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10:31 06.02.2017
In einigen US-Bundesstaaten erhielt US-Präsident Donald Trump 78 Prozent der Stimmen. Quelle: imago
Washington

Ein guter Mensch? Nicht doch. Ein sympathischer Typ? Ganz und gar nicht. Nein, Brad Armentrout macht sich keine Illusionen über die Persönlichkeit des Mannes, den er zum Präsidenten der USA gewählt hat. „Natürlich ist er ein Aufschneider. Ein typischer Geschäftsmann eben“, sagt der 41-jährige Drucker aus Wardensville, West-Virginia. Aber wenn es etwas gibt, das den Mann mit der Baseballkappe und dem Holzfällerhemd wirklich aufregt, dann ist es nicht der Charakter von Donald Trump – sondern die Naivität seiner Gegner.

„Er setzt genau das um, was er im Wahlkampf angekündigt hat“, sagt Armentrout. Aber so schnell? So rüde? „Von dem Tempo, mit dem er loslegen will, hatte er doch immer gesprochen.“

Hey, Leute, sagt der Drucker Armentrout sinngemäß, nun habt euch mal nicht so. Trump ist zur Abwechslung einer, der macht, was er gesagt hat. Und das will ihm nun jemand vorwerfen? Ernsthaft? „Er verdient eine Chance“, sagt Armentrout mit Nachdruck, „immerhin wurde er demokratisch gewählt.“ Und zwar nicht nur von ihm, von Brad Armentrout, sondern von 78 Prozent der Menschen, die hier leben.

„Natürlich ist er ein Aufschneider. Ein typischer Geschäftsmann eben“, sagt der 41-jährige Drucker Brad Armentrout aus Wardensville, West-Virginia Quelle: Stefan Koch

Und die Leute von Wardensville, fügt Armentrout noch hinzu, die ändern ihre Meinung nicht so schnell. Schon gar nicht wegen ein paar Tausend Menschen, die jetzt in Washington und sonstwo auf die Straße gehen.

Fast jeder zweite Amerikaner lehnt Trump ab

Herzlich willkommen also in Trump-Country. In einer jener Hochburgen, denen Donald Trump seine Macht verdankt – und aus denen man zuletzt ziemlich wenig gehört hat. Natürlich, es stimmt, auch in den USA ist die, um es mal vorsichtig auszudrücken, Skepsis gegenüber dem neuen Präsidenten groß. Noch nie war ein Mann an der Spitze der Nation kurz nach Amtsantritt so unbeliebt wie dieser. Stolze 45 Prozent lehnen Trump schon jetzt ab. Selbst bei George W. Bush, auch kein Sympathieträger, waren es zu diesem Zeitpunkt lediglich 25 Prozent. Die Amerikaner begegnen neuen Leuten im Amt gern erst mal mit einem gewissen Grundwohlwollen. Dieser Präsident jedoch bringt so viele Amerikaner gegen sich auf wie kaum einer vor ihm.

Andererseits wäre es aber auch ein sehr europäischer Irrtum zu glauben, die US-Bürger hätte gerade mal zwei Wochen nach der Amtsübernahme schon die große kollektive Reue gepackt. 43 Prozent der Wähler, so die aktuellen Zahlen des Meinungsforschungsinstituts Gallup, begrüßen Donald Trump und seine Politik nach wie vor. In anderen Umfragen sieht es für Trump sogar, große Überraschung, richtig gut aus. Im aktuellen Rasmussen-Report kommt Trump auf stolze 54 Prozent Zustimmung, Tendenz steigend. Wichtiges Detail: Rasmussen befragt die Menschen anonym, sie müssen sich also nicht namentlich zu Trump bekennen. Was die Umfragen möglicherweise deutlich verlässlicher macht.

Einreisestopp für Muslime und „alternative Fakten“

Und würden Gallup, Rasmussen und all die anderen mal nur Brad Armentrout und die Leute in Wardensville fragen: Die Werte wären noch deutlich besser für Trump. Ist es also das, was die Leute hier wollen? Einreisestopp für Muslime, „alternative Fakten“, mal schnell die Nato infrage stellen: Alles in ihrem Sinne?

Man muss zunächst sagen, dass Wardensville in gewisser Weise kein klischeehafter Trump-Ort ist. Es ist kein Ort der Benachteiligten, kein Platz der weißen Verlierer. Wer hier lebt, hat es eigentlich gut getroffen: Der George-Washington-Nationalpark mit seinen ausgedehnten Wäldern grenzt im Südwesten unmittelbar an die Stadt. Und wer in Richtung Osten fährt, erreicht in gut einer Stunde die Großraumregion von Washington und Baltimore. Die malerische Bergregion ist abgelegen, aber keineswegs chancenlos.

Auch Brad Armentrout zählt nicht zu den Frustrierten. Der 41-Jährige ist an diesem Sonnabend in Marinas Pizzeria zu Gast und wartet auf seine Freunde. Bis die Abendrunde vollzählig ist, erzählt der Junggeselle gern aus seinem Leben: Er wohnt in seinem Elternhaus in einem separaten Apartment, das er sich selber ausgebaut hat. Täglich fährt er 90 Minuten zur Arbeit in den benachbarten Bundesstaat Virginia, um in einer Großdruckerei zu arbeiten. Als Fachmann im Drei-Schicht-Betrieb verdient Armentrout deutlich mehr als der Durchschnitt in West Virginia.

„Es ist ein ständiges Kämpfen“

Brad Armentrout könnte zufrieden sein. Aber er ist es nicht. Natürlich, er kann gut leben, und auch für sein Hobby, die Hirschjagd, reichen Zeit und Geld. Aber er spürt eben auch eine gewisse Unsicherheit: „Es ist ein ständiges Kämpfen. Und wenn man den Job verliert, ist es schwierig, einen anderen Arbeitsplatz zu finden, der vernünftig bezahlt wird.“

Was man bei Brad Armentrout sieht, ist ein Gefühl der Bedrohung. Wirtschaftliche Sicherheit gibt es in seiner Wahrnehmung nicht mehr.

Dabei glaubt er, dass es vor nicht allzu langer Zeit noch ganz anders war. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren seien die Arbeitgeber in die Abschlussklassen der Highschools gegangen, um junge Leute anzuwerben, erzählt Armentrout. „Mein Vater konnte früher unter mehreren Jobs wählen. Davon kann ich nur träumen.“ Es ist nicht weit von hier zu Trumps Slogan „Make America great again“. Diese Sehnsucht nach besseren, nach einfacheren Zeiten, ist hier in Wardensville ganz gut zu spüren. Und sie sind hier längst noch nicht so weit, von dieser Sehnsucht nach ein paar zugegeben eigenwilligen ersten Tagen zu lassen.

„Wir brauchen einen Wechsel, einen richtigen Ruck, der durchs Land geht.“ Das hat Brad Armentrout schon vor der Wahl gesagt. Das sagt er auch jetzt noch – und meint, dass Trump derjenige ist, der diesen Wechsel bewirken soll.

Wardensville ist kein bedingungsloser Trump-Fanclub

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Wardensville ist kein bedingungsloser Trump-Fanclub. Niemand zieht hier mit einer Trump-Flagge durch die Straßen, kaum jemand hat sein Haus mit Präsidenten-Devotionalien geschmückt. Und es gibt Punkte, mit denen manche hier nicht einverstanden sind, vor allem das Einreiseverbot für Menschen aus sieben muslimischen Ländern. Nicht jeder hier hat Lust, mit seinem Namen zu seiner Ansicht zu stehen.

Die Haltung jedoch ist, wenn man mit Menschen in Wardensville spricht, ziemlich eindeutig. „Irakische Freunde, die an der Seite amerikanischer Truppen gekämpft haben, können wir an der Grenze doch nicht abweisen“, sagt ein Mann in den Vierzigern entschieden. Und auch Shanna, eine Restaurantangestellte, ist gegen den „Muslim-Bann“. Dass sich Trump hier mit der Justiz anlegt, sieht sie deutlich kritisch: „Wenn die Gerichte das Vorhaben stoppen, hat die Regierung einen schweren Fehler begangen.“ Ein Fehltritt, der sich nicht wiederholen sollte.

Nur ist das Einreiseverbot für Muslime nicht der Punkt, an dem sie Trump hier messen werden. Sie haben Trump gewählt, weil er versprochen hat, die Wirtschaft anzukurbeln – und ihnen die Früchte des Erfolgs zu schenken, zur Not auch auf Kosten anderer. Shanna, die Angestellte aus dem Restaurant an der Hauptstraße in Wardensville, das nebenbei auch Antikmöbel verkauft, Shanna also sagt: „In Amerika gibt es schätzungsweise elf Millionen Illegale. Das ist doch nicht normal.“ Die zweifache Mutter, bescheidener Lohn, macht eine einfache Rechnung auf: Wenn so viele Menschen ohne gültige Papiere auf den Arbeitsmarkt drängen, gerieten die Löhne unter Druck. Wer nicht zu den Hochqualifizierten zähle, habe das Nachsehen: „Vielleicht rückt Trump die Verhältnisse wieder zurecht“, sagt Shanna.

„In Amerika gibt es schätzungsweise elf Millionen Illegale. Das ist doch nicht normal“, sagt die Restaurantangestellte Shanna. Quelle: Stefan Koch

„Es ist das letzte Aufbäumen einer fast vergangenen Zeit“

Manches, was man in Wardensville hört, klingt reichlich egoistisch. Aber es gehört eben auch zur amerikanischen Wirklichkeit, dass sie ein wenig komplizierter ist, als es in eindimensional empörten Analysen manchmal klingt. Und so hängt an einem Wohnhaus mitten an der Hauptstraße in Wardensville eine Regenbogenflagge, das Zeichen der Homosexuellenbewegung.

Paul Yandura und Donald Hitchcock leben hier, ein Paar, das gleich in mehrerlei Hinsicht zum Feindbild strammer Konservativer zählt: Sie sind schwul – und haben früher in Washington für Bill Clinton gearbeitet.

„Es ist das letzte Aufbäumen einer fast vergangenen Zeit“, sagt Yandura über Trumps Erfolg gelassen. Und sie selbst? Kämen mit den Trump-Anhängern in der Nachbarschaft durchaus gut zurecht. Trotz mächtiger Differenzen. Es geht, so klingt es bei Yandura, einigermaßen tolerant zu in seiner kleinen Stadt. Es wäre, fügt er hinzu, sicher gut, wenn Wardensville kein Sonderfall in den USA würde.

Von RND/Stefan Koch

Trumps Einreiseverbot für Menschen aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern liegt vorerst auf Eis. Auf Twitter kündigte der US-Präsident jetzt ersatzweise „sehr sorgfältige“ Personenkontrollen an. Ein Bundesrichter in Seattle hatte das Trump-Dekret über befristete Einreiseverbote für viele Muslime ausgesetzt.

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