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20:59 25.02.2015
Von Thorsten Fuchs
Die vierjährige Aliana leidet an den Spätfolgen einer Maserninfektion – ihre Mutter Mirella Kunzmann tut jetzt viel dafür, dass anderen Familien dieses Schicksal erspart bleibt. Quelle: Uwe Zucchi
Hannover

Manchmal, in den guten Phasen, kann Aliana wieder Dinge, die ihr schon niemand mehr zugetraut hatte. Den Kopf drehen, zum Beispiel. Den Mund öffnen, wenn sie gefüttert wird. Jemanden ansehen. „Ich bin sicher, dass sie versteht, was wir sagen“, sagt ihre Mutter, Mirella Kunzmann. „Ich spüre das.“

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Es gibt jedoch sehr viele Dinge, die die Vierjährige auch in den guten Momenten nicht mehr kann. Laufen zum Beispiel. Oder sprechen. Im Moment liegt Aliana wieder im Krankenhaus, in den kommenden Tagen soll sie entlassen werden. Vorübergehend. „Es ist ein ständiges Auf und Ab“, sagt ihre Mutter ermattet. Wobei es ein dauerhaftes Auf nie mehr geben wird. Die vierjährige Aliana aus Bad Hersfeld in Hessen wird bald sterben – an der Maserngehirnentzündung SSPE, einer Spätfolge einer Maserninfektion.

Schicksale wie das von Aliana sind der Grund dafür, dass die Bundesregierung bei der Bekämpfung der Masern und anderer Kinderkrankheiten jetzt zu strengeren Mitteln greift. Eltern, die ihre Kinder in eine Kindertagesstätte schicken wollen, müssen künftig erst zur Impfberatung zum Arzt.

Dahinter steckt die Erkenntnis, dass vor allem Masern keineswegs jene lästige, aber harmlose Krankheit sind, die die Romantiker unter den Eltern gern in ihnen sehen. Masern zum Beispiel können gravierende Komplikationen nach sich ziehen – vor allem die subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). Die Maserngehirnentzündung tritt oft erst Jahre nach der akuten Masern­erkrankung auf und führt unweigerlich zum Tod. Aliana aus Bad Hersfeld infizierte sich im Alter von vier Monaten mit Masern - wohl in einer Kinderarztpraxis, wie ihre Mutter vermutet. Weil die 27-jährige Mirella Kunzmann in den noch wenig impfbewussten achtziger Jahren selbst durchs Raster gefallen ist und nicht geimpft wurde, verfügte ihre Tochter nicht über jenen Nestschutz, der kleine Kinder im ersten Lebensjahr vor vielen Krankheiten bewahrt. Im Frühjahr 2014 zeigte Aliana dann die ersten Symptome: Wackler beim Gehen, Aussetzer beim Sprechen. Inzwischen liegt sie im Wachkoma. Therapiechancen: keine.

Deutschland scheitert im Kampf gegen Masern

Viele Kinderärzte sind alarmiert: „Offenbar sind diese fatalen Verläufe viel häufiger, als wir bisher gedacht haben“, sagt Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Je kleiner die Kinder, desto größer anscheinend die Gefahr. Bei Kindern, die sich in den ersten fünf Lebensmonaten infizieren, gibt der Verband das SSPE-Risiko inzwischen sogar mit eins zu 100 an. Weil Kinder erst ab elf Monaten gegen Masern geimpft werden können, der Nestschutz durch die Mutter aber nicht so weit reicht, wären gerade die Kleinen auf eine Ausrottung der Masern angewiesen – umso dringlicher, als immer mehr auch sehr kleine Kinder Krippen besuchen. Doch im Kampf gegen die Masern ist Deutschland bislang gescheitert.

Eltern schicken Kinder zu „Masernpartys“

Schuld daran ist die für Schulmediziner bisweilen geradezu rätselhafte Impfskepsis in Deutschland. Viele Eltern blenden die Gefahren, die von Kinderkrankheiten ausgehen können, konsequent aus - und schicken ihre Kinder stattdessen noch zu „Masernpartys“, um die Kleinen gewollt zu infizieren und sie damit nach der Erstinfektion lebenslang immun zu machen. Um eine Krankheit in Deutschland auszurotten, müssten 95 Prozent der Kinder geimpft sein - bei Masern jedoch verfügen nach neuesten Zahlen nur 92,4 Prozent aller Schulanfänger über den vollständigen, zwei Impfungen umfassenden Schutz.

Zwischen drei und fünf Prozent der Eltern gelten in Deutschland als Impfgegner, rund zehn Prozent als Impfkritiker. Dabei handelt es sich keineswegs um bildungsferne oder sozial schwache Familien. Der typische Impfgegner ist gebildet, tendenziell wohlhabend und Anhänger der Naturheilkunde. In Baden-Württemberg, einem der wohlhabendsten Bundesländer, liegt die Masern-Impfquote sogar noch unter 90 Prozent. Hartmann hat dafür eine einfache Erklärung: „Dort leben besonders viele Anthroposophen.“

Die Argumente der Impfgegner sind aus Sicht der großen Mehrheit der Kinder- und Jugendärzte gründlich widerlegt. So halten Impfgegner die Zusätze in Impfstoffen, vor allem Aluminium, für schädlich. Impfbefürworter führen hingegen an, dass die Mengen verschwindend gering seien - und weit unterhalb aller Grenzwerte lägen. In vielen Kosmetika und selbst Nahrungsmitteln sei mehr Aluminium enthalten. Auch den Vorwurf, die Wirkung von Impfstoffen sei unzureichend erforscht, hält der Kinderarzt Hartmann für haltlos: „Impfstoffe sind die am besten untersuchten Arzneimittel.“

Gerade kritisch eingestellte Eltern folgen jedoch gern dem Verdacht, die Impfungen dienten eher dem Wohl der Pharmaindustrie als dem der Kinder. Bestärkt werden sie darin von dubiosen radikalen Impfgegnern wie dem Baden-Württemberger Hans Tolzin. Tolzin, gelernter Molkereifachmann, ist inzwischen einer der prominentesten Vortragsreisenden in Sachen Impfkritik. In Interviews mit Wohlgesinnten hält Tolzin Ebola und Schweinegrippe schon mal für von den USA „geplant“, Impfungen generell für wirkungslos und ungeimpfte Kinder für „wacher und erquickender“. Manche seiner Thesen erinnern an Verschwörungstheorien - dennoch sind viele Eltern offenbar gern bereit, ihm zu folgen. Die radikalsten der Impfgegner sind für wissenschaftliche Argumente inzwischen unerreichbar geworden. Aus dem Streit ums Impfen ist da längst ein Glaubenskrieg geworden.

Doch auch ein Teil der Mediziner hat seinen Anteil daran, dass gerade Säuglinge durch Kinderkrankheiten gefährdet sind. „Es gibt Impfmüdigkeit auch bei Ärzten“, erklärt der hannoversche Frauenarzt Christian Albring, Präsident des Bundesverbandes der Frauenärzte.

Mediziner wie er beobachten mit Sorge, dass viele Frauen, die jetzt Mütter werden, in ihrer Jugend in den achtziger Jahren selbst keine Masern mehr durchgemacht haben, aber auch nicht geimpft wurden - wie Alianas Mutter Mirella Kunzmann. Ihre Kinder sind dann als Säuglinge ebenfalls nicht gegen Masern geschützt. „Mir war gar nicht bewusst, welche Gefahr das für mein Kind bedeutet“, sagt die Mutter heute. Gesagt hat es ihr niemand.

So streiten Albring und sein Verband in den eigenen Reihen dafür, dass Frauenärzte ihre Patientinnen mit Kinderwunsch und deren Partner vor der Schwangerschaft von einer Impfung etwa gegen Masern zu überzeugen suchen - oft jedoch vergeblich. Aufwendige Abrechnung, schlechte Honorierung, dazu die nötige Betreuung frisch Geimpfter: All das hält viele Frauenärzte offenbar vom Impfen ab. „Es ist nicht einfach, das Impfthema rigoros durchzusetzen“, räumt Albring ein.

Kommt die Impfberatungspflicht?

Die geplante Impfberatungspflicht könnte nun auch für Eltern ein Anlass sein, ihren eigenen Impfpass wieder hervorzukramen. Alianas Mutter ist froh über jede Reform, die das Impfen fördert. Sie hat zusammen mit ihrem Mann einen Verein gegründet, „Hilfe für Aliana“, mit dem sie Eltern auf die Gefahren durch unterschätzte Krankheiten aufmerksam machen und vom Sinn des Impfens überzeugen will. Auch ihr Leben hat sich seit Alianas Diagnose im Sommer radikal verändert. Ihre Stelle bei einem großen Versandkonzern musste sie aufgeben, um sich um ihre Tochter und die beiden weiteren Kinder kümmern zu können.

Zu der aufwendigen Pflege Alianas kam so in den vergangenen Wochen noch die Arbeit für diesen Verein. Fragen beantworten, Interviews geben. Manchmal hat sie überlegt, damit aufzuhören. Vor allem, wenn sie wieder hasserfüllte Mails radikaler Impfgegner erhielt. Aber sie hat dann doch weitergemacht. „Wenn Alianas Schicksal irgendeinen Sinn haben sollte“, sagt die Mutter, „dann den, dass andere etwas daraus lernen können.“

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