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Politik US-Abzug aus Syrien: Der IS lässt sich mit Bomben nicht besiegen
Mehr Welt Politik US-Abzug aus Syrien: Der IS lässt sich mit Bomben nicht besiegen
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06:32 21.12.2018
In Syrien sagt man Tschüss: US-Soldat in Manbidsch Quelle: Hussein Malla/AP
Berlin

„Wen rufe ich denn an, wenn ich Europa anrufen will?“ Dieser Satz soll vom einstigen US-Außenminister Henry Kissinger stammen. Kissinger selbst bezweifelt das, hat aber nichts dagegen, so zitiert zu werden. Schließlich gibt das Bonmot wieder, wie uneins die Europäer sind – im Gegensatz zur mit einer Stimme sprechenden Großmacht USA. Die einmütigen Staaten von Amerika? Von wegen. Seit Donald Trump ist es damit vorbei. Es gibt nicht eine US-Politik – es gibt gleich mehrere, einander widersprechende. Der von Trump angekündigte US-Rückzug aus Syrien belegt dies auf haarsträubende Art und Weise.

Abzug ohne Vorwarnung

Die Verbündeten sind rat- und sprachlos. Keine Absprache, keine Vorwarnung: Der 91-Zeichen-Tweet, in dem Trump den Sieg über den „Islamischen Staat“ verkündete und damit seine Mission als erfüllt ausgab, hat die Europäer kalt erwischt. Schließlich hatten ihnen die Gesprächspartner aus dem Pentagon, dem US-Außenministerium, der Republikanischen Partei und selbst aus dem Umfeld Trumps versichert, dass der US-Einsatz in Syrien noch lange währen würde – auch über einen Sieg gegen den IS hinaus. Denn damit wäre ja das eigentliche Ziel der Amerikaner in der Region – das Zurückdrängen des iranischen Einflusses – noch nicht erreicht. Doch die Gesprächspartner in den USA sind von Trumps Schritt genauso überrascht wie die Europäer.

Ohne US-Truppen fällt die Basis für das Mandat der Deutschen weg

Dabei war der Ausblick auf eine längere Präsenz der USA in Syrien einer der Gründe dafür, dass der Bundestag das Anti-IS-Mandat der Bundeswehr erst im Oktober um ein Jahr verlängerte. Es sieht zum einen die Ausbildung irakischer Streitkräfte vor. Zum anderen ist die Bundeswehr an der Luftbetankung von Kampfflugzeugen beteiligt, die Einsätze gegen den IS in Syrien fliegen, sowie an Aufklärungsflügen. Sollte Trump die US-Einsätze aus der Luft stoppen, fiele die politische Basis des Mandats weg.

Es ist schon heute problematisch, dass auf die von deutschen Aufklärungsflügen bereitgestellten Daten auch die Türken zugreifen können. Als Nato-Partner ist dies ihr gutes Recht – doch in Syrien ist der Hauptfeind der Türkei nicht der IS und auch nicht das Regime von Machthaber Assad. Es sind die Kurden – jene Kraft, ohne deren Bodentruppen die Amerikaner den IS nicht hätten zurückdrängen können. Umso frappierender, dass Trump die Kurden fallen lässt. Schlimmer noch: dass er Präsident Erdogan gegen die syrischen Kurden vorgehen lässt und so einen neuen gefährlichen Konfliktherd schafft.

Hat Trump Israel vergessen?

Gut möglich, dass Trump die Folgen seiner Entscheidung nicht bedacht hat. Dass er von seiner Rolle als siegreicher Feldherr und treusorgender Oberbefehlshaber so berauscht war, dass er darüber das Wohlergehen Israels vergessen hat. Seine Volte setzt den engsten Verbündeten einer existenziellen Gefahr aus: Ziehen die Amerikaner aus Syrien ab, steht einer iranischen Landbrücke von Teheran über den Irak und Syrien bis zu den Golanhöhen nichts mehr im Wege. So dürften die Mullahs über Trumps Truppenabzug nicht minder erfreut sein als Russlands Präsident Putin. Eine „korrekte Entscheidung“, die Trump da getroffen habe, lobt der Assad-Verbündete. Moskau gibt nun bei der Neugestaltung Syriens den Ton an.

Von einer Nachkriegsordnung ist das Land allerdings noch entfernt. Der IS mag geschwächt sein – besiegt ist er nicht. Seine Zellen schlagen aus dem Untergrund zu. Radikale werden Zulauf haben, solange ihre Entstehungsgründe nicht beseitigt sind: Große Armut und Mangel an Perspektiven machen Menschen anfällig für Ideologien; ihr Frust entlädt sich in einem Konfessionskrieg zwischen Sunniten und Schiiten, der von einem globalen Wettstreit um Macht und Einfluss in der Region befeuert wird.

Bomben machen dem IS nicht den Garaus

Militärisch lässt sich der IS nicht besiegen. Stattdessen braucht es eine Strategie, um den durchaus vorhandenen Wohlstand in der Region gerecht zu verteilen. Das birgt eine Chance für europäische Diplomatie. Es hilft nichts, die eigene militärische Ohnmacht zu beklagen. Mit großzügiger humanitärer Hilfe, Dialogformaten und dem Ausblick auf Investitionen könnten die europäischen Mächte mehr zur Befriedung der Konflikte im Mittleren Osten beitragen, als dies US-Bomben je vermocht haben. Es wäre in Europas ureigenem Interesse.

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Von Marina Kormbaki/RND

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