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Panorama Rekord-Urmensch gibt noch Rätsel auf
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22:26 18.09.2014
Die rätselhaften Knochenstücke und ihre Finder: Karl-Werner Frangenberg und seine Frau Ortrud 2008 im Landesmuseum – der Hobbyarchäologe hatte die Fragmente in der Nähe von Hildesheim entdeckt. Quelle: dpa
Schliekum

Die Fachwelt hadert noch, versucht, den Fundstücken aus dem Leinetal ihre letzten Geheimnisse zu entreißen.

„Es wird noch einige Zeit dauern, bis alle Untersuchungen abgeschlossen sind“, sagt Dr. Utz Böhner vom Landesamt für Denkmalpflege. „Wir haben bisher noch nicht die erhofften Ergebnisse.“ Die Analysen nehmen mehr Zeit in Anspruch als geplant. Ursprünglich hatte Böhner schon im Frühjahr 2013 Resultate präsentieren wollen. Das Kernproblem ist dabei offenbar, dass von dem Ur-Schliekumer einfach nicht genug übrig ist. Hinzu kommt, dass die beteiligten Forscher das bisher Bekannte offenbar unterschiedlich bewerten.

Prof. Alfred Czarnetzki jedenfalls war im Juli 2008 im Gespräch mit dieser Zeitung überzeugt: „Die gefundenen Knochen sind mehr als 700.000 Jahre alt.“ Auf Nachfrage hatte der Wissenschaftler von der Universität Tübingen betont: „Ich bin mir ganz sicher.“ Czarnetzki hatte die im Jahr 2002 von dem hannoverschen Hobbyarchäologen Karl-Werner Frangenberg im Kiesabbaugebiet entdeckten Knochenstücke in seinem Labor untersucht. Sie seien fast identisch mit ebenso alten Funden von der indonesischen Insel Java. „Wie Zwillinge“, sagte Czarnetzki damals. „Das kann man schon als Sensation bezeichnen.“

Was denn auch deutsche und internationale Medien taten. Der Homo Heidelbergensis, 1907 in der 4000-Seelen-Gemeinde Mauer vor den Toren Heidelbergs entdeckt und rund 600.000 Jahre alt, schien als Rekord-Urmensch abgelöst. Doch während es dort ein schmuckes urgeschichtliches Museum mit dem Schädelknochen als Hauptattraktion gibt, wird bei Schliekum immer noch Kies abgebaut, und die dort entdeckten Knochen beschäftigen weiter die Forscher. Wer Hunderttausende Jahre in der Erde lag, gibt seine Geschichte eben offenbar nicht in ein paar Jahren preis.
Doch wie geht diese Geschichte wirklich? Die Spezialisten um Utz Böhner schließen sich der Analyse von Czarnetzki bislang nicht an. „Das Alter von 700.000 Jahren ist damals etwas unglücklich aus einer mündlichen Mitteilung falsch interpretiert worden“, sagt der Mann vom Landesamt für Denkmalpflege. Allerdings hatte sich der Tübinger Professor gegenüber dieser Zeitung auch auf mehrfaches Nachfragen hin eindeutig ausgedrückt.

Böhner bleibt indes dabei, Czarnetzki sei von den Medien möglicherweise falsch verstanden worden: „Er hat festgestellt, dass die Schädelfragmente in der Morphologie mit bekannten Funden des Homo Erectus übereinstimmen.“ Das morphologische Alter lasse sich aber nicht mit dem tatsächlichen Alter gleichsetzen. Die notwendigen Abgleiche seien jedoch schwierig zu leisten. Vom Homo Erectus seien ganze Schädeldecken erhalten, bei denen sich das hohe Alter habe nachweisen lassen.
Vom morphologischen aufs tatsächliche Alter zu schließen sei nur möglich, wenn sicher sei, dass die betreffenden Merkmale nicht auch bei deutlich jüngeren Knochen noch auftreten. Da von dem Schliekumer Urmenschen aber nur Fragmente und keine ganzen Schädel erhalten seien, sei der Beweis für dessen Alter „erst noch zu erbringen“. Was heißt: Mag Czarnetzki auch sicher gewesen sein – sicher ist noch nicht, ob der Schliekumer Knochen wirklich der älteste aller Zeiten in Deutschland ist. Allerdings ist auch das Gegenteil nicht erwiesen.

Die Frage nach dem ältesten deutschen Knochenfund ist allerdings längst nicht nur eine für Lokalpatrioten. Vielmehr hängen daran grundsätzliche wissenschaftliche Theorien. Denn mehr als 700.000 Jahre alte Knochen vom Homo Erectus wurden so weit nördlich noch nie entdeckt. Alfred Czarnetzki hatte damit seine durchaus umstrittene These untermauert, die Wiege der Menschheit habe keineswegs nur in Afrika gestanden, vielmehr sei Europa auch von Asien aus besiedelt worden. Viele seiner Kollegen sehen das allerdings anders. Alfred Czarnetzki wird nie erfahren, ob er wirklich zweifelsfrei den ältesten Menschenknochen Deutschlands untersucht und die Geschichte der Menschheit ein Stück weit umgeschrieben hat. Er starb am 20. Mai vergangenen Jahres im Alter von 76 Jahren in Tübingen.

Tarek Abu Ajamieh

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