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Rolling Stones: Die Kraft anstürmender Saurier

Tourauftakt in Hamburg Rolling Stones: Die Kraft anstürmender Saurier

Am Sonnabend feierten die Rolling Stones im Hamburger Stadtpark den Auftakt ihrer „No Filter“-Europatour. Diese Band kriegt einfach keine „Satisfaction“.

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Am Sonnabend feierten die Rolling Stones den Auftakt ihrer Europatournee in Hamburg.

Quelle: AP

Hamburg. Dieser Tage von Wirbelstürmen zu singen hat durchaus etwas Despektierliches. Mick Jagger hebt sich „Jumping Jack Flash“ deshalb diesmal für den Schluss auf. Nach zweieinhalb wundersamerweise regenfreien Stunden Rolling Stones im Hamburger Stadtpark wagt er die Zeile dann doch, stößt sie aus: „Ah was bawwn in a crossfah Hurr’cayyyn!“ Dass er am Kreuzungspunkt von Hurrikanen zur Welt kam, singt Jagger und das klingt nicht so, als stünde an jenem Ort ein ganz normales Krankenhaus. Nur mit dieser Herkunftslegende lässt sich erklären, dass der Sänger da oben mit seinen nunmehr 74 Jahren zwar eindrucksvoll zerfurcht ist, aber kein bisschen alt wirkt.

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Am Sonnabend feierten die Rolling Stones im Hamburger Stadtpark den Auftakt ihrer „No Filter“-Europatour. Diese Band kriegt einfach keine „Satisfaction“.

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Mitte 70 mag das neue 50 sein, aber das hier erscheint maximal als der frühe Lebensnachmittag eines Fauns. Eines Wesens, das über die Bühne fliegt, bis es zerspringt, dessen ganzer federleichter, tänzerischer Habitus ihn als andersweltiges Geschöpf verraten, als den „Jumping Jack“, der „a gas“ ist, ein Luftikus. Nicht jeder der vier Musiker, die am Sonnabend von der Hurrikankreuzung ihrer Welt noch einmal in die unsere gewechselt sind, um Hamburg staunen zu lassen, gockelt so extrovertiert wie Jagger. Aber jeder verströmt diese koboldhafte Aura, die Gitarristen Keith Richards (73) und (der gerade von einer Krebserkrankug genesene Ronnie Wood (70) selbst Charlie Watts (76), der stoische Trommler im weißen Hemd.

Mick Jagger lässt die Mundharmonika brennen

Das hier sind die Stones, das A und O des Rock, die britischen Erben der schwarzen Bluesmänner und Rock’n‘Roller. Sie ziehen in Hamburg noch reichlich Saft aus ihren Wurzeln. Ihre Setlist haben sie neu gemischt und auch ein bisschen gelüftet. Los geht’s mit Luzifers Hallo in „Sympathy for the Devil“. Die Drohballade „Play with Fire“ kommt neu zu Ehren, ebenso das groovende „Dancing with Mr. D.“ von 1973. Nur zwei Songs ihres aktuellen Albums „Blue & Lonesome“ werden gereicht – „Just your Fool“ und „Ride em on Down“. Schöner, dampfender, narbiger Blues, Mick Jagger lässt die Mundharmonika brennen.

Jagger erinnert auch an das letzte Hamburg-Konzert vor zehn Jahren. Damals (als man dachte, das sei nun aber gewisslich der letzte Auftritt der Stones auf deutschem Boden) war erstmals der gesamte Innenraum des Volksparkstadions bestuhlt gewesen. Zehn Jahre später ist auf der grünen Wiese mit ihren temporären Tribünenflanken wieder Stehen angesagt. Warum solls uns anders gehen als der Band. Wir werden auch nicht älter. Jagger, der Panther, singt „It’s only Rock’n’Roll!“ „But I like it“ ergänzen die 82.000 auf der Wiese. Keith Richards strahlt bei den Publikumschören zu „You can’t always get what you want“ und erscheint glücklich über die glühenden Töne, die ihm beim Solo aus den Saiten tropfen. Jagger singt davon, dass man zwar nicht immer kriegt, wonach man sich sehnt, aber am Ende doch oft das, was man braucht. Und das passt zu diesem Abend und seinen Helden. Man hatte vier alte Herren samt jüngeren Begleitmusikern erwartet und bekommt eine temperamentvolle Truppe, die Blues und Rock mit dem Charme des Ungeschliffenen präsentiert.

Fans zelebrieren „Satisfaction“

Dann säbelt Keith zu „Honkytonk Women“ seinen bulligen Riff aus den Lautsprechern und das hat in Hamburg auch nach fast 50 Jahren immer noch die Kraft eines antrabenden Triceratops. Der „Midnight Rambler“ ist Pflicht – eine epische Bluesoper von stattlichen zwölf Minuten, zergliedert in höchst dramatische Akte. „Satisfaction“ wird vor den Zugaben zu Recht weidlich zelebriert statt wie auf den letzten Tourneen als lästige Nebensache abgespult. Hier kommt er wieder in seiner Pracht, der große Rock’n’Roll-Song des Infragestellens, der all den Alten den Mittelfinger zeigte, die einem weismachen wollten, was man so an Gütern haben musste, um ein ganzer Mann zu sein. Die fünf Töne von „Satisfaction“ zersägten vor langer Zeit die Welt in „die da“ und „wir“. Und eins war klar: „Wir wollten später anders werden als „die da“.

Die Stones sind im 55.Bandjahr die Besten seit je, wie sie in der Hansestadt bewiesen. Letzte Tour? Unvorstellbar. Angesichts der gerade erlebten Lust an live scheint weiterhin alles möglich, nichts sicher zu sein, nur eins glaubt man fest: Weder Auflösung noch Tod werden die Rolling Stones beenden, sondern die Hurrikane werden sich eines Tages an ihrem Kreuzungspunkt verfehlen, der Übertrittsort in unsere Welt wird den Stones damit verloren gehen, und der „Jumping Jack“ nicht mehr springen können. Könnte der Tag werden, von dem der Folkmusiker Don McLean einst in seinem Song „American Pie“ sang, der Tag an dem „the music died“.

Von Matthias Halbig/RND

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