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Panorama Seemine in der Nordsee erfolgreich gesprengt
Mehr Welt Panorama Seemine in der Nordsee erfolgreich gesprengt
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00:16 13.01.2017
Von Gabriele Schulte
Die Seemine war vor Norderney entdeckt worden. Quelle: Bundespolizei
Cuxhaven

Das Havariekommando Cuxhaven konnte am Mittwochabend einen Erfolg verkünden: Eine am Tag zuvor bei Wangerooge entdeckte Seemine aus dem Zweiten Weltkrieg wurde im Jadebusen unschädlich gemacht.
Die Aktion lenkt indes den Blick auf militärische Altlasten, die Niedersachsen und die anderen Küstenländer noch lange Zeit beschäftigen werden: Im deutschen Nord- und Ostseegewässer lagern nach den Erkenntnissen einer Bund-Länder-Kommission mehr als 1,6  Millionen Tonnen konventioneller Munition. „Verladen auf einen Güterzug wäre dieser mehr als 3000 Kilometer lang“, sagt ein Sprecher des Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung in Kiel.

Im Schlepptau zur Sandbank

Ein Kontrollschiff des Windparks Godewind 2 hatte am Dienstag die auf der Nordsee treibende Ankertaumine aus dem Zweiten Weltkrieg gefunden. Sie hatte eine Sprengkraft von 150 bis 250 Kilogramm, wie sich bei näherer Untersuchung herausstellte. Wegen des starken Windes entschloss sich das zu Hilfe gerufene Havariekommando, die Seemine nicht im Wasser zu sprengen. Stattdessen wurde sie mit Sendern versehen, um sie bei Verlust notfalls wiederfinden zu können. An einem 150 Meter langen Drahtseil schleppte das Mehrzweckschiff „Mellum“ in Begleitung eines Bundespolizeiboots die Mine auf eine Sandbank bei Horumersiel (Kreis Friesland) – „in Absprache mit der Wattenmeer-Nationalparkverwaltung und mit weiträumiger Absperrung“, wie Friedrich hervorhebt.

Es war kein Zufall, dass die Mine bei einem Windpark entdeckt wurde. Die Offshore-Anlagen werden in Gebieten mit relativ flachem Wasser aufgestellt – und dort finden sich auch die militärischen Altlasten. „Auf jedem Baufeld liegt Munition“, sagt Claus Böttcher vom Umweltministerium in Kiel. „In mehr als 30 Meter Wassertiefe dagegen werden keine Minen aufgestellt.“ Böttcher gehört der 2008 gegründeten Bund-Länder-Kommission „Munition im Meer“ an. Neben dem federführenden Bundesland Schleswig-Holstein nimmt auch Niedersachsen teil, ebenso Mecklenburg-Vorpommern und Hamburg.

Die am Mittwoch vor Niedersachsens Küste gesprengte Mine sei, da sie oben trieb, offensichtlich intakt gewesen, meint Böttcher – und damit keine direkte Gefahr für die Umwelt. „Die meisten sind nicht so gut erhalten.“ Wenn auf dem Meeresboden liegende Munition zerbröselt, gelangen die giftige Inhaltstoffe ins Wasser.

Besonders gefährlich sei das bei chemischen Waffen, die etwa Senfgas enthalten, berichtet Ingo Ludwichowski vom Naturschutzbund Nabu in Kiel. Aber auch der Sprengstoff konventioneller Munition belaste die Ökosysteme enorm. Beispielsweise Arsen gelange in Fischmägen. Der Munitionsmüll stamme nicht nur aus den Kriegen, sondern auch aus später offiziell genehmigten Entsorgungen nicht benutzter Munition, sagt Ludwichowsi. Oft sei die Fracht dabei außerhalb der vorgesehenen Gebiete schon im flacheren Wasser abgekippt worden, um Fahrtkosten zu sparen. Daher müsse nun mühsam nach dem Gefahrgut gesucht werden. „Das ist ein Riesenproblem“, sagt der Nabu-Sprecher.

Lange sei das Thema von der Politik ignoriert worden. Erst vor den Olympischen Spielen 1972 sei damit begonnen worden, das Revier der Segler vor Kiel freizusprengen. Anschließend trieb Sprengstoff in großer Menge an die Küste, der Strand von Laboe musste zeitweise gesperrt werden. Mittlerweile unterstützt der Bund mehrere Forschungsprojekte, die sich mit dem Auffinden und dem Unschädlichmachen der Munition beschäftigen. Unter anderem wird untersucht, inwieweit bei der Sprengung Roboter helfen können.
Ein anderes Problem haben die Forscher schon weitgehend gelöst: Lange litten insbesondere Schweinswale kilometerweit unter den Druckwellen der Detonationen im Wasser. Neuerdings wird der Druck meist mit einem „Schleier“ aus Luftblasen nach oben abgeleitet. Zumindest die Wale haben dann Ruhe.     

Nachgefragt...

bei Andreas Borck, Kampfmittelexperte.

Herr Borck, ist es ungewöhnlich, dass man eine solche Mine aus dem Meer fischt?

Der Fund einer solchen Ankertaumine ist eher selten. Das Besondere an diesem Fall ist, dass wir eine Mine entschärfen, die außerhalb des niedersächsischen Hoheitsgebietes gefunden wurde. Wie viele solcher Ankertauminen noch in der Nordsee herumschwimmen, kann man nicht sagen. Wir haben aber herausgefunden, dass sich noch ungefähr 1,3 Millionen Tonnen Kampfmittel in den deutschen Nordseegewässern befinden.

Das ist ja eine gewaltige Menge.

Ja, dazu gehört insbesondere alles, was nach dem Zweiten Weltkrieg an Bomben, Granaten und auch Minen in der Nord- und Ostsee versenkt wurde. Differenzieren nach Minen oder Bomben lässt sich das nicht.

Wie viel holen Sie von dieser gefährlichen Fracht im Jahr heraus?

Im letzten Jahr haben wir insgesamt gut 93  Tonnen Kampfmittel gefunden, inklusive cirka 9,27 Tonnen Seemunition. Wir haben 43 mehr als 50 Tonnen schwere Sprengbomben an Land und 38 Stück mehr als 50 Tonnen schwere Seemunition gefunden.

Ist das Entschärfen einer solchen Ankertaumine gefährlich?
Diese Minen werden in der Regel nicht entschärft, sondern gesprengt, wie im jüngsten Fall.

Wie entdecken Sie solche Minen?

Bei Bomben an Land hat man Anhaltspunkte durch Luftbilder, in der See indes nicht. Hier ist man auf Zufallsfunde angewiesen. Meist trifft man bei Kabelverlegungen auf Kampfmittel. Da findet man praktisch alles: Das reicht von einer großen Mine und einem Torpedokopf bis hin zu Spreng- und Wurfgranaten.

Interview: Michael B. Berger     

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