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19:00 20.12.2017
„Ich werde sowieso für alles verdächtigt“: Das Mädchen aus Hambühren beim Gespräch im Büro ihres Anwalts. Quelle:  Franson
Hambühren

 Sie hat die Beine übereinandergelegt, und wenn das ginge auf dem Bürostuhl, würde sie die Knie an den Körper ziehen. Ihre Hände verschwinden fast in den Ärmeln des Kapuzenshirts. Die Schultern sind hochgezogen. Ihre ganze Körperhaltung verrät Anspannung. 

Sie schaut zu Michael Tusch hinüber, ihrem hannoverschen Anwalt, in dessen Büro sie sitzt. Tusch spricht von den Anklagen wegen Sachbeschädigung und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, von der Berufungsverhandlung. Das Mädchen in dem Anwaltsbüro ist gerade mal 19 und hat schon eine richtige Akte. Dabei wollte es nur einem Schmerz ausweichen. 

2016 war das. In Hambühren an der Aller – sechs Kilometer westlich von Celle, 10.000 Einwohner, ein Ort, wie man ihn sich als Inkarnation niedersächsischer Beschaulichkeit nicht besser vorstellen kann – brannte die Luft. Bürger standen an den Gartentoren und schimpften auf Polizei und Justiz und Politik. Abends schoben sie die Gardinen beiseite und spähten nach draußen. Manche installierten Kameras, manche gingen nachts Streife, bildeten regelrechte Bürgerwehren. Der Grund: das Mädchen. 

Bürger in Wut und Angst

In Hambühren wurden seinerzeit erst Kennzeichen von parkenden Autos abgeschraubt und neben die Wagen gelegt. Dann lagen die Kennzeichen etwas weiter weg, unter Büschen. Dann wurde an mehreren Autos der Lack zerkratzt. Irgendwann brannte eine Gartenlaube, ein Car-Port kokelte, ein Kleinbus. In Hambühren verwandelte sich die Aufregung der Bürger in Wut und Angst. 

Und alle waren sich sicher, wer das gewesen war: das Mädchen. Es war spät auf der Straße gesehen worden. Es war sogar erwischt worden, Kennzeichen in der Hand. Und immer noch streunte es da draußen herum, regelmäßig. Die spinne doch, sagten die Leute und empfahlen eine Unterbringung in der Psychiatrie. 

Die Angst um Autos und Besitz, das war die Wahrheit der Leute von Hambühren. Die Wahrheit des Mädchens ist eine andere. 

„Ja“, sagt sie. Ja, sie habe Kennzeichen abgeschraubt. Ja, sie habe auch mal Autos zerkratzt. Sie fährt sich mit den Fingern über das blonde Haar, richtet den Pferdeschwanz. Und nein: „Das andere, das war ich nicht.“ Aber man hat sie doch oft abends gesehen? „Ich bin immer abends draußen gewesen“, sagt sie. Warum das? Sie zögert. Sie wirkt plötzlich durchscheinend. Sie holt Luft und sagt: „Es war nicht schön zu Hause.“ 

An diesen Bereich darf man kaum rühren. Ihre Sätze werden kurz und ihre Stimme wird leise und ihre Haut wird noch blasser als sonst schon, wenn sie darüber spricht. Sie erzählt von Spannungen zu Hause, von Ärger. Nein, sie wolle da nicht weg, sagt sie. Aber man spürt, dass sie sich dort nicht wohlfühlt. Sie bleibt vage. Sie will vage bleiben. Sie will niemanden verletzen. 

Andere waren nicht so rücksichtsvoll. Ihre Mitschüler hätten sie rumgeschubst und mit Essen beworfen, erzählt das Mädchen. Sie habe bei der Feuerwehr mitgemacht, aber an den Gruppenabenden habe sie allein am Tisch gesessen. 

Irgendwann sind dann doch mal ein paar Jugendliche mit ihr losgezogen. Sie wollte sie beeindrucken, damit sie bei ihr blieben. So fing das mit den Kennzeichen an. Später hat es möglicherweise Trittbrettfahrer gegeben, das weiß man nicht, die Strafverfolgungsbehörden ermittelten schließlich in 100 Vandalismus-Fällen. „Ich habe nichts angezündet, aber ich werde sowieso für alles verdächtigt“, sagt das Mädchen. 

Ende November 2016 wurde sie, an den Händen gefesselt, im Celler Ortsteil Boye entdeckt und sagte der Polizei, sie sei entführt worden. Einen Tag später war klar: Sie hatte alles selbst inszeniert. Und der nächste Tatbestand wurde zu den Akten genommen: Vortäuschung einer Straftat. 

Das Mädchen zieht die Ärmel des Hoodies bis über die Fingerknöchel. Ein paar Tage vor der zusammengeflunkerten Entführung, erzählt sie leise und stückweise, habe jemand versucht, sie in ein Auto zu ziehen. Das ist misslungen, sie hat aber Anzeige erstattet. Die Polizei war fürsorglich, man hat ihr zugehört, sich um sie gekümmert. 

„Das hat sich gut angefühlt“, sagt sie. Und dann wollte sie das wieder erleben, dass jemand ihr was antun will und deswegen jemand anderes für sie da ist. Nach dem Satz kann sie erst einmal nicht weitersprechen. 

Zwei Jahre Bewährung

Es steckt noch manches in der Akte. Widerstand gegen Beamte, weil sie mit den Beinen gestrampelt hat, als man sie abführen wollte. Oder weil sie sich panisch gegen eine Blutprobe gewehrt hat: Als Kind hat ihr mal eine Krankenschwester die Blutabnahmespritze zu rasch aus dem Arm gezogen, seitdem hat sie Angst vor so was. Immer wieder ist sie kontrolliert worden, einmal kamen vier Polizisten und haben sie niedergeworfen, da ist etwas in ihrem Knie kaputtgegangen. Einmal hat man sie tatsächlich in die Psychiatrie gebracht. Sie wurde wieder nach Hause geschickt, bevor der Anwalt seine Beschwerde abgeben konnte. 

Mittlerweile hat sie die Berufungsverhandlung überstanden: Bewährung. Zwei Jahre darf sie sich nichts zuschulden kommen lassen. Sie macht jetzt eine Ausbildung. Sie kümmert sich um ihren Hund. Sie läuft weiter durch Hambühren. 

Freunde? Sie habe gerade keine Freunde, sagt sie. Aber eigentlich empfinde sie ihre Situation als gar nicht so schlimm: „Ich bin ja dran gewöhnt.“ Ein kleines Schweigen entsteht. Dann sagt sie: „Ich kann auch fröhlich sein.“

Chronologie der Vorfälle

Februar 2016: Die ersten 30 Anzeigen wegen abgeschraubter oder gestohlener Autokennzeichen in Hambühren gehen bei der Polizei ein. In einem Fall wird die damals 17-jährige Jugendliche aus dem Ort in flagranti erwischt. 

Mai 2016: Es wird Anklage gegen die junge Frau erhoben: Kennzeichendiebstahl, Sachbeschädigungen und Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte. 

Juni 2016: Es kommt zu Brandstiftungen in Hambühren.

 

November 2016: Das Mädchen inszeniert seine eigene Entführung. 

Dezember 2016: Urteil des Amtsgerichts Celle wegen Kennzeichenklau, Sachbeschädigung und Widerstand: 40 Arbeitsstunden und ein Wochenende Arrest. Das Mädchen ist laut Sachverständigengutachten schuldfähig, gehört also nicht in die Psychiatrie.

 

Mai 2017: Das Amtsgericht Celle verhandelt die vorgetäuschte Entführung und das Widersetzen gegen eine Blutprobe und Sachbeschädigung in Form eines Tritts gegen einen Zaun. Das Urteil für zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Es wird also nicht mal ein Strafmaß verkündet, eine Regelung, die es nur im Jugendstrafrecht gibt . Ein weiteres Verfahren – wieder Widerstand und Sachbeschädigung – geht ähnlich aus: ein Jahr Bewährung. 

Dezember 2017: Vor dem Landgericht Lüneburg wird die Berufung beider Verfahren verhandelt. Die vorherigen Urteile werden bestätigt.

Von Bert Strebe

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