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Panorama Weitere Ausbreitung: Der Wolf zieht nach Westen
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08:22 03.10.2016
Der Wolf zieht westwärts - auch Niederländer bereiten sich vor. Quelle: dpa
Hannover

Niedersachsen und Niederländer pflegen in der Grenzregion gute Nachbarschaft, besuchen sich gegenseitig, sei es um der Arbeit willen oder als Touristen. Das westliche Nachbarland erwartet nun einen ganz besonderen Neu-Niedersachsen als Grenzpendler: Der Wolf wird kommen, sagen die Schäfer in den Niederlanden. "Dass er kommt, ist sicher. Das ist nur eine Frage der Zeit", sagt Gijsbert Six, der in dem Örtchen Benneveld unweit der deutschen Grenze als Hobby-Schafhalter 53 Tiere hält.

In Niedersachsen befassen sich Schäfer schon länger mit dem im 19. Jahrhundert in Deutschland ausgerotteten Tier, das seit ein paar Jahren wieder auf dem Weg gen Westen ist. Seit dem Fall der Mauer breitet sich der Wolf aus Osteuropa kommend wieder aus - die ausdauernden Läufer, die Strecken von bis zu 70 Kilometer am Tag zurücklegen können, erobern sich ihren vor 150 Jahren verlorenen Lebensraum wieder zurück.

Seit gut 16 Jahren ist das Raubtier auch wieder in Deutschland zu Hause, sagt Robert Kless, Wolfsexperte des Internationalen Tierschutzbundes IFAW. Aus Polen kommend, hat er sich vor allem im Osten, in der Lausitz, in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg wieder angesiedelt.

Die Haltung der Menschen zum Wolf ist sehr unterschiedlich. Gerade in Niedersachsen prallen die Meinungen aufeinander: Es gibt die bedingungslosen Wolf-Fans, die sagen, der Wolf kommt wieder dahin, wo er hingehört. Und es gibt die Ablehner, die sagen, der Wolf habe in dicht besiedelten Regionen nichts zu suchen, das Raubtier sei zu gefährlich. In der Tat: Es gab in Niedersachsen Vorfälle mit Wölfen, die nicht scheu auf Menschen reagierten, sondern sich ihnen immer wieder näherten. So machte der Fall Kurti Schlagzeilen, weil am Ende Experten zusammen mit dem Niedersächsischen Umweltministerium beschlossen, den jungen Wolfsrüden zu erschießen. Eine schwere Entscheidung, denn der seltene Wolf steht unter strengem Schutz.

Gerade Schafhalter sehen den Wolf mit gemischten Gefühlen. Zwar ernährt sich der Wolf überwiegend von Reh, Rotwild und Wildschweinen. "Auf die Nutztiere geht er dann, wenn sie ihm wie auf einem Silbertablett präsentiert werden", sagt Kless. Die auf freien Flächen weidenden Schafe sind also im Wortsinn ein gefundenes Fressen für den Wolf.

Doch man kann die Herden schützen. Aber erstens gibt es keinen hundertprozentigen Schutz der Tiere, und zweitens bedeuten die Schutzmaßnahmen wie Elektrozäune oder Hütehunde Mehrarbeit und kosten Geld. "Die Schäfer leben vom Verkauf des Fleisches, und diesen Mehraufwand bezahlt ihnen keiner", sagt Stefan Völl, Geschäftsführer der Landesvereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände. Vor allem kleine Betriebe in den Wolfsregionen würden aufgeben. "Die sagen, so viel verdiene ich nicht daran, und wenn ich noch einen Antrag stellen muss, einen Hund kaufen muss, einen Zaun aufstellen muss, dann lohnt sich das nicht."

In einigen Bundesländern sei der bürokratische Aufwand immens, klagt Völl. So müsse bei einem gerissenen Schaf erst eine DNA-Untersuchung abgewartet werden, ob tatsächlich ein Wolf das Tier angefallen habe. "Da wartest Du monatelang, ehe du die Entschädigung kriegst", sagt Völl. Der Schäfer müsse aber seine Rechnungen bezahlen. "Das ist bei weitem noch nicht so gelöst, dass der zusätzliche Aufwand der Schafhalter von der Gesellschaft aufgefangen wird." Immerhin erfüllen die weidenden Schafe auch eine wichtige ökologische Funktion, denn sie schützen die Landschaft und sind unerlässlich für die Bewahrung von Moor- und Heideflächen oder für den Schutz von Deichen.

Auch in den Niederlanden müssten die Schafhalter wohl noch Überzeugungsarbeit bei der Regierung leisten, bis es für Risse durch den Wolf Entschädigungen gibt, glaubt Six. "Der Schafsektor hier ist sehr klein, eine Lobby in Den Haag haben wir nicht." Die Regierung schätze zwar den positiven Nutzen der Schafe für die Natur. "Aber Geld geben will sie nicht." Zumal die meisten Schafbesitzer in den Niederlanden ihre Tiere als Hobby halten. Bürokratie und Mehraufwand an Geld und Zeit schreckten ab. "Ein Hobby soll doch angenehm sein", sagt Six, auch wenn er selber weitermachen will, wenn der Wolf da ist. "Wir sind Kämpfer. Wir haben die Maul- und Klauenseuche überstanden und andere Krankheiten, dann werden wir auch mit dem Wolf fertig." Und wer weiß: Vielleicht gibt es in ein paar Jahren GPS-gesteuerte Drohnen, die den Wolf vertreiben können.

Dass der Wolf sich in Deutschland und Europa immer mehr ausbreiten wird, davon sind die Experten überzeugt. "Man kann schon damit rechnen, dass er weitere Bundesländer besiedeln wird", sagt Biologin Yvette Krummheuer aus Schleswig-Holstein. Aber Prognosen seien schwierig. "Der Wolf ist ein Tier mit einem großen Aktionsraum. Dem sind Grenzen egal."

lni

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