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Panorama Mit dieser Versandbuchhandlung ist nach 69 Jahren Schluss
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19:08 29.01.2018
Harry und Hildegard Münchberg, Buchhändlerpaar gibt sein Geschäft auf 38685 Langelsheim Foto: Samantha Franson Quelle: Samantha Franson
Lautenthal

 Harry Münchberg beugt sich über einen Aktenordner und blättert und zählt auf, wer ihm gerade alles Sorgen bereitet. Die Berufsgenossenschaft. Der Börsenverein. Die Versicherungen. Die Post, wegen der Frankiermaschine, und keiner wusste, wie und wo man die zurückgibt. Und dieser Router! Der sei gemietet, erzählt Harry Münchberg, und müsse Mitte des Monats abgeliefert werden. Dabei brauche er ihn doch bis zum Ende des Monats. 

Harry Münchberg, 90 Jahre alt, Inhaber der Wissenschaftlichen Versandbuchhandlung Harry Münchberg in Lautenthal, einem Ortsteil von Langelsheim im Harz, wickelt sein Geschäft ab. Die Regale im hinteren Teil der Räumlichkeiten sind bereits leergeräumt. Vorn, in dem großen Raum zur Straße hin, herrscht mildes Chaos. „An allen Ecken und Enden tauchen unheimliche Vorgänge auf, bei denen Sie nicht wissen, wie Sie ihnen begegnen sollen“, sagt Münchberg und seufzt. Seine Frau Hildegard kommt und legt ihm die Hand auf den Arm. Sie ist 80, sie hat mit ihm dieses Geschäft über Jahrzehnte geführt, sie hat ihrem Mann immer Mut gemacht, 60 Jahre lang, also auch jetzt. „Und der Telefonanschluss!“, sagt Harry Münchberg. Er solle jetzt 388 Euro zahlen, um vor Oktober aus dem Vertrag zu kommen, obwohl er doch einen neuen Vertrag für zuhause unterschrieben habe. 

 Niemand würde vermuten, dass hinter den schlichten Gardinen, die da in den Schaufenstern einer ehemaligen Drogerie an der Hahnen­kleer Straße hängen, noch dazu in diesem kleinen, etwas verwunschenen und etwas verschlafenen Harzstädtchen Lautenthal, eine Ausnahmeerscheinung des deutschen Buchhandelswesens beheimatet ist. Beziehungsweise beheimatet war, demnächst: Mit Ablauf des 31. Januar ist die Wissenschaftliche Versandbuchhandlung Münchberg Geschichte. „Es geht nicht mehr“, sagt Harry Münchberg, „gesundheitlich und finanziell“, und Hildegard Münchberg lächelt und streicht ihm über den Ellenbogen. 

Seit 1949

 Die Firma existiert seit 1949. Harry Münchberg stammt aus Danzig-Langfuhr, „selber Jahrgang und selbes Viertel wie Günter Grass“, sagt er. Er war 17, als er zum Arbeitsdienst eingezogen wurde, und zwei Jahre später, nach endlosen Fußmärschen und Antreten bei sibirischen Minusgraden und noch mehr Fußmärschen, war er Soldat irgendwo an der Weser. Der Krieg war vorbei. Er zog die Unform aus und eine paar Lumpen über, die er an einer Vogelscheuche fand. Auf Umwegen landete er in Goslar, begann eine Buchhändlerlehre, beendete sie in Wolfenbüttel. Einmal hat er sich nach Travemünde aufgemacht, aber es fuhren keine Schiffe mehr nach Danzig. Er hat seine Familie nie wiedergesehen. Er ging zurück in den Harz. 

Hildegard Münchberg. Quelle: Samantha Franson

 Dort machte sich Harry Münchberg mit einer Leihbibliothek selbstständig, ein paar hundert Bücher hatte er. Bald kam ein Verkehrsbüro dazu, wie man damals sagte, Reisen und Fahrkarten, und dort tauchte eines Tages im Jahr 1958 eine junge Berlinerin auf, um sich nach einer Harzreise die Rückfahrkarte zu kaufen. Sie wurde Frau Münchberg. 

 Zur Wissenschaftlichen Versandbuchhandlung entwickelte sich das kleine Unternehmen, weil Harry Münchberg Kontakt zur Wehrbereichsverwaltung in Hannover bekam und dort anfragte, ob man die Bücher für die hauseigene Bibliothek nicht bei ihm bestellen wolle. Dasselbe fragte er in der Landesbibliothek Hannover, und so (und mit seiner Freundlichkeit) baute er sich, mit unzähligen Besuchen die ganze Bundesrepublik rauf und runter, einen Kundenstamm auf, von Uni- und Landesbibliotheken über die berühmte Herzog-August-Bibliothek Wolfenbüttel bis zu den Bibliotheken etlicher Ministerien und der des Bundestags. 

Marktführer Münchberg

 Sein Spezialgebiet wurde bald die ostdeutsche wissenschaftliche Literatur, später ausgeweitet auf andere Länder Osteuropas. Wegen seiner Akribie – „Wenn ein Buch als nicht mehr zu beschaffen galt, habe ich einfach nicht aufgehört zu suchen“ – hatte Harry Münchberg rasch einen guten Namen in der Szene und zählte in diesem Sektor des Buchgeschäfts zu den Marktführern. 

Inzwischen sind viele Regale leer. Quelle: Samantha Franson

 „Er hat immer Außergewöhnliches geschafft“, sagt Hildegard Münchberg über ihren Mann. Wenn er dergleichen hört, macht er wegwerfende Handbewegungen. „Ich bin geworden worden“, sagt er, was bedeutet: Alles sei ihm zugefallen, ohne sein Zutun. Harry Münchberg ist nicht nur ein Meister im Beschaffen von Büchern, sondern auch in Bescheidenheit. 

 Die Wende erwies sich als Segen für die Firma, dank der guten Kontakte in den Osten. Aber inzwischen sinken die Erlöse, die Rabattforderungen werden immer dreister, alles muss computerisiert sein, und die Münchbergs merken, dass sie keine 50 mehr sind. 

 In den Sechzigern konnten sie mal nach Danzig fahren, mit Hilfe eines Kunden. Harry Münchberg sah in dem Haus, in dem er als Junge gewohnt hatte, eine Frau die Treppe runterkommen und dachte kurz, es sei seine Mutter. Er ist nie wieder da gewesen. Wenn er davon erzählt, bekommen seine Augen einen Schleier, und seine Frau holt ihn dann mit einem Lachen, einer Bemerkung, einer Berührung an der Schulter wieder in die Gegenwart. 

 Sieben Angestellte haben die Münchbergs in besten Zeiten gehabt, 5000 Bestellungen pro Jahr bearbeitet, 10.000 Euro für Porto ausgegeben. 

 Was machen sie nach dem 31. Januar? „Mal sehen“, sagt er. Er schaut in die leeren Regale. Sie legt ihm die Hand auf den Arm, sie lächelt, und dann, nach zwei, drei Sekunden, hellen sich auch seine Gesichtszüge wieder auf.

Von Bert Strebe

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