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Panorama Witwe lebte zehn Jahre mit zwei Leichnamen auf dem Sofa
Mehr Welt Panorama Witwe lebte zehn Jahre mit zwei Leichnamen auf dem Sofa
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17:21 06.07.2010
Jean Stevens mit einem Foto ihres verstorbenen Mannes: „Ich konnte ihn sehen, ihn anschauen, ihn berühren." Quelle: ap

Die 91-jährige Witwe lebte allein in einem baufälligen Haus an einer einsamen Landstraße. Doch einsam war sie nicht, so lange sie ihren Mann und ihre Zwillingsschwester besuchen konnte. Dass die bereits gestorben waren, machte nichts. Jean Stevens ließ ihre einbalsamierten Leichname einfach ausgraben und bewahrte sie zu Hause auf, den ihres Mannes über ein Jahrzehnt lang. Sie pflegte die sterblichen Überreste, so gut sie konnte, bis die Polizei vorigen Monat schließlich Wind davon bekam.

Sehr zu ihrem Missvergnügen. „Ich kann den Tod schwer hinnehmen“, sagt sie. Die Polizei ist dabei, ihre Ermittlungen in dem makabren Fall abzuschließen. Jean Stevens wünschte derweil, sie wäre wieder vereint mit ihrem James, der nach fast 60 Jahren Ehe 1999 starb, und mit ihrer im Oktober einem Krebsleiden erlegenen Schwester June.

Immer mal wieder wird von ausgegrabenen Leichnamen berichtet, doch nur selten geben die Beteiligten über ihre Beweggründe Auskunft. Jean Stevens, die so gar nichts von jemandem an sich, der Leichen fleddert. Sie spricht ziemlich offen über das, was sich in der Kleinstadt Wyalusing in den Bergen Pennsylvanias zugetragen hat. Sie weiß, was die Leute von ihr denken müssen. Aber sie hatte ihre Gründe, und die sind kompliziert, ein wenig traurig und auf eigenartige Weise auch rührend.

Sie ist schick im hellblauen Polohemd und Khaki-Rock, mit Silberohrringen, das weiße Haar zurückgekämmt, die braunen Augen klar und aufmerksam. Sie bietet dem Besucher ein Stück Kuchen an und wirft ihm einen wissenden Blick zu, als er ablehnt: „Sie haben Angst, ich könnte Sie vergiften“, sagt sie.

Auf einer Kommode in der Esszimmerecke steht eine Schwarz-Weiß-Aufnahme von Jean, einer Schönheit Anfang 20, und James in Uniform. Es wurde nach ihrer Hochzeit 1942 aufgenommen, bevor er in den Krieg zog. Später arbeitete er für General Electric in einer Fabrik, dann als Automechaniker. Am 21. Mai 1999 starb er an Parkinson.

Neben dem Foto steht ein Schnappschuss von Jean und June, beide schon Ende 80. Mit ihrer Schwester war Jean in vielerlei Hinsicht fast noch mehr verbunden als mit ihrem Mann. June wohnte über 300 Kilometer weit weg; die beiden telefonierten mehrmals die Woche und schrieben einander oft. Beim 70. Jahrgangstreffen ihrer Abschlussklasse von 1937 waren die Schwestern - die auch noch Brüder geheiratet hatten - Ehrengäste.

"Ich finde, wenn man sie in die Erde legt, heißt das Abschiednehmen“, sagt Stevens. „So konnte ich sie berühren und sie ansehen und mit ihr reden.“ Sie bettete die tote Schwester auf ein Sofa in einem Nebenraum ihres Schlafzimmers und besprühte sie mit Junes teurem Lieblingsparfüm.

„Ich bin reingegangen, ich habe geredet, und ich habe vergessen“, sagt Stevens. „Ich hab ihr die Brille aufgesetzt, das machte einen großen Unterschied. Ich habe sie hergerichtet. Ich habe immer ihr Gesicht hergerichtet.“

Ihr Ehemann, der auf einem nahen Friedhof beigesetzt worden war, ruhte im dunklen Anzug mit weißem Hemd und blauer Strickkrawatte auf einem Sofa in der Garage. „Ich konnte ihn sehen, ihn anschauen, ihn berühren. Jetzt finden manche Leute das ganz grausig“, sagt sie. „Ich empfinde eben anders über den Tod.“

Sie befürchtet manchmal, dass nach dem „großen Finale“ das große Nichts kommt. Doch dann steht sie nachts auf, schaut die Sterne am Himmel an und denkt: „Es muss jemanden geben, der das erschaffen hat. Das entsteht nicht einfach so.“ So ist sie im Zwiespalt über Gott und das Leben danach.

Nicht sonderlich religiöse Menschen täten sich mit dem Tod häufig schwer, weil sie befürchteten, dass damit wirklich alles zu Ende sei, erklärt die Psychiaterin Helen Lavretsky. Für sie „existiert der Tod nicht“, sagt die Expertin. „Sie leugnen den Tod.“ Stevens habe das auf extreme Weise ausgelebt.

Sie hatte noch einen anderen Grund, sie aus der Erde zu holen: Ihre Schwester litt, wie sie selbst, stark unter Klaustrophobie. Sie auf ewig in einer Kiste unter der Erde zu wissen, entsetzte sie: „Das heißt für mich Ersticken, selbst wenn man nicht mehr atmet.“

Also ließ sie ihre Lieben jeweils wenige Tage nach der Beisetzung wieder ausgraben. Lange kam niemand dahinter. Die Nachbarn, die ihren Rasen mähten und sie zum Einkaufen fuhren, wussten von nichts oder hielten den Mund. Wer die Leichen exhumierte und wer über ihre toten Lebensgefährten Bescheid wusste, verrät die sonst so freimütige alte Dame nicht. Sie vermutet, dass ein Verwandter ihres Mannes die Behörden informiert hat. „Ich finde das gemein, ganz mies.“

Die Ermittlungsbehörden wollen in den nächsten Wochen entscheiden, ob und welche Anklage erhoben wird - Leichenschändung möglicherweise, oder Verstoß gegen Bestattungsvorschriften. Stevens hat ausführlich vor der Polizei und Untersuchungsrichter Tom Carman ausgesagt. Der Richter spricht von einem „sehr, sehr bizarren Fall“. Doch über die Frau im Mittelpunkt hat er nur Gutes zu sagen. „Ich habe einiges dazugelernt, kann man sagen. Sie ist hundertprozentig kooperativ - und es ist ein Vergnügen, sich mit ihr zu unterhalten“, sagt Carman. „Aber was ihre Psyche angeht, das überlasse ich den Fachleuten.“

ap

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