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Panorama Schwere Vorwürfe gegen Loveparade-Macher
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18:24 28.07.2010
Quelle: afp

Vier Tage nach der Katastrophe bei der Loveparade hat der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger schwere Vorwürfe gegen den Veranstalter erhoben. Die Organisatoren hätten ihr Sicherheitskonzept im Eingangsbereich nicht umgesetzt, sagte der SPD- Politiker. Er präsentierte am Mittwoch in Düsseldorf einen vorläufigen Bericht der Polizei zur Massenpanik vom Sonnabend. In der Nacht zum Mittwoch erhöhte sich die Zahl der Toten auf 21. Eine 25 Jahre alte Frau aus Heiligenhaus bei Essen starb im Krankenhaus.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) ordnete zur Trauerfeier am Sonnabend bundesweit eine Trauerbeflaggung an. Der ökumenische Gottesdienst soll am Sonnabend um 11 Uhr in der Duisburger Salvatorkirche stattfinden.

Minister Jäger sagte vor der Presse, er finde es „unerträglich“, wenn Verantwortung auf Seiten der Stadt oder des Veranstalters abgeschoben werde. Die Loveparade wurde von der Lopavent GmbH organisiert. An ihrer Spitze steht der Fitness-Unternehmer Rainer Schaller. Sowohl Schaller als auch der Duisburger Oberbürgermeister Adolf Sauerland sind seit dem Unglück in der Kritik.

Der Innenminister bemängelte jetzt Schwachstellen beim Zusammenwirken mit der Polizei. Er stelle sich eine gute Zusammenarbeit mit der Stadt, die die Genehmigung der Polizei erst kurz vorher ausgehändigt habe, anders vor, sagte Jäger. Sie soll erst Sonnabend gekommen sein.

Der nordrhein-westfälische Polizeiinspekteur Dieter Wehe schilderte die dramatischen Abläufe am Unglückstunnel. Dabei kamen ihm Tränen, als er über die zu Tode gequetschten Menschen sprach.

Wehe und Jäger erläuterten, dass an kritischen Punkten zu wenig Ordner des Veranstalters gewesen seien. Außerdem seien Anweisungen der Beamten nicht umgesetzt worden.

Wehe berichtete, die Polizei habe schon vor der Loveparade Bedenken zum Tunnel geäußert. Am Katastrophen-Sonnabend seien dann 4000 Landespolizisten und 1300 Bundespolizisten im Einsatz gewesen. Der Veranstalter habe das Gelände später als geplant geöffnet - erst nach 12.00 Uhr. So entstand früh Druck durch heranströmende Menschen.

Der Tunnel als Nadelöhr zum Gelände hat eine Kapazität von 30.000 Menschen pro Stunde. Es sei dann eine größere Menschenmenge am Tunnel geblieben und habe einen Rückstau verursacht. Um 15.30 Uhr erhielt die Polizei den Hilferuf der Veranstalter.

Der Veranstalter habe die Ordner um 15.46 Uhr angewiesen, die Schleusen zu sperren, damit keine Menschen in den überfüllten Tunnel nachströmen. Dies sei aber nicht umgesetzt worden, sagte Wehe. Die Veranstalter hätten zudem Zaunelemente entfernt, um Krankenwagen durchzulassen. Durch die Lücken seien dann Menschen eingeströmt.

Die vorhandenen Ordner hätten nicht ausgereicht. Sie hätten die Besucher im Eingang zum Weitergehen auffordern sollen. Um 17.02 Uhr seien der Polizei erste Opfer auf der Rampe gemeldet worden.

Ein Absperrzaun sei umgerissen worden und die Menschen drängten zur Treppe an der Rampe. Dadurch habe sich der Druck enorm erhöht. Die umgerissenen Zäune hätten vermutlich als Stolperfalle gewirkt, schilderte Wehe.

Kurz vorher hatte die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, dass sich Lopavent als Veranstalter mehrfach über Bedenken der Behörden hinweggesetzt haben soll. So hätten die Veranstalter in ihrem Sicherheitskonzept 150 Ordner für den Bereich der Rampe und des Tunnels versprochen. Vermutlich seien dann aber weniger Ordnungskräfte eingesetzt gewesen, schrieb das Blatt.

Der Unternehmer Schaller hatte dagegen bisher betont, alle Auflagen der Behörden erfüllt zu haben. Schaller gibt der Polizei eine Mitschuld. Nach seinen Angaben ließ die Einsatzleitung alle Schleusen öffnen, wodurch der Besucherstrom unkontrolliert in den Tunnel gelangen konnte. Schaller wird vorgeworfen, aus Profitgier die Sicherheit vernachlässigt zu haben. Das weist er zurück.

Auf Duisburgs Oberbürgermeister Sauerland wächst der Druck ebenfalls. Der CDU-Politiker will einem Zeitungsbericht zufolge nicht an der geplanten Trauerfeier am Sonnabend teilnehmen. Sauerland wolle „die Gefühle der Angehörigen nicht verletzen und mit seiner Anwesenheit nicht provozieren“, sagte ein Sprecher der Duisburger Stadtverwaltung.

Die Zeitung „Rheinischen Post“ zitierte zudem Polizeikreise, dass auch Sicherheitsbedenken zur Absage geführt hätten. Es seien Morddrohungen gegen Sauerland ausgesprochen worden. Sauerland wird angegriffen, weil er die Loveparade unbedingt in Duisburg haben wollte und das Riesenfest genehmigte.

Bisher sind 13 Frauen und 8 Männer an ihren Verletzungen gestorben. Sie waren zwischen 18 und 38 Jahre alt. Mehr als 500 Menschen wurden verletzt. Am Mittwoch lagen noch 25 Menschen in Krankenhäusern. Das sagte ein Sprecher der Kölner Polizei. Zur Schwere ihrer Verletzungen konnte er keine Angaben machen. Die Massenpanik ist das nunmehr schwerste Unglück in Nordrhein-Westfalen seit fast 40 Jahren.

Den Gedenkgottesdienst für die Toten werden der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck und der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider, leiten. Er ist auch amtierender Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland.

Inzwischen gab es erste private Trauerfeiern. In Münster nahmen Familie und Freunde in aller Stille Abschied von drei getöteten Studentinnen.

Politisch werden die Rufe nach Konsequenzen für künftige Großveranstaltungen lauter. So will das Land Nordrhein-Westfalen neue bundeseinheitliche Regelungen für solche Events erreichen. Das Bundesinnenministerium begrüßte den Vorschlag, Kommunen bei der Organisation von Großveranstaltungen zu helfen. Die Innenministerkonferenz von Bund und Ländern will sich mit dem Thema beschäftigen.

dpa

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