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Panorama Spitzen der Stadt Duisburg: Die Flucht aus der Verantwortung
Mehr Welt Panorama Spitzen der Stadt Duisburg: Die Flucht aus der Verantwortung
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22:18 25.07.2010
Spießrutenlauf: Loveparade-Geschäftsführer Rainer Schaller (Mitte) und Duisburgs OB Adolf Sauerland (rechts). Quelle: ap

Er wisse ja durchaus, dass die Frage nach dem Warum im Vordergrund stehe, räumt Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland sichtlich angeschlagen ein. Trotzdem ist der Christdemokrat an genau diesem Punkt auffallend einsilbig. Die Staatsanwaltschaft war bereits im Rathaus, hat das Sicherheitskonzept und weitere Unterlagen zur Loveparade beschlagnahmt. Deswegen, so betont das Stadtoberhaupt, wolle er sich zu den „individuellen Schwächen“, die er nach dem Desaster am Sonnabend durchaus ausgemacht habe, nicht äußern. Er müsse ja seine Mitarbeiter schützen. So ergebnisarm verläuft am Sonntag eine Pressekonferenz, bei der es nicht zuletzt um seine eigene Rolle geht. Die schildert er als geradezu unglaublich klein – ausgerechnet das Stadtoberhaupt beteuert, in die Planung der für seine Stadt beispiellosen Großveranstaltung schlicht nicht eingebunden gewesen zu sein.

Größtenteils genauso verläuft auch der Rest der Pressekonferenz – mit einem Wechsel aus überaus kritischen Fragen und höchst unzureichenden Antworten: „Warum haben Sie Eingang und Ausgang nicht getrennt?“, wollen jene Journalisten wissen, die mit den Örtlichkeiten vertraut sind. Dahinter steckt der Vorwurf, der Veranstalter habe den Eingang kurz vor der Katastrophe gesperrt, obwohl das Gelände längst nicht gefüllt war. Doch die Medienvertreter erhalten trotz mehrfacher Nachfragen keine Antwort. „Darauf können wir nichts sagen, das bleibt der Staatsanwaltschaft vorbehalten“, lautet Sauerlands Auskunft, und an diese Linie hält sich auch der Veranstalter. Er war wie der zuständige Polizeichef und der Ordnungsdezernent für die Sicherheit zuständig.

Je bohrender die Fragen werden, umso mehr geraten die vier in die Defensive. Als der Oberbürgermeister, der, wie in Nordrhein-Westfalen üblich, zugleich Chef seiner Verwaltung ist, die Frage nach seiner persönlichen Verantwortung für die Planung verneint, überhaupt mit der Planung befasst gewesen zu sein, herrscht bei den Medienvertretern im Saal einen Moment lang geradezu atemloses Schweigen.

Gewiss, das Damoklesschwert eines Strafverfahrens hängt über den Köpfen. 19 Tote und 342 Verletzte – kein Wunder, dass die Pressekonferenz für Sauerland wie für die Vertreter von Polizei, Ordnungsamt und Veranstalter zu einem Spießrutenlauf wird. Aber dass keiner so recht zuständig gewesen sein will, dass niemand von Warnungen bereits vor Monaten gehört haben will, verschlägt denn doch vielen Beobachtern die Sprache. Der stellvertretende Polizeipräsident bestreitet sogar, dass es eine Massenpanik gab.

Allein der in die Planung der Loveparade eingebundene Panikforscher Michael Schreckenberg steht am Sonntag Rede und Antwort. „Wir haben gewarnt, aber wir hätten vielleicht stärker warnen müssen“, sagt der Professor und verrät, dass das Sicherheitskonzept keineswegs von 1,4 Millionen Menschen ausging, sondern von maximal 500.000 – und zwar nicht allein auf dem Gelände, sondern verteilt über die Stadt. Der Tunnel, an dessen Rampe die meisten Menschen starben, habe aber nur eine Kapazität von 20.000 Menschen in der Stunde. Bis zu 250.000 Raver sollten durch dieses Nadelöhr auf das Gelände geschleust werden – und wieder herunter. „Wenn der Tunnel die Lösung ist“, habe er den Veranstaltern zuvor gesagt, „muss das bis ins Letzte durchgeplant werden.“ Das Tunnelmanagement sei Sache des Veranstalters gewesen. Es würde dort zu Überlappungen von heranströmenden und abströmenden Menschenmassen kommen. Er habe auch eine Videoüberwachung der Rampe angeraten, der Veranstalter habe dies aber als „Chaos unterschiedlicher Informationen“ abgelehnt: „Das war nicht gewollt.“

Auch hätte die Treppe an der Rampe, an der die meisten Toten gefunden wurden, gründlicher abgeschirmt, „vielleicht sogar besser gesprengt werden sollen“. Wo Menschen sich dicht gedrängt stauen, suchen sie schließlich nach Auswegen. Schreckenberg sieht indes „Schuldige auf beiden Seiten“. Er meint damit auch risikofreudige Kletterer unter den Besuchern, lässt aber erkennen, dass aus seiner Sicht das „Tunnelmanagement“ des Veranstalters das Problem gewesen sei.

„Wenn der Tunnel geschlossen wird, sollten die Notausgänge geöffnet werden“, sagte der Forscher. Außerdem bräuchten die Menschen Ansprache, dann verhielten sie sich auch in solchen Situationen kooperativ. „Die Menschen brauchen eine Perspektive, dass und wann es weitergeht. Dann bleiben sie auch ruhig.“ Aber auch daran mangelte es, um die Katastrophe von Duisburg zu verhindern. Den Schlusspunkt unter die 19. und letzte Loveparade setzt nun die Justiz.

Frank Christiansen

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