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Panorama Muss man den Weltuntergang predigen, Herr Meister?
Mehr Welt Panorama Muss man den Weltuntergang predigen, Herr Meister?
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20:44 23.12.2017
Von Michael B. Berger
Landesbischof Ralf Meister wünscht sich eine neue Nachdenklichkeit. Quelle: Schaarschmidt

Herr Landesbischof Meister, wenn man heute mit Menschen über Flüchtlinge spricht, kann man den Eindruck gewinnen, dass sich das politische Klima im Land ziemlich geändert hat, ja sogar ein wenig vergiftet ist. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ja, auch ich spüre eine große Verunsicherung bei vielen Menschen. Aber dies ist aus meiner Sicht Ausdruck einer eher generellen Überforderung und Verunsicherung. Viele fragen sich: Wie sieht die Zukunft nicht nur dieses Landes, sondern der gesamten Welt aus? Welche Sicherheiten habe ich noch nicht? Wird der Mensch die großen Herausforderungen lösen können? Der Klimawandel ist greifbar, in jeder Hinsicht. Und wenn der Temperaturanstieg nicht gebremst wird, wird es für die Generationen nach uns extrem bitter. 

Muss man heute den Weltuntergang predigen?

Nein, aber man muss sehen, dass es bei biblischen Prophezeiungen auch eine Unheilsprophezeiung gegeben hat, die aber darauf baute: Es gibt eine Wendung zum Guten am Ende. Im Gegensatz zur biblischen Überlieferung bleibt man heute vielfach im Bedrohungsszenario. Dabei ist Resignation keine christliche Haltung.

Wie, denken Sie, entwickelt sich die Flüchtlingspolitik weiter? 

Ich bin relativ optimistisch, dass wir in unserem Land dank der vielen Initiativen und beschlossenen Regelungen eine Integration hinbekommen werden. Das zeigt auch die jüngere Geschichte unseres Landes. Im Übrigen finde ich, dass sich die Lage bei uns im Vergleich zu den Vorjahren doch ziemlich beruhigt hat. Dennoch ist weiterhin eine große gesellschaftliche Anstrengung vonnöten.

Halten Sie die politische Diskussion über Obergrenzen für berechtigt?

Für sich genommen ist die Debatte über die Obergrenze, so wie sie geführt wird, ein politischer Witz. Da wird mit Zahlen argumentiert, die oft nicht richtig hinterlegt sind, und wer in den Nahen Osten reist, sieht und erlebt, wie gering die Zahl der aufgenommenen Flüchtlinge in Europa ist. Ich habe allerdings ein gewisses Verständnis dafür, dass man sich fragt, ob und wie viel Integration bei uns zu schaffen ist. Dabei darf aber nicht das Asylrecht an eine Zahl gebunden oder infrage gestellt werden. Wann kommt endlich ein Einwanderungsgesetz? Und man sollte sich keine Illusionen machen, dass das Thema Migration beendet wäre. Es bleibt das Thema des 21. Jahrhunderts, weltweit und nicht nur bei uns. Immer mehr Menschen machen sich auf den Weg, weil ihre Regionen aus klimatischen Gründen unbewohnbar werden, in Armut versinken oder von Bürgerkriegen heimgesucht werden. Der Umgang mit diesen riesigen Migrationsbewegungen wird die Herausforderung sein für die kommenden Generationen.

Sie selbst sind dieses Jahr in die Bürgerkriegsgebiete nach Syrien gereist. Mit welchen Eindrücken kamen Sie zurück?

Mit Bildern, wie sie Menschen 1945 in Berlin erlebt haben. Wenn man jetzt in das syrische Homs reist, in eine Stadt, in der einstmals fast eine Million Menschen lebten, jetzt vielleicht noch 200 000, dann kommt man in eine Stadt, die so aussieht wie eine deutsche Großstadt nach dem Zweiten Weltkrieg. Wir sind am ersten Abend in die zerstörte, dunkle Altstadt gefahren, wo einst 60 000 Christen lebten, jetzt vielleicht noch 10 000. Die sieht man aber kaum, weil links und rechts nur Ruinen stehen. Und dann treffen sie in einem intakten Gebäude auf junge Menschen, die vielleicht hätten fliehen können, aber dort geblieben sind – das berührt einen schon. Wir haben in der Altstadt von Homs mit Christen geredet, die sich um traumatisierte Kinder kümmern. Das war tief berührend und auch ansteckend, dort so etwas zu erleben – ein Hoffnungsschimmer.

Welche Lehren hat Ihnen dieser Kurzbesuch in Syrien vermittelt?

Zum einen der äußere Eindruck einer sozialistischen Diktatur im Assad-Regime. Wir wurden erst von einem Geheimdienstmann begleitet, dann noch von einem zweiten, der vermutlich den ersten Agenten beobachtete. Freiheit, Demokratie: völlige Fehlanzeige. Und zum anderen bekommt man einen anderen Blick auf unsere deutsche Diskussion, die von einer bedrückenden Enge und Ängstlichkeit geprägt ist – und das in einem Land, das frei, demokratisch und reich ist und von der Internationalität lebt. Wir müssen uns als Kirche auch fragen, wie wir denen helfen können, die in Syrien geblieben sind. Die brauchen Schulen und Kindergärten, eine soziale und medizinische Infrastruktur. Und wir dürfen die nicht aus dem Blick verlieren, die irgendwann wieder zurück in ihre Heimat wollen. Und die dort auch gebraucht werden. Wie könnten wir Rückkehrprogramme aufbauen und intensivieren? Das darf über dem zweifellos wichtigen Integrationsgedanken hier in Deutschland nicht zu kurz kommen.

Sie haben zu Weihnachten weiße Karten mit dem eingedruckten Wort „Stille“ verschickt. Warum?

Wir brauchen eine neue Nach­denklichkeit. Wir reden sehr schnell und intensiv und laut, auch in den sozialen Netzwerken, aber wenig nachdenklich und nachsinnend etwa über das große Geheimnis des Weihnachtsfestes. Dass Gott wirklich zu uns gekommen ist, dass er mir etwa auch in den Flüchtlingen begegnet, die hier bei uns in der
Bischofskanzlei wohnen. Es ist zu viel Lärm und zu wenig Stille im Land.

Herr Landesbischof Meister, die Adventszeit ist eigentlich eine Zeit der Buße. Ist der Bußgedanke, der wesentlich auch den Reformator Martin Luther prägte, eigentlich noch von dieser Welt?

Und ob. Ich wünschte mir manchmal mehr davon , auch in der Politik oder in großen Unternehmen.

Wie meinen Sie das?

Zu einer Buße gehören immer mehrere Teile: Erstens die Einsicht in das fehlerhafte Handeln, zweitens die Reue darüber, und das Dritte ist dann erst im Bußakt die Befreiung davon und ein verändertes Verhalten. Wenn man sich den Diesel-Skandal anschaut, dann haben doch viele von uns verzweifelt darauf gewartet, dass einige an der Spitze sich hinstellen und sagen: Wir haben einen riesigen Fehler gemacht. Aber diese Worte kamen nicht. Das Zweite wäre die Reue gewesen: Wir haben euch Kunden betrogen und sind schuldig geworden. Nichts davon. Stattdessen gab es ein großes Geschwurbel in Anzeigen und Statements, in denen von neuem Vertrauen die Rede war. So geht das nicht. Das zeigt, wie wichtig solch ein Bußsakrament auch außerhalb der Kirche sein kann, in politischen oder wirtschaftlichen Zusammenhängen. Volkswagen hat zwar professionelle Presseabteilungen, doch die konnten alle nicht über die sehr bedenkliche individuelle moralische Haltung der Konzernleitung in der Diesel-Affäre hinwegtäuschen.

Von einem Thema, das mehr Buß­fertigkeit verdiente, zu einem Thema, das die meisten Bürger freuen dürfte: Die rot-schwarze Regierung will jetzt tatsächlich einen zusätzlichen Feiertag einführen. Im Gespräch ist der 31. Oktober, der Reformationstag. Was halten Sie davon?

Natürlich viel. Wir begrüßen als evangelische Kirche sehr, dass beide große Volksparteien nicht nur über einen zusätzlichen Feiertag nachgedacht haben, sondern ihn tatsächlich im Koalitionsvertrag festgeschrieben haben. Unterstützend kommt hinzu, dass in ganz Norddeutschland über einen solchen Feiertag debattiert wird und es hier eine gemeinsame Initiative gibt.

Wäre der Buß- und Bettag nicht geeigneter, zumal der Reformator Martin Luther zumindest in seiner Altersphase mit antisemitischen und antijudaistischen Tiraden aufgefallen ist?

Ich denke, dass das Reformationsjubiläum, das wir gefeiert haben, gezeigt hat, wie kritisch und offen sich die Kirche auch mit den antijudaistischen Schriften Martin Luthers auseinandergesetzt hat. Das ist bleibende Verpflichtung im Zusammenhang mit der Reformation . Weiter haben wir auch eine Intensivierung des ökumenischen Gedankens in diesem Reformationsjubiläum erlebt, wie wir sie vorher nicht hatten. Ich denke da an den Healing-of-memories-Gottesdienst in Hildesheim. Und zum Dritten war eine sehr große Offenheit gegenüber anderen Religionen, aber auch humanistischen Ideen ein selbstverständlicher und wichtiger Teil des Reformationsjubiläums. So ist ein Reformationstag, wenn er gesetzlicher Feiertag werden sollte, auch ein Anspruch an uns selbst, ihn zu einem Feiertag der Allgemeinheit zu machen.

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