Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Berliner Redaktion Wie Bambi aus der Asche
Mehr Welt Politik Berliner Redaktion Wie Bambi aus der Asche
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:05 16.03.2012
Düsseldorf

Die Entscheidung über die Schlüsselfigur bei der Schicksalswahl in Nordrhein-Westfalen fiel in Tagungsraum "Lissabon" des Düsseldorfer NH-Hotels. Der Bundesvorsitzende Philipp Rösler wartete im Parterre, als NRW-Landeschef Daniel Bahr, Fraktionschef Gerhard Papke und Christian Lindner sich abends um acht zum finalen Dreier-Gipfel trafen. Er endete nach einer knappen Dreiviertelstunde mit einer faustdicken Überraschung für die Liberalen. Denn am späten Nachmittag wussten weder Rösler noch die weitere Führung der Bundespartei, dass der Spitzenkandidat am Abend Lindner heißen würde. Und auch nicht, dass der Bundestagsabgeordnete aus Wuppertal Gesundheitsminister Bahr den Vorsitz im mitgliederstärksten Landesverband abringen würde.

Das Comeback von "Bambi", wie der 33-Jährige Ex-Generalsekretär parteiintern genannt wird, war perfekt. Eigentlich hatte Lindner als nächsten Karriereschritt nur den Vorsitz im Bezirksverband Köln angepeilt. Aber die Neuwahl wirbelt die Kleiderordnung in der FDP mächtig durcheinander.

Dabei war die Entscheidung nicht ohne innere Logik. Fraktionschef Papke, der Lindner massiv unterstützte, verzichtete von vornherein. Er gilt nicht als Wahlkampflokomotive - ganz im Gegensatz zum rhetorisch brillanten Lindner. Landeschef Bahr war zwar der natürliche Favorit, aber mit ihm drohte der "Röttgen-Effekt", wie es in der NRW-FDP hieß. Es wäre dem Wähler kaum zu vermitteln gewesen, dass Bahr nach der Wahl aus dem Gesundheitsministerium nach Düsseldorf wechseln würde. Ihm fehlt es auch an landespolitischer Erfahrung.

Lindner kann dagegen auf fast zehn Jahre Landtag und sechs Jahre Generalsekretär der Landes-FDP verweisen, er hat erfolgreich Wahlkämpfe geführt. Und es mag auch eine Rolle gespielt haben, dass Bahr, der eine schwierige Pflegereform vor der Brust hat, das Risiko scheute. Wahlniederlagen kratzen am Minister-Glanz. Lindner dagegen kann tendenziell nur gewinnen.

In Umfragen ist die FDP auf zwei Prozent abgesackt. Fliegt sie aus dem Landtag, kann Lindner auf die aussichtslose Ausgangslage verweisen. Schafft er den Wiedereinzug, wäre er der neue Held der FDP mit Perspektive auf mehr. Dabei hatte es noch vor drei Monaten nach dem Rücktritt so ausgesehen, als wäre der frühere Hoffnungsträger auf längere Zeit im Abseits gelandet. In der Partei wurde über seine "Fahnenflucht" getuschelt. Jetzt zeige Lindner Mut und übernehme Verantwortung, lautete die Lesart - "Bambi" aus der Asche. "Wir spielen nicht auf Platz, sondern auf Sieg", posaunte Lindner. "Ich freue mich, dass er sich aus der Reserve zurückrufen lässt", erklärte Bahr. Die bereits zerrüttete "Boygroup" Rösler/Lindner/Bahr zeigte sich in neuer Harmonie.

Dabei hatte Lindner vor drei Monaten auch wegen Unstimmigkeiten mit dem Parteichef den Generalsposten hingeschmissen. Jetzt hängt auch Röslers Zukunft ironischerweise am Erfolg des Jüngeren. "Wir schicken den besten Mann", erklärte der FDP-Chef spontan. Die FDP, freut sich ein Spitzenliberaler, habe endlich wieder eine "erkennbare Personalreserve". Jetzt muss Lindner nur noch die FDP retten.

von Frank Lindscheid