht, feiern sie ihn wie einen Popstar. Sie rufen ihn beim Vornamen. „Be-ne-det-to“ wird zum Schlachtruf der jungen Pilger, die so großen Hoffnungen in das neue Oberhaupt der katholischen Kirche setzen.

Er betete: „Gott, tue mir dieses Amt nicht an“

Denn „Wir sind Papst!“ hatte eine große Boulevard-Zeitung getitelt, als am 19. April 2005 weißer Rauch aus dem Schornstein des Vatikans kam und Kardinal Joseph Ratzinger als Nachfolger von Johannes Paul II. auf den Heiligen Stuhl gewählt war. Der erste deutsche Papst seit 500 Jahren.

Er selbst soll das nie gewollt haben. Gerüchten zufolge soll Kardinal Ratzinger, damals bereits 78 Jahre alt, gebetet haben, Gott solle ihm dies nicht antun. Nach mehr als 20 Jahren als Präfekt der Glaubenskongregation im Vatikan hatte der Theologe in den Ruhestand gehen und theologische Bücher schreiben wollen. Doch Johannes Paul II. lehnte dieses Ansinnen ab - und Kardinal Ratzinger blieb in Rom, als Papst der reinen Lehre und strenger Glaubenshüter. Als Papst, der die Massen scheut und sich stattdessen allzu oft in die Theorie flüchtet.

Schon früh hatte sich der am 16. April 1927 im oberbayerischen Marktl am Inn geborene Joseph Aloisius Ratzinger der katholischen Lehre verschrieben und der universitären Karriere den Vorzug vor dem Priesteramt gegeben. Nach dem Studium der Fundamentaltheologie in München folgt er 1959 dem Ruf als Professor der Dogmatik zunächst nach München.

Weitere Stationen sind die Universitäten in Münster, Tübingen und Regensburg, bevor Johannes Paul II. ihn schließlich 1981 in den Vatikan holt - als Präfekt jener Vatikan-Behörde, die sich dem Schutz der „Glaubens- und Sittenlehre“ verschrieben hat. Ratzinger gilt schnell als konservativer Hüter des Glaubens, der gegen gleichgeschlechtliche Liebe wettert, der Frauen den Zugang zum Priesteramt strikt verweigert und der die evangelische Kirche lediglich als „kirchliche Gemeinschaft“ anerkennt.

Versöhner stolpert überMissverständnisse

Und so ist auch sein bisheriges Pontifikat weniger von Reformgeist geprägt als vielmehr davon, die zunehmende „Gottvergessenheit“ der Menschen zu beklagen und dem Versuch, die Katholiken der Welt im reinen Glauben zusammenzuhalten. Zwar gibt Benedikt XVI. sich gern als Versöhner der Religionen, doch stolpert der 85-Jährige immer wieder über Missverständnisse und Misstöne. Sein Umgang mit der umstrittenen Pius-Bruderschaft und die Rehabilitation des Holocaust-Leugners Bischof Williamson brachten ihm vor allem in Deutschland scharfe Kritik ein. Auch in seiner von vielen missverstandenen Regensburger Rede zur Gewaltbereitschaft im Islam sah so mancher die Bestätigung des Reformverweigerers, der die Augen vor der Realität verschließt. Nicht zuletzt aber war es der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche, zu dem sich Benedikt XVI. erst spät öffentlich äußerte, der ihm das Amt erschwerte.

So ist längst auch die Unbeschwertheit der jungen Pilger gewichen. Die Rufe nach „Be-ne-det-to“ sind verhallt.

von Anja Luckas