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Der Amoklauf - doch kein Einzelfall?

Afghanistan Der Amoklauf - doch kein Einzelfall?

Der US-Soldat, der am Sonntag 16 Afghanen bei Kandahar tötete, soll ein Einzeltäter sein. Bisher gibt es an dieser Darstellung im amerikanischen Verteidigungsministerium keine Zweifel. Unklar ist allerdings, ob der Amokläufer aus einem umstrittenen Truppenteil stammt, der bereits vor zwei Jahren durch eine Mordserie für Aufsehen sorgte.

Washington. Das sogenannte "Kill Team" von Fort Lewis im US-Bundesstaat Washington hatte 2010 mehrere Unschuldige kaltblütig getötet. Die Täter wurden im vergangenen Jahr zu hohen Haftstrafen verurteilt, ihre Einheit aufgelöst.

Angehörige der damaligen Täter meldeten sich gestern mit geradezu erschütternden Einschätzungen zu Wort: Die Offiziere auf der US-Militärbasis nahe der Stadt Kandahar hätten die Lage weiterhin nicht im Griff. Es sei unerklärlich, dass ein Soldat allein, schwer bewaffnet und vielleicht sogar betrunken in den Dörfern unterwegs sei. Hinzu komme, dass in diesem US-Camp nach wie vor Soldaten im Einsatz seien, die früher mit dem "Kill Team" eine gemeinsame Mannschaft gebildet hätten. Die Angaben dieser Verwandten, die namentlich nicht genannt werden wollen, lassen sich bisher nicht überprüfen. Doch in Washington wächst der Eindruck, dass bei diesem Militäreinsatz grundlegend etwas falsch läuft. Ausgerechnet Newt Gingrich, einer der vier hochkarätigen Republikaner, die für das Amt des Präsidenten kandidieren wollen, gibt die Richtung vor: "Irgendetwas läuft verkehrt bei unserem Engagement in der Region, und ich glaube, es wird eher schlimmer als besser." Erstmals deutet der frühere Sprecher des Repräsentantenhauses einen vorzeitigen Abzug an: "Wir riskieren hier das Leben von jungen Männern und Frauen in einer Mission, die, ehrlich gesagt, undurchführbar sein könnte." Noch vor wenigen Wochen hatten sich die Kandidaten der Republikaner in ihrer Forderung gegenseitig überboten, die "Feinde Amerikas zu töten". Auch hatten sie stets den vorzeitigen Abzug aus dem Irak massiv kritisiert. Nun aber könnte sich das Blatt drehen. Im beginnenden Wahlkampf häufen sich die Stimmen, die auf ein zügiges Ende des Militäreinsatzes setzen.

Für Spekulationen sorgten gestern Äußerungen von Harry Reid, Chef der Demokraten im Senat: "Unsere Soldaten stehen unter hohem Druck in Afghanistan. So sehr wie noch in keinem anderen Krieg, an dem wir teilgenommen haben." Zu den Abzugsplänen für 2014 sagte Reid: "Wir gehen raus, wie es der Präsident gesagt hat. Ich denke, das ist richtig so." Manche von Reids Parteifreunden wollten darin gestern bereits eine Andeutung erkennen, dass der Militärabzug noch früher als geplant stattfinden könnte.

von Stefan Koch

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