Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Russische Omas wollen Eurovision aufmischen
Mehr Welt Panorama Russische Omas wollen Eurovision aufmischen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:48 13.05.2012
Buranowskije Babuschki - die Omas aus Buranowo - treten beim ESC für Russland an. Quelle: dpa
Moskau

Vom Wolga-Dorf ins Grand-Prix-Rampenlicht: Ein kultiger Trachtenchor aus sechs russischen Großmüttern hofft beim Eurovision Song Contest (ESC) mit Folklore im Disco-Sound auf den Sieg. Überraschend deklassierten die Buranowskije Babuschki (Omas aus Buranowo) beim Vorentscheid in Moskau die versammelte Pop-Prominenz des Landes. Nun will das skurrile Ensemble mit seinem Song „Party For Everybody“ beim Grand Prix Ende Mai auch den deutschen Teilnehmer Roman Lob („Standing Still“) schlagen. Die Seniorinnen sehen den Musikwettbewerb in Baku als „größtes Abenteuer“ ihres Lebens. Experten räumen ihnen durchaus Chancen ein, zu siegen.

Die fidele Gruppe mit einem Durchschnittsalter von etwa 66 Jahren entschloss sich vor vier Jahren, internationale Popklassiker in ihrer eigenen Sprache zu singen. Rund 1100 Kilometer südöstlich von Moskau interpretierten die derzeit wohl berühmtesten Großmütter Russlands Lieder etwa der Beatles („Let it be“) in Udmurtisch - einer finno-ugrischen Sprache, die weltweit nur etwa 500.000 Menschen beherrschen - und eroberten damit das Herz vieler Russen im Sturm. Beim nationalen ESC-Vorentscheid 2010 belegten sie den dritten Platz. Die damalige Reise von Buranowo ins ferne Moskau sei ein unvergessliches Ereignis gewesen, schwärmen die Babuschki noch heute.

„Normalerweise malt Pop-Musik eine Traumwelt, aber wir wollen auch optisch das Gegenteil zeigen: den Alltag in der russischen Provinz“, sagt die 73 Jahre alte Galina Konewa dem Staatsfernsehen. Mit Kopftuch und in geflochtenen Bastschuhen aus Birkenrinde („lapti“) stehen die „Spice Girls von der Wolga“ im Proberaum ihres 650-Seelen-Dorfes. Auf den kunterbunten Flickenschürzen („aischetow“) glitzern Ketten („monisty“) aus Münzen, von Sowjetrubeln bis zu Zarentalern. „Come on and boom boom“, singen die Omas, und Sergej Schirokow nickt. Der TV-Regisseur ist als Choreograph für den ESC-Auftritt in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku zuständig.

Die Babuschki sind keine Produkte kühler Castingshows, sondern Teilzeit-Popstars in Holzhäusern ohne fließendes Wasser. Wenn sie nicht gerade im Kulturzentrum proben, melken sie Ziegen oder sammeln Hühnereier. Die Popularität sei nicht nur angenehm, sagt die 86 Jahre alte Jelisaweta Sarbatowa. Erstmals im Leben habe ihr Alltag eine fremdbestimmte Struktur. Sarbatowa singt manchmal mit der Gruppe mit und wäre bei einer ESC-Reise die älteste Teilnehmerin überhaupt. Sie sieht das zwiespältig. „Es muss gejätet werden, außerdem steht das Setzen von Möhren und Zwiebeln an. Wer macht das, wenn ich weg bin?“

Ursprünglich wollten die Frauen im Alter zwischen 43 und 76 Jahren mit Konzerten das Geld für eine Dorfkirche zusammensingen, die unter Sowjetdiktator Stalin 1949 abgerissen worden ist. Umgerechnet 200.000 Euro seien in der Kasse, berichten Medien in Moskau - das reiche fast. Kritiker meinen, es hätte in Russland „bessere“ Sänger für Baku gegeben. Bei ihrem „musikalischen Grenzgang“ würden die Großmütter oft den Einsatz verpassen und nicht immer den Ton halten. Die Frauen ficht das nicht an. „Wir werden mit Lebensfreude punkten“, sagt die 76 Jahre alte Natalia Pugatschowa der Zeitung „Komsomolskaja Prawda“.

In Baku wollen die Babuschki als Teil der Show auf der Bühne Piroggen backen und an die Zuschauer verteilen. Das Spektakel im fernen Aserbaidschan soll in Ischewsk, der Hauptstadt der Teilrepublik Udmurtien, auf einer Großbildleinwand zu sehen sein. Dann werden wohl auch die 18 Kinder, 26 Enkel und 12 Urenkel der Omas mitfiebern in der Stadt, in der die berühmten Kalaschnikow-Gewehre gebaut werden.

Einige Tage vor dem ESC-Finale am 26. Mai müssen sich die musikalischen Quereinsteigerinnen allerdings erst einmal in einem Halbfinale durchsetzen. Wenn sie es ins große Finale schaffen, macht die Älteste von ihnen mit ihren 76 Jahren dem gleichaltrigen Engelbert in Sachen Altersrekord beim ESC-Auftritt Konkurrenz, der in Baku für das Vereinigte Königreich an den Start geht. Für den Fall eines Gesamtsieges haben die rüstigen Rentnerinnen übrigens einen Wunsch: von der Gebietsverwaltung hätten sie gerne Langlauf-Skier. 

jhf/dpa

Mehr zum Thema
Medien Eurovision Song Contest - Auftakt mit Lena in Baku

Für die aserbaidschanische Hauptstadt Baku hat am Mittwochabend offiziell das Unternehmen Eurovision Song Contest 2012 begonnen: Düsseldorfs Oberbürgermeister Dirk Elbers übergab symbolisch einen Schlüssel an seinen Amtskollegen Hacıbala Abutalıbov.

Imre Grimm 25.01.2012

Jetzt ist es offiziell: Die neue Lena heißt Roman. Roman Lob aus Rheinland-Pfalz. Er fährt für Deutschland zum Eurovision Song Contest nach Baku. Der 21-Jährige war von Anfang an der Favorit beim deutschen Vorentscheid.

16.02.2012
Medien Eurovision Song Contest in Aserbaidschan - Baku 2012: Zwischen Pop und Propaganda

Vor dem Song Contest in Aserbaidschan beginnt eine Debatte um Menschenrechte und Pressefreiheit.

Imre Grimm 19.01.2012

Ein Kleinkind hat seine Mutter am Samstagvormittag in Braunschweig auf dem Balkon ausgesperrt. Polizisten mussten die 24-Jährige aus der misslichen Lage befreien.

12.05.2012

Wegen einer Bombendrohung ist der Berliner U-Bahnhof Kurfürstendamm am Samstag für knapp zwei Stunden geräumt worden. Einsatzkräfte hätten den Bahnhof durchsucht, aber nichts Verdächtiges gefunden, teilte eine Polizeisprecherin mit.

12.05.2012
Panorama Schuldspruch im Fall Hudson - Schwager ist dreifacher Mörder

Das Verbrechen erschütterte Amerika, nicht nur, weil es um die Familie von Oscar-Gewinnerin Jennifer Hudson ging: Ein Mann tötet aus Eifersucht drei Menschen - darunter ein sieben Jahre altes Kind. Jetzt wurde der Täter wegen dreifachen Mordes schuldig gesprochen.

12.05.2012