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Panorama „Wir hatten einen guten Schutzengel“
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08:00 18.12.2017
Kreuze und Nationalflaggen erinnern auf dem Breitscheidplatz an die Opfer von Anis Amri. Die Glühweinbuden stehen auch in diesem Jahr wieder dort. Quelle: Fotos. dpa, Sternberg
Berlin

Der erste Gedanke, den Martin Germer (61) fassen konnte, trug den Namen einer Stadt: Nizza. Jetzt ist es also auch bei uns passiert, dachte der Pfarrer der Gedächtniskirche, als eine Mitarbeiterin ihn am Abend des 19. Dezember 2016 anrief. Er eilte zur Kirche. „Ich traf erschütterte Schausteller, entsetzte Besucher und fassungslose Polizisten“, erzählt er ein Jahr danach. „Ich habe ihnen allen nur zugehört. Dann organisierte ich eine erste Andacht, die zum interreligiösen Gottesdienst wurde. Auch für mich galt: Wir waren im Handlungsmodus. Taten, was getan werden musste.“

Am morgigen Dienstag jährt sich das Attentat auf den Berliner Breitscheidplatz. Die Angehörigen der zwölf Todesopfer sowie die beim Attentat Verletzten werden bereits heute um 18 Uhr von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Kanzleramt empfangen. Merkel wird auch am Dienstag bei der religionsübergreifenden Andacht in der Gedächtniskirche anwesend sein. Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) wird um 12 Uhr die neue Gedenkstätte der Öffentlichkeit vorstellen – ein goldener Riss, der über das Pflaster des Platzes geht. Die Namen der zwölf Todesopfer sind eingraviert.

Der Laster raste nur einen knappen Meter vorbei

Peter Müller (56) hat den Anschlag überlebt. Das war auch sein erster Gedanke: „Wir leben.“ Und nicht nur er, sondern auch sein Sohn Max und dessen Frau Katalina. Die Müllers sind eine Berliner Schausteller-Dynastie, Peter ist die fünfte Generation, Max die sechste. Ihre Buden standen vergangenes Jahr gleich am Eingang Hardenbergstraße. Dort lenkte Anis Amri den Sattelschlepper in den Markt. Der „Sternenzauber“ von Müller senior wurde verschont. Sein Sohn hatte weniger Glück. Noch heute ist er fassungslos: „Ich stand gerade vor der Bude, als der Laster einen Meter von mir entfernt vorbeirauschte und in die Hütte krachte. Ich habe dann meine Frau herausgezogen.“ Die Müllers haben überlebt, äußerlich unversehrt. „Wir hatten einen guten Schutzengel.“

Als der Notruf bei Peter Albers (63) einging, hieß es zunächst: „Massenanfall an Verletzten.“ Albers glaubte nicht an einen Unfall. Er ist Berlins leitender Notarzt und wird immer dann gerufen, wenn etwas wirklich Schlimmes geschieht in der Stadt. Als Albers am Breitscheidplatz eintraf, war seine erste Frage, ob es hier sicher ist. Albers ging zum Sattelschlepper, ließ die Plane aufschlitzen, kontrolliert, ob auf der Ladefläche etwas Gefährliches lag. Nichts, nur Stahlträger. Bei einer vermuteten Gefahr muss ein Radius von 500 Metern gebildet werden. Das hätte für die Helfer bedeutet, hinter dem Bahnhof Zoo zu warten – trotz Dutzende Schwerverletzter. Albers entscheidet zu helfen. Und er rettete mit dieser Entscheidung vermutlich mehreren Menschen das Leben. Aber die Angst blieb.

Die Müllers mussten um Entschädigung kämpfen

„Schock, Erschrecken und Fassungslosigkeit stecken noch ein Jahr danach in uns“, sagt Pfarrer Germer. „Verschiedene Erlebnisse oder geschilderte Szenen flackern immer mal wieder auf, bei Tage und erst recht wohl bei Nacht.“ Doch es gab nicht nur die Angst, es gab auch Nähe und Hilfe, von damals bis heute. Germer nennt das „eine Art öffentliche Seelsorge“.

„Die Bilder bleiben im Kopf, die gehen nicht raus“, sagt auch Peter Albers. „Aber das muss man auch zulassen. Ich habe eine super gut funktionierende Familie, das schützt mich.“

Die Müllers stehen wieder auf dem Breitscheidplatz mit ihren Buden, nur an neuer Stelle. „Wir haben das im Blut“, sagt der 56-jährige Peter Müller. Neu ist die Wut, die Vater und Sohn gleichermaßen empfinden. Sie mussten um die Entschädigung feilschen, fühlen sich alleingelassen. „Das macht einen genauso wütend wie die Schlampereien in den Behörden, durch die dieser Anschlag überhaupt möglich wurde. Echt wütend“, sagt Peter Müller. Pfarrer Germer aber lobt er: „Der Pastor hat immer ein offenes Ohr.“ Drei Monate lang war der Senior in Therapie. Max Müller nicht. Er will lieber nach vorne schauen. In einem sind sich beiden Müllers einig: „Es muss weitergehen. Wir leben ja davon.“

Von Thoralf Cleven und Jan Sternberg/RND

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