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Politik Der umstrittene „Führer des Widerstands“
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17:12 03.02.2014
Dmitri Bulatow (links), mutmaßliches Folteropfer, und Vitali Klitschko, Oppositionsführer, singen die ukrainische Nationalhymne. Quelle: dpa
Kiew

Mit geballter Faust ruft Vitali Klitschko vor Tausenden Demonstranten zur Gegenwehr auf. Die ukrainische Opposition dürfe der Führung um Präsident Viktor Janukowitsch kein Fußbreit nachgeben, lautet das Motto des 42-Jährigen in Kiew. Längst ist der zum Politiker gewandelte Sportstar das Gesicht der Proteste in der Ex-Sowjetrepublik. Auf der Sicherheitskonferenz in München rissen sich Spitzenpolitiker um ein Foto mit dem Hünen. Die weltweite Beliebtheit will Klitschko nutzen – doch in seiner Heimat ist der frühere Boxweltmeister keinesfalls unumstritten.

Zwar sieht eine aktuelle Umfrage Klitschko nur ganz knapp hinter Janukowitsch. Als „Führer des Widerstands“ lobt das mutmaßliche Folteropfer Dmitri Bulatow sein Idol. Aber das Bild, das vor allem westliche Medien vom angeblichen Superstar der Opposition zeichnen, trügt. Zu zögerlich agiere er, meinen Kritiker, und ein konkretes Konzept habe er bislang auch nicht vorgelegt. Der Jungpolitiker mit Wohnsitz auch in Hamburg sehe sich doch schon als künftiger Präsident, höhnen viele – dabei sei Klitschko allein zweimal bei der Wahl zum Kiewer Bürgermeister gescheitert.

Die radikale Opposition folgt dem Chef der Parlamentspartei Udar (Schlag) ohnehin kaum. Während Klitschko lautstark auf einer bedingungslosen Freilassung der festgenommenen Demonstranten besteht, hecken hinter seinem Rücken die sogenannten Selbstverteidigungskräfte mit der Führung einen Deal aus. Aufrufe Klitschkos zum Generalstreik verhallen wiederholt ungehört.

Der Tiefschlag für den Promi-Politiker: Nachdem er in Gesprächen mit Janukowitsch keinen Fortschritt erzielen kann, wird er am 19. Januar auf dem Maidan ausgepfiffen. Radikale beschimpfen ihn als „Verräter“, Klitschko wird mit Schaum aus einem Feuerlöscher besprüht.

Schon seit mehr als zwei Monaten protestieren die Menschen in Kiew nun schon gegen Janukowitsch. Das Hauptziel, den Staatschef zum Rückzug zu bewegen, haben sie bisher nicht erreicht. Zwar ist Ministerpräsident Nikolai Asarow zurückgetreten, doch vorgezogene Präsidentschaftswahlen scheinen genauso fern wie die angestrebte Unterzeichnung des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union.

Neue Konflikte könnten nach Ansicht von Kommentatoren auch mit der Einladung Janukowitschs an die Opposition zur Regierungsbeteiligung ausbrechen. Klitschko lehnte das Angebot rundweg ab, Vizeregierungschef zu werden unter Arseni Jazenjuk von der Partei der inhaftierten Oppositionspolitikerin Julia Timoschenko. Die Zeitung „Ukrainska Prawda“ berichtete daraufhin, das Machtlager halte Klitschko für „nicht konstruktiv“, während seine Oppositionskollegen Interesse an den Angeboten gezeigt hätten.

Als Hindernis für Klitschkos Ambitionen könnte sich auch Timoschenko erweisen. Träte die frühere Regierungschefin bei Präsidentenwahlen an, läge sie laut Umfragen auf einen Schlag mit Klitschko auf Augenhöhe – und beide hinter Janukowitsch. Timoschenko, deren öffentliche Erwähnung Klitschko meidet, lässt wenig Möglichkeiten aus, gegen den Ex-Boxer zu sticheln. Immerhin ist er ihr Konkurrent in der gespaltenen Oppositionsbewegung.

Nachdem Klitschko die gewaltbereiten Demonstranten im Regierungsviertel als „Provokateure“ geschmäht hatte, stellte sich die Anführerin der demokratischen Orangenen Revolution von 2004 demonstrativ auf die Seite der Kämpfer. Die Männer – und besonders die vier Todesopfer der Straßenschlachten – seien „Helden“.

Ausgerechnet Timoschenko könnte nun ihrem Erzfeind Janukowitsch helfen, die ohnehin zerrissene Opposition zu spalten, meint Oles Busina, prorussischer Kommentator der Tageszeitung „Segodnja“. Wenn die Regierungsgegner kein Entgegenkommen zeigten, könne der Präsident immer drohen, die im Volk populäre Timoschenko freizulassen. Das aber, so heißt es in Kiew, wäre ein herber Rückschlag für Klitschkos Ambitionen auf das Präsidentenamt. Die Wahl ist im März 2015, wenn sie auf Druck der Opposition nicht doch noch vorgezogen wird.

dpa

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