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Deutschland / Welt Schröder macht auf Schmidt
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00:15 17.02.2014
Von Reinhard Urschel
Gerhard Schröders Interview-Buch „Klare Worte“. Quelle: dpa
Berlin

So romantisch hat noch kein politisches Buch angefangen. Herzergreifend geradezu. Gleich auf den ersten Seiten erzählt der Autor Georg Meck, ein Journalist der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, dass er den 28. September 1998, also den Tag, an dem Gerhard Schröder zum Bundeskanzler gewählt worden ist, nie vergessen werde. Nach durcharbeiteter Nacht habe er nämlich zum ersten Mal jene Kollegin geküsst, die später seine Frau geworden sei. Für die entzückende Gleichzeitigkeit der Ereignisse findet der Autor sogar eine griffige Klammer: Neue Liebe trifft auf Neue Mitte.

Nachdem das also geklärt ist, können sich Meck und Schröder gemeinsam der Politik zuwenden. Sie tun es im Zusammenspiel, das heißt, das Buch ist ein einziges langes Interview. Frage, Antwort, Frage, Antwort, immer so weiter auf 238 Seiten. Nun ist das so eine Sache mit gedruckten Interviews, manche Leute finden, dass sie womöglich langweilig werden, wenn sie über eine halbe Zeitungsseite hinausgehen. Eine Warnung kann also nicht schaden.

Bei der Vorstellung des Buches am Freitag in den Räumen der Deutschen Bank in Berlin teilt der Moderator Michael Naumann, ehemals in der Regierung Schröder erster Kulturstaatsminister der Bundesrepublik, seine Beobachtung mit, es seien an die hundert Medienvertreter im Saal. Vor einigen Jahren, als Schröder seine Memoiren vorgestellt habe, sei nicht einmal ein Bruchteil dabei gewesen. Das stimmt zwar nicht, aber Naumann wollte ja nur wissen, ob es sich mit seinem früheren Chef verhalte wie mit einem guten Rotwein, ob er interessanter, besser werde im Alter. Obwohl der Buchtitel ja nun „Klare Worte“ heißt, fiel Schröders Replik nicht ganz eindeutig aus.

Am 7. April wird Gerhard Schröder 70 Jahre alt. Da darf man als Politiker auf dem Weg zum „elder statesman“ schon ein Zwischenfazit seines eigenen Lebens ziehen. Die Erkenntnis, dass es sich bei Schröder um einen Epochen-Menschen handelt, also um jemand, der seine Lebensabschnitte gerne getrennt betrachtet, als jeweils abgeschlossene Kapitel sozusagen, ist auch Biografen schon gekommen. Nun sieht er das auch selbst so: Das Arme-Leute-Kind, der Aufsteiger, der Rechtsanwalt, der Politiker, der international tätige Wirtschaftsmanager – das sind Lebensphasen, die man getrennt sehen sollte.

Rückblicke sind natürlich gestattet, obwohl Schröder gleich klarstellt: Was „das Bleibende“ seiner Ära darstelle, das zu beurteilen, will er gerne anderen überlassen. Schade, es wäre doch von Interesse gewesen, ob er eher stolz darauf ist, Deutschland aus dem Irak-Krieg herausgehalten zu haben („Friedenskanzler“), oder ob er seine größte Leistung als Politiker darin sieht „Deutschlands Wirtschaft gerettet“ zu haben („Wall Street Journal“).

Die Geschichte der Ära Schröder wird nach dem Erscheinen dieses Interview-Buches nicht neu geschrieben werden müssen. Wohl aber haben Gegner und Bewunderer seiner Politik sowie künftige Biografen einen neuen Leitfaden an der Hand, wie der dritte und bislang letzte sozialdemokratische Kanzler die Veränderungen der Gesellschaft während seiner Regierungszeit bewertet und wie er das Land auf der Weltbühne neu ausgerichtet hat.

Selbst Interviews in Buchform können für den Leser erträglich sein, wenn man hier und dort einen publizistischen Schatz vergräbt. So ist nun „ein für allemal“ geklärt, wer den geschichtsträchtigen Begriff „Agenda 2010“ geprägt hat. Es soll Leute gegeben haben, die Zweifel hegten, aber es war tatsächlich Doris Schröder-Köpf. Gegen die Einwände der Berater ihres Mannes, die den Begriff zu abstrakt, zu kalt und zu bürokratisch fanden, hat Frau Schröder ihn verteidigt, und weil ihr Mann auf sie gehört hat, einen „Glücksgriff“ getan, „weit über die Kanzlerschaft hinaus“.

Die zeitweilige freiwillige Selbstbeschränkung, sich als ehemaliger Regierungschef nicht über aktuelle politische Vorgänge äußern zu wollen, gibt der Bundeskanzler a.D. mit dem Interviewbuch nun endgültig auf. Irgendwann wird der Weltendeuter Helmut Schmidt einen Nachfolger brauchen. An seinem Beispiel sieht nun wohl auch Schröder, wie viel man auf diese Weise für den Nachruhm tun kann.

Zum Tagesgeschäft gibt Schröder also bekannt, dass er mit der Rückkehr zur Rente mit 65 oder gar 63 nicht einverstanden sei, das hat er schon vorab verbreiten lassen. Einem Kanzlerkandidaten Gabriel würde er, das klingt zumindest durch, wohl keine Schläge von der Rentnerbank verpassen wollen, selbst Rot-Rot-Grün schiebt er nicht in die politische Schmuddelecke. Im Gegenteil. Und was ist mit dem lupenreinen Demokraten Wladimir Putin? Das würde er heute nicht mehr so stehen lassen, sagt Schröder, denn „das gibt es ja gar nicht“. Seine freundschaftliche Haltung zum russischen Präsidenten relativiert er aber ausdrücklich nicht.

Nein, das Interview wird nicht langweilig, wenn man es nicht am Stück lesen muss. Es gibt sogar ein paar amüsante Passagen, etwa wenn Schröder leicht gönnerhaft eingesteht: „Den Vorwurf, dass ich in der Regierung sozusagen die Revolution verhindert habe, die ich als Jungsozialist früher selbst geplant habe, lasse ich gelten.“ Jetzt braucht es nur noch einen Historiker, der herausfindet, wann und mit wem der Juso-Chef Schröder „die Revolution“ geplant hat, und einen weiteren, der offenbart, wer und wann zwischen 1998 und 2005 in Deutschland eine Revolution entfachen wollte, die Schröder verhindert hat.

Gerhard Schröder: „Klare Worte. Im Gespräch mit Georg Meck über Mut, Macht und unsere Zukunft“. Herder-Verlag. 238 Seiten, 19,99 Euro.

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