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Deutschland / Welt Belohnung für die Begabtesten – und Ansporn für alle
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20:12 22.07.2010
Von Heinrich Thies
„Erstklassige Schüler gibt es überall, es kommt darauf an, sie zu ermutigen“: Wer auch an der Uni besondere Leistungen bringt, soll künftig mit dem „Nationalen Stipendienprogramm“ gefördert werden. Quelle: dpa

Shantala Fels schwimmt nicht gerade im Geld. Doch über die Finanzierung ihres Studiums muss sich die Hannoveranerin keine Gedanken machen. Die 25-Jährige, die in Braunschweig Kommunikationsdesign studiert, erhält ein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung. Neben ideeller Unterstützung erhält sie damit pro Monat 650 Euro. Und das Schöne ist, dass sie das Geld anders als beim Bafög nicht irgendwann zurückzahlen muss.

Die Studentin überzeugte die Auswahlkommission des SPD-nahen Begabtenförderungswerks nicht nur mit einem Abi-Notenschnitt von 1,8, sondern auch mit ihrem ehrenamtlichen Engagement. Sie war in der Schule als Konfliktschlichterin tätig und arbeitete nach dem Abi erst einmal fünf Monate in Hilfsprojekten in Indien, der Heimat ihres Vaters. Dass sie sich um ein Stipendium bewarb, hat dagegen eher mit ihrer fünf Jahre älteren Schwester zu tun, die ebenfalls von der Friedrich-Ebert-Stiftung gefördert wurde.

Die hannoverschen Schwestern liegen im Trend. Die Zahl der Studierenden, die in Deutschland von einem Stipendium profitieren hat sich in den vergangenen drei Jahren von zwei auf drei Prozent, auf rund 60.000 erhöht. Ein neues Gesetz soll nun dafür sorgen, dass es noch mehr werden.

Bereits in diesem Wintersemester soll ein „nationales Stipendienprogramm“ Früchte tragen. Bis zu 160.000 begabte Studenten sollen danach unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern mit 300 Euro im Monat unterstützt werden. Die Hälfte übernimmt der Bund, die andere Hälfte müssen die Hochschulen mit Hilfe von privaten Geldgebern aufbringen. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) spricht von einem „historischen Einstieg in eine neue Stipendienkultur“, Studentenverbände, Opposition und Gewerkschaften beklagen dagegen eine sozial unausgewogene Eliteförderung, die noch dazu ungelöste Probleme bei der Umsetzung aufwirft.

„Wichtiger wäre es, dass Bafög deutlich zu erhöhen“, sagt zum Beispiel die Asta-Sprecherin der Leibniz Universität Hannover, Julia Amthor. „Von diesem Stipendienprogramm profitieren ja nicht mal zehn Prozent der Studenten – und die das Geld am dringendsten brauchen, gehen wahrscheinlich leer aus.“ Die 21-jährige Studentin der Sozialwissenschaften bezieht sich wie andere Kritiker auf die bisherige Bilanz der zwölf Begabtenförderungswerke, hinter denen neben der unabhängigen Studienstiftung des Deutschen Volkes Stiftungen von Parteien, Kirchen und Gewerkschaften stehen. Danach gehört Shantala Fels – der Vater ist gelernter Kfz-Mechaniker, die Mutter Krankenschwester – eher einer Minderheit an. Nach einer Studie des Hochschul-Informationsdienstes (HIS) bekommen die Stipendien vor allem die Kinder gut verdienender Akademiker. Arbeiterkinder dagegen schaffen es eher selten in den Kreis der Auserwählten. 51 Prozent der Stipendiaten entstammen „hoher“, 21 Prozent „gehobener“, 19 Prozent „mittlerer“ und nur neun Prozent „niedriger sozialer Herkunft“. Rund 70 Prozent der Geförderten kommen aus Akademikerfamilien.

Doch dabei muss es nicht bleiben. Eine Studie aus Nordrhein-Westfalen, wo der frühere Wissenschaftsminister Andreas Pinkwart (FDP) schon im vergangenen Jahr ein Stipendiensystem mit Beteiligung der Wirtschaft einführte, lässt hoffen. Die Stiftung Studienfonds Ostwestfalen-Lippe ermittelte in einer Befragung, dass 57 Prozent von 140 Stipendiaten keine akademisch gebildeten Eltern haben. Nur 26 Prozent entstammen hier Akademikerfamilien. „Das zeigt, wie groß das Potenzial ist“, sagt Prof. Günther Rüther von der Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS). „Wir müssen uns mehr um Menschen aus einfachen Verhältnissen bemühen.“ Er suche daher gezielt Schulen in Problemgebieten wie Berlin-Kreuzberg auf, sagt der Hauptabteilungsleiter für Begabtenförderung. „Erstklassige Schüler gibt es überall, es kommt darauf an, sie zu ermutigen.“

Derzeit ist bei der CDU-nahen KAS der Anteil der Stipendiaten noch überdurchschnittlich groß, die keinen Anspruch auf Bafög haben und daher nur das elternunabhängige Büchergeld in Höhe von 80 Euro bekommen. Dabei handelt es sich durchaus nicht nur um Kinder von Reichen. Etwa 75 Prozent aller Studierenden gehen beim Bafög leer aus. Für diese Gruppe dürfte das nationale Stipendienprogramm, das 300 Euro unabhängig vom Elterneinkommen verspricht, darum besonders attraktiv sein. Eigentlich sollte das staatlich finanzierte Büchergeld der Begabtenförderungswerke auf die gleiche Summe angehoben werden. Aber davon ist zur Zeit keine Rede mehr.

Probleme anderer Art verursacht die Beteiligung privater Geldgeber. Viele Hochschulen bezweifeln, dass sie es schaffen, für bis zu zehn Prozent ihrer Studenten den geforderten Anteil von 1800 Euro pro Jahr aus der Wirtschaft einzuwerben. „Ich sehe da keine Chancen“, sagt Iris Linke, Dezernentin an der Uni Hannover. „Wir haben schon große Mühe, ein sehr viel kleineres Programm finanziert zu bekommen.“ Die Universität vergibt zur Zeit 250 Stipendien, die die jährliche Semestergebühr von 1000 Euro abdecken. Die Hälfte der Gesamtsumme – 125.000 Euro – kommt aus der Wirtschaft. Zur Finanzierung des nationalen Stipendienprogramms müsste die Uni Hannover mit ihren 20.000 Studenten dagegen bis zu 3,6 Millionen Euro einwerben. Ungeklärt ist zudem, wie die Hochschulen das Auswahlverfahren bestreiten sollen. „Das ist ein Arbeitsaufwand, der allein mit Bordmitteln nicht zu schaffen ist“, klagt die hannoversche Dezernentin.

Erschwerend hinzu kommt, dass die privaten Geldgeber auch darüber bestimmen können, in welche Fachbereiche ihr Geld fließt. Bei dem Pilotprojekt in Nordrhein-Westfalen zeichnet sich bereits ab, dass technische und andere wirtschaftsnahe Fakultäten dabei sehr viel besser wegkommen als die Geisteswissenschaften. Denn das meiste Geld kommt von mittelständischen Unternehmen, die auf geeignete Nachwuchskräfte hoffen.

„Wir haben bisher in Deutschland keine Kultur der privaten Förderung von Stipendien“, sagt Rüther von der Konrad-Adenauer-Stiftung. „Bis das funktioniert, wird es zehn Jahre dauern. Wir haben es mit einem kulturellen Wandel zu tun – und das ist gut so.“

Dies sieht auch Jens Hukelmann so. Der Sohn einer Lehrerin und eines Landwirts aus dem Kreis Cloppenburg studiert in Hannover Biochemie – mit Hilfe eines Stipendiums der Konrad-Adenauer-Stiftung, das er sich mit einem Abischnitt von 1,1 und kirchlicher Arbeit erwarb. „Ich finde es richtig, dass Leute, die sich anstrengen, auch dafür belohnt werden“, sagt der 24-Jährige, der als einer der wenigen KAS-Stipendiaten Anspruch auf Bafög hat – unter anderem weil drei seiner vier Geschwister zeitgleich mit ihm studierten. Dass Studenten aus Akademikerfamilien grundsätzlich bessere Chancen auf gute Noten haben, bezweifelt Bukelmann. „Entscheidend fürs Stipendium sind ja die Leistungen, die man an der Uni erbringt, und das sollte doch unabhängig sein vom Elternhaus.“

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