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Welt Poesie zwischen Gabelstaplern – das Berlinale-Fazit
Mehr Welt Poesie zwischen Gabelstaplern – das Berlinale-Fazit
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19:23 23.02.2018
Der Goldene und die silbernen Bären. Quelle: dpa
Berlin

Bei der Preisverleihung wird Franz Rogowski am Samstag auf jeden Fall im Publikum sitzen, ganz egal, was jetzt noch geschieht. Es ist für ihn ja sowieso schon so viel passiert bei diesen 68. Internationalen Filmfestspielen: „Ich habe schon lange gewonnen mit zwei Wettbewerbsfilmen und der Auszeichnung als Europäischer Shooting Star“, sagt er. „Der Bär ist da ganz egal.“ Und dabei schaut er unter seiner Basecap so treuherzig drein, dass man ihm aufs Wort glauben mag.

Dennoch wäre der Darstellerpreis für den 32-Jährigen alles andere als eine Überraschung. Erst hat er als Flüchtling vor den Nazis in Christian Petzolds Drama „Transit“ Begeisterung entfacht und am Freitag dann noch einmal als Gabelstaplerfahrer in Thomas Stubers zart-herber Liebesgeschichte „In den Gängen“. Unisono preisen beide Regisseure die Körperlichkeit des gelernten Tänzers. Petzold fühlte sich an den jungen Paul Belmondo erinnert, mit Stuber studierte Rogowski kleine Choreografien zwischen Nudelregalen ein.

Die steile Karriere mit Filmen unter der Regie von Sebastian Schipper (“Victoria“), Michael Haneke (“Happy End“) und demnächst US-Legende Terrence Malick (“Radegund“) ist besonders bemerkenswert, weil Rogowski lispelt. So ein menschlicher Makel wird Schauspielern selten zugestanden: „Das ist mein Gütesiegel“, sagt Rogowski trocken. Manchmal weiß man bei seinen Antworten doch nicht so genau, woran man ist.

Wie gut stehen die Chancen der deutschen Wettbewerbskandidaten?

Steht er aber vor der Kamera, mischen sich beeindruckend Entschlossenheit und Verletzlichkeit - so wie am Freitag in „In den Gängen“. Da taucht er in ein Neonlichter-Universum ab, in das niemals Tageslicht fällt. Sein Christian ist der Neue, der „Frischling“, wie Marion (Sandra Hüller) schnippisch sagt. Christian redet nicht viel, versteckt die Gefängnis-Tätowierungen unter dem Arbeitskittel und übt sich darin, Bierkisten mit dem bockigem Gabelstapler zu transportieren. Bruno (Peter Kurth) ist Christians barscher Lehrer, kann aber einfühlsam sein: „Du stapelst heute wieder wie ein Irrer, weil es dich erwischt hat“, sagt er dann. Getränke-Christian hat sich in Süßwaren-Marion verliebt. Und die ganze Großmarkt-Nachtschicht nimmt solidarisch Anteil.

Einer prosaischen Welt verleiht der Leibziger Regisseur Stuber eine poetische Aura. Es ist, als würde man auf den Grund eines Ozeans tauchen und dort fantastischen Lebewesen nachspüren. Wenn Christian den Gabelstapler bis hoch an die Decke ausfährt und dann vorsichtig wieder runter, hören Marion und er das Meer rauschen.

Die 68. Berlinale und die deutschen Filme: Das war überhaupt eine erfreuliche Begegnung. Leer dürften die vier deutschen Bären-Kandidaten in einem insgesamt wenig spektakulären Wettbewerb keinesfalls ausgehen. Am Freitag ritt die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska in „Twarz“ (Gesicht) noch einmal eine satirisch unterlegte Attacke gegen einen mitleidlosen nationalistischen Katholizismus. Der Film passte perfekt ins Beuteschema dieser Berlinale: Es wurden Werke bevorzugt, die sich an der unerfreulichen Wirklichkeit reiben.

Jury-Präsident Tom Tykwer hat nun allerdings ein Problem: Er dürfte sich schwer damit tun, deutsche Regisseure zu sehr in den Vordergrund rücken, die gute Kollegen von ihm sind. Und wenn doch? Petzolds originelle Anna-Seghers-Verfilmung „Transit“ stach hervor. Klug hat er das Thema zu aktualisieren gewusst, das dieses Festival durchdrungen hat: unser Umgang mit Flüchtlingen.

„MeToo“ beeinflusste den Blick auf die Filme

Ins Zentrum der Aufmerksamkeit hatte sich jedoch eine andere Frage gedrängt: Wie lässt sich der Schwung der „MeToo“-Bewegung in die Praxis umsetzen? Beim Befund waren sich alle einig in zahlreichen Diskussionsrunden. Männlich dominierte Machtstrukturen sind der Sumpf, in dem sexuelle Übergriffe gedeihen. „Sexuelle Belästigung ist systemisch, nicht bloß eine Anzahl isolierter Einzelfälle“, hieß es in einem während des Festivals initiierten Manifest.

Eine Beschwerdestelle für Betroffene hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters finanziell bereits angeschoben. Die 50-Prozent-Quote bei Regieaufträgen und Fördergeld wurde gefordert, ist aber weit von der Wirklichkeit entfernt. Ob ein Verhaltenskodex am Set sinnvoll ist, darüber gingen die Meinungen auseinander. Würde dadurch künstlerische Kreativität gehemmt? Und noch eine schwer umzusetzende Notwendigkeit: Wie lassen sich die Chancen älterer Schauspielerinnen bei der Rollenvergabe steigern?

„MeToo“ beeinflusste auch den Blick auf die Filme selbst. Der Inhalt eines Werks wird inzwischen leicht gleichgesetzt mit der Meinung seiner Macher. Sollte es jemand wagen, Dieter Wedels Leben zu verfilmen, muss er aufpassen, sich bei Bademantel-Szenen nicht dem Verdacht der Komplizenschaft auszusetzen. Wie aber soll man den vielzitierten männlich dominierten Blick dann zeigen? Und noch eine Frage dürfte künftig Kopfzerbrechen bereiten: Gehört es zur Aufgabe einer Filmauswahl-Jury, belastete, aber juristisch nicht belangte Regisseure auszuschließen? Eine Roman-Polanski-Retrospektive wäre damit ausgeschlossen.

Im nächsten Jahr legt Dieter Kosslick seinen letzten Auftritt als Intendant auf dem roten oder wie auch immer eingefärbten Teppich hin. Die leidige Nachfolgefrage ist dann definitiv geregelt. Auch nach dem Abgang des obersten Spaßbären dürfte die Berlinale ein wild wucherndes Großstadt-Festival bleiben, das Besucher magisch anzieht.

Von Stefan Stosch/RND

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