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Politik AfD-Chef: „Ich habe für die Linke als Partei ein gewisses Grundverständnis“
Mehr Welt Politik AfD-Chef: „Ich habe für die Linke als Partei ein gewisses Grundverständnis“
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22:53 24.02.2019
Alexander Gauland denkt erstmals laut über seinen Abschied aus der Politik nach. Quelle: Jörg Carstensen/dpa

Herr Gauland, in der AfD streiten sich Konservative und Radikale heftiger denn je – und in der Fraktion kritisieren Abgeordnete, dass jede inhaltliche Linie und Führung fehlten. Sie sind Partei- und Fraktionschef – können Sie die Partei noch führen?

Die AfD ist nun einmal sehr basisdemokratisch, sie ist sehr anarchisch. Ja, ein Minimum an gemeinsamer Schlagkraft ist nötig. Aber die Fraktion ist nun einmal die Summe der gewählten Abgeordneten, die können Sie nicht in ein Korsett zwingen. Die ersten, die dagegen protestieren würden, wären diejenigen, die heute mangelnde Führung beklagen.

Ihr Co-Parteichef und Europa-Spitzenkandidat Jörg Meuthen hat die Europawahl als Chance für die AfD bezeichnet, sich auch im Westen deutlich oberhalb der 10-Prozent-Marke festzusetzen. Die Umfragen sehen jetzt anders aus. Werden die Wahlen eine Enttäuschung für Sie?

Die Europawahl wird kein Selbstläufer. Das hat auch mit dem Brexit zu tun. Im Lichte des Austritts der Briten schauen die Menschen skeptischer auf Bestrebungen, die EU zu verlassen. Wir fordern den „Dexit“, aber nur als letzte Möglichkeit, wenn sich die euro- und brüsselskeptischen Parteien nicht mit Reformen durchsetzen. Aber mir ist klar, dass die anderen Parteien warnen werden: Schaut auf das Chaos, das die Briten angerichtet haben! Das macht den Menschen Angst.

Der Verfassungsschutz wirft der AfD unter anderem Rassismus vor. Wie viele Rassisten gibt es in der Partei?

Der Verfassungsschutz hat vollkommen den Verstand verloren. Mir werfen sie vor, dass ich mal gesagt habe, eine deutsche Fußballmannschaft ist nicht mehr so deutsch, wie das 1954 noch der Fall war Ich habe daraus aber nicht abgeleitet, dass das nicht sein dürfte. Damit habe ich keine rassistische Äußerung getätigt. Ich kann darin keinen Angriff auf das Grundgesetz zu sehen.

„Die Gefahr der Unterwanderung ist real“

Es gibt viele Vertreter Ihrer Partei, die ein ethnokulturell einheitliches Land wollen. Und Ihr Co-Chef Meuthen wirft den Radikalen „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ vor.

Die Frage ist doch eine ganz andere: Der Dienst soll sich darum kümmern, ob jemand gewaltsam oder mit illegalen Mitteln das Grundgesetz angreift. Wenn einer sagt: Ich hätte gern ein ethnokulturell einheitliches Deutschland – warum darf er das nicht sagen? Wo ist der Angriff auf die Verfassung?

Björn Höcke, Spitzenkandidat in Thüringen, schreibt von einem „groß angelegten Remigrationsprojekt“, bei dem es auch „unschöne Szenen“ geben werde. Andreas Kalbitz, Spitzenkandidat in Brandenburg, sagt Dinge wie „Wir haben die Türken nicht vor Wien besiegt, um ihnen jetzt Berlin zu überlassen“. Alles harmlos?

Was ist daran falsch? Keiner sagt: Ich werde das gewaltsam durchsetzen. Dann hätte der Verfassungsschutz Recht. Wenn einer nur sagt: Ich möchte, dass in Deutschland nur Menschen leben, die hier seit drei Generationen ansässig sind, dann ist das höchstens eine unsinnige Meinung, aber eine zulässige.

AfD-Bundesvize Georg Pazderski geht davon aus, dass in der Partei eingeschleuste Provokateure gäbe. Glauben Sie das auch?

Erinnern Sie sich an das erste NPD-Verbotsverfahren? Den Vergleich verwende ich zwar ungern, aber damals wurde ja deutlich, wie stark die V-Leute des Verfassungsschutzes diese Partei prägten. Die Gefahr der Unterwanderung ist real. Ich kenne jetzt allerdings niemanden konkret, aber es könnte so einen Fall einmal geben.

In Brandenburg, Thüringen und Sachsen wird dieses Jahr gewählt. Wird die AfD in einem der drei Bundesländer an die Regierung kommen?

Die Frage könnte sich nur in Sachsen stellen – das wird Frau Merkel, solange sie noch Kanzlerin ist, zu verhindern wissen. Ich gehe davon aus, dass sich die CDU, wenn es anders nicht mehr geht, sich von den Linken tolerieren lässt oder sogar eine Koalition mit der Linkspartei eingeht.

„Ich werde als Westdeutscher wahrgenommen“

Sie sind jetzt 78 geworden. Im Herbst steht die Neuwahl des Fraktionsvorstands und dann auch der Parteispitze an. Werden Sie eines der Ämter niederlegen?

Vor Sommer stelle ich mir diese Frage selber nicht. Erst dann kann ich sagen, ob ich noch die Kraft habe oder nicht mehr. In zwei Jahren, mit 80, wäre es dann vielleicht wirklich an der Zeit, sich zur Ruhe zu legen.

Sie sind in Chemnitz geboren, mit 18 als Flüchtling nach Westdeutschland gekommen, mit 51 wieder nach Brandenburg zurückgekehrt. Sehen Sie sich eigentlich als Ost- oder als Westdeutscher mit Ihrer Biografie?

Ich werde als Westdeutscher wahrgenommen – außer in Chemnitz, da ist der Saal voll und die Begeisterung groß, weil ich dort geboren wurde. Politisch gelte ich als Wessi.

Verstehen Sie die aktuelle Diskussion um die Erfahrungen der Ostdeutschen nach der Wende?

Die Lebensläufe der Ostdeutschen wurden durch die Wiedervereinigung entwertet. Das muss man einfach so klar sehen. Ich brauche doch nur mich selber anzugucken: Wenn ich nicht in den Westen gegangen wäre, hätte ich nicht studieren dürfen, ich hätte wahrscheinlich eine Lehre bei der Reichsbahn gemacht. 1989 wäre es mir nicht möglich gewesen, all das nachzuholen. Ich hätte nicht 40 Jahre später studieren können. Sie können diese 40 Jahre DDR nicht nachholen. Es ist ihr Leben gewesen. Die Konkurrenz dieser Generation zum Westen ist sehr viel schwieriger. Ich habe daher auch für die Linke als Partei ein gewisses Grundverständnis. Die Grünen halte ich für gesellschaftsschädlich und rein ideologiegetrieben. Die Linken kann ich nachvollziehen. Viele im Osten haben eine Entwertung ihres Lebens erleben müssen.

Von Jan Sternberg/RND

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