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Panorama Wie Sonja Barthel dem KZ entkam
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00:16 23.03.2017
„Da sehe ich rot“: Sonja Barthel hat sich ein Leben lang politisch engagiert – vor allem gegen rechts. Quelle: Bertold Fabricius
Lüneburg

„Was ist Männertreu?“ Sonja Barthel schaut neugierig, als sie diese Frage stellt. Auf eine Antwort wartet sie aber nicht lange, sondern gibt sie kurzerhand selbst: „Eine nicht ausrottbare Illusion der Frauen.“ Barthel lacht, ihre blassen blauen Augen blitzen, und als auch ihre Besucherin laut auflacht, freut sie sich sichtlich. Denn diesen Witz hat sich die Lüneburgerin selbst ausgedacht. Sonja Barthel wird am 17. April 100 Jahre alt, hat mit ihrer jüdischen Abstammung den Holocaust überlebt - doch ihren Humor hat sie nicht verloren.

1938 zurück nach Deutschland

Ihr Vater kam aus Ostpreußen, ihre Mutter aus Posen, die beiden lernten sich 1913 bei einem Lehrgang für Marxismus und Sozialismus in Berlin kennen. Drei Monate später heirateten sie - er aus einer deutschnational eingestellten Familie, sie aus einer jüdischen. Beide setzten sich gegen die offenkundige Kritik der Eltern an der Verbindung durch, und ihr politisches Engagement legten sie auch ihren Kindern in die Wiege. Bei Sonja Barthel jedenfalls zieht es sich durch ihr gesamtes Leben. Noch heute stehen ganze Ordner voll mit politischen Reden bei ihr im Regal.

Abitur konnte sie nicht mehr machen, denn kurz zuvor waren die Nürnberger Rassengesetze verabschiedet worden. Also begann sie, die eigentlich hatte Kinderärztin werden wollen, stattdessen eine Grundausbildung als Diätköchin an einer Privatschule in Berlin. Die verlangte keinen Nachweis für eine sogenannte „arische“ Abstammung. Mit einer jüdischen Freundin, die sie dort kennenlernte, ging Barthel wenig später nach England, arbeitete als Au-pair - und kehrte 1938, kurz vor den Novemberpogromen, zurück nach Deutschland.

Ein Besuch im KZ?

Warum sie zu einer Zeit, als andere Juden Deutschland längst verließen, wieder genau dorthin zurückkehrte? „Lieber komme ich mit meiner Familie um, als allein in Sicherheit zu sein“, sagt sie. Wenig später begann der Krieg, und die Nazis verfolgten, vertrieben und ermordeten Millionen Juden. „Wie ich da durchgekommen bin, weiß ich gar nicht. Ich war immer kontaktfreudig, das war wohl mein Glück. Ich bin immer auf Menschen gestoßen, die mir wohlgesonnen waren, anstatt mir Böses zu wollen.“ Und sie hatte blonde Haare und blauen Augen. „Ich sah nicht jüdisch aus“, sagt sie.

Als ihre Schwester Helga 1944 verhaftet wurde und ins KZ Ravensbrück kam, beschloss Barthel sogar, sie dort zu besuchen. „Als es dann hieß, ich könnte gleich selbst da bleiben, habe ich gesagt: Ach nee, dann lieber doch nicht.“ Mit falschen Angaben über ihre Herkunft schaffte sie es jahrelang, ihren Verfolgern zu entkommen. Auch ihre Eltern und Geschwister überlebten die Nazi-Zeit, ihre Großmutter und einige weitere Verwandte allerdings starben in Auschwitz und Theresienstadt.

Engagiert gegen Neonazis

Barthel überstand die Nazi-Zeit, wurde 1949 Mitglied der „Vereinigten der Verfolgten des Nazi-Regimes“. Und dann begann ihr zweites Leben: Sie arbeitete erst als Übersetzerin, ging 1953, mit Mitte 30, zum Studieren nach Lüneburg, wurde Lehrerin an einer Sonderschule. Und immer auch engagierte sie sich politisch - auch gegen Neonazis: Als 1989 NPD-Mitglieder eine Veranstaltung stürmten, die sie selbst mit organisiert hatte, ging die schmale Frau kurzerhand auf die Männer los. Freunde hielten sie zurück, sonst wäre sie wohl handgreiflich geworden. „Wenn ich die sehe, sehe ich rot“, sagt sie. 

Rot sah sie dann auch Ende der Neunzigerjahre, als die NPD in Lüneburg zu einer Kundgebung aufgerufen hatte. Schnurstracks lief die damals schon alte Dame auf den Mann am Mikrofon zu und schrie ihn an, ob er überhaupt wisse, was er da rede. Wie der reagiert habe? „Erst einmal hatte der eine Schrecksekunde“, erzählt sie, „dann hat er einfach sein Zeug weitergeredet.“ Voriges Jahr, als in ihrer Stadt der weltweit beachtete Prozess gegen den Auschwitz-Buchhalter Oskar Gröning vor dem Landgericht lief, da hielt sich die alte Dame allerdings zurück: Sie ist gar nicht erst hingegangen. „Ich hätte nicht stillsitzen können.“

Mit 99 in einer WG

Sie kennen sich seit rund 30 Jahren: Die 99-jährige Sonja Barthel wohnt seit 2003 mit ihrer Wahlfamilie in einer generationenübergreifenden Wohngemeinschaft in einem Haus mit Garten in Lüneburg. Zwei kleine Zimmer, Badezimmer, Flur: Barthel hat ihr eigenes kleines Reich im Haus. Zwei Regale stehen voller Ordner, gefüllt mit Fotos von ihren Reisen, politischen Reden auf Kundgebungen sowie selbst ausgedachten Witzen und Rätseln.

Ein Paar mit zwei Kindern sind ihre Mitbewohner, der Mann ist Sozialpädagoge, die Frau betreibt im Haus eine Kindertagespflege. Die Jüngeren kochen für die Ältere mit, und bis auf Hilfe bei der Hausarbeit kommt die 99-Jährige ohne externe Pflege aus. Sie spricht Englisch, Französisch und Esperanto fließend, mit Computern umzugehen hat sie mit Mitte 80 gelernt. E-Mails beantwortet die alte Dame niemals später als am nächsten Tag - frei nach ihrem Motto: „Die Arbeit ist kein Frosch. Sie hüpft nicht davon.“

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