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Panorama „Mit Urlaub ist nicht zu spaßen“
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11:45 10.07.2010
Quelle: dpa

Helfen Sie uns. Was ist besser: Am ersten Urlaubstag die Koffer packen und die Heimat verlassen, oder lieber ganz entspannt losfahren, dafür aber vom Strand direkt wieder ins Büro?

Es ist grundfalsch, sofort nach der Arbeit ins Auto zu steigen und loszufahren. Viele machen das, weil sie keine Zeit verlieren wollen und den Urlaub von der ersten Minute genießen wollen. In Wirklichkeit passiert etwas anderes: Man nimmt den Stress mit in den Urlaub – und hat schon im ersten Stau keine Lust mehr.

Dann sollte man es also lieber ganz ruhig angehen lassen, auch wenn man dann nach der Urlaubsreise direkt wieder ins Büro muss?

Auch das ist nicht wirklich erholsam. Ich würde dazu raten, sowohl vor dem Reiseantritt als auch danach ein paar Tage zu Hause zu verbringen: zum Kofferpacken, zum Entspannen und hinterher zum Kofferauspacken und um noch ein paar Dinge zu ordnen. Auch wenn dann die Reise vielleicht ein paar Tage kürzer ausfällt, ist das die erholsamste Variante.

Wie lange brauchen denn Körper und Geist im Urlaub, bis sie den Alltag abgelegt haben?

Es dauert zwei Wochen, bis sich der physiologische Rhythmus des Körpers wieder in seine eigene Taktung eingependelt hat und nicht mehr an die des Jobs, der uns ja in der Regel entgegen unserer Natur vorschreibt, wann wir aufstehen müssen, wann wir Leistung erbringen müssen und müde sein dürfen.

So ein Urlaubsanfang klingt in ihren Worten wie ein Jetlag ...

Der Vergleich trifft es. Der Körper stellt sich im Urlaub auch ohne Reise auf seine eigenen Bedürfnisse ein, ganz ähnlich wie bei einer Zeitverschiebung. Die Rückeroberung unseres natürlichen Rhythmus ist immens wichtig: Sie bedeutet Erholung. Dazu braucht es Zeit.

Also ist Ausschlafen das Wichtigste im Urlaub?

Nein, das reicht in den meisten Fällen noch nicht aus. Erholung bedeutet für uns vor allem ein sogenanntes Diskrepanzerlebnis, ein Kontrastprogramm zum Arbeitsalltag. Menschen, die einer eher eintönigen Arbeit nachgehen, brauchen im Urlaub möglichst Aktivität und Kontakt zu Menschen. Wer hingegen im Alltag ständig mit Menschen umgeht und viel Stress hat, kann sich oft besser erholen, wenn er es ruhiger angehen lässt.

Wer gestresst ist, kann sich also durchaus mit Sonne, Strand und Meer entspannen?

Wichtig ist, dass man auch etwas erlebt und seine Sinne neu beansprucht. Sport beispielsweise kann sehr erholsam sein. Gerade in den ersten Reisetagen fühlen sich viele gestresste Urlauber wie ein Tiger im Käfig, wenn sie plötzlich am Strand liegen und gar nichts tun sollen. Sie können nicht abschalten. Manche bekommen sogar eine Erkältung, sobald sie abspannen. Sport kann da helfen.

Urlaub ist offenbar eine ziemlich komplizierte Sache. Brauchen wir auch zwei Wochen, um uns anschließend wieder an die Arbeit zu gewöhnen?

Ja, sicher, das kennen wir doch alle. Man kommt ins Büro und hat alle Passwörter für den Computer vergessen, man hat morgens Probleme aufzustehen und sehnt sich eigentlich den ganzen Tag über nach dem Feierabend.

Vielleicht ist Arbeit einfach generell zu anstrengend, zu weit vom natürlichen Rhythmus entfernt.

Einige Berufe verlangen sehr viel. Da muss man aufpassen. Zwei Wochen Urlaub im Jahr genügen da nicht, um den Akku wieder aufzuladen. Wir müssen uns Urlaubsinseln in den Alltag legen. Ein paar verlängerte Wochenenden, besondere Erlebnisse. Wir brauchen den ritualisierten, regelmäßigen Tag mit Kindern oder dem Partner, einen Nachmittag am See, einen Abend im Kino, kleine Fluchten, die uns auf andere Gedanken bringen.

Wieso muss das ritualisiert geschehen, geht das nicht spontan?

Nein, oft geht das eben nicht. Ohne feste Tage besteht die Gefahr, dass man sich nicht mehr zu Aktivitäten aufrafft, weil man einfach zu müde ist. Man kann das mit einem Auto vergleichen. Wenn der Benzintank fast leer ist, macht man keinen Ausflug mehr zu seiner Lieblingstankstelle, sondern besorgt sich schnell ein paar Liter Benzin. Zu mehr fehlt die Kraft.

Zwei Wochen auf der Couch sind also kein Urlaub?

Nein. Man braucht zwar nicht Tausende Kilometer weit fahren, um sich zu entspannen. Aber herumhängen auf der Couch ist nicht sehr erholsam. Im Arbeitsalltag laufen wir ständig mit Scheuklappen herum, konzentriert auf das, was von uns erwartet wird. Doch wir haben viel mehr Sinne: den Geruch, das Sinnliche, die Bewegung. Das alles wiederzuentdecken, die Andersartigkeit zum Alltag, das ist das, was uns wirklich entspannt.

Sie sind Psychotherapeut. Kann falscher Urlaub krank machen?

Ja, im schlimmsten Fall. Ich habe das bei meinen Patienten oft erlebt. Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Arbeitsverdichtung dermaßen gestiegen ist, dass der richtige Urlaub enorm wichtig für die Gesundheit geworden ist. Wer da nicht gründlich plant, riskiert, krank zu werden: Burn-out, Erschöpfungsdepression, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen. Mit dem Urlaub ist nicht zu spaßen.

Haben Sie bald Urlaub?

Ja, ich fahre nächste Woche mit meiner Familie nach Südfrankreich, in die Weinberge. Da gibt es ein Schwimmbad und einen schönen Bauernhof. Ich war schon im vergangenen Jahr dort. Früher war ich im Urlaub eher auf Abenteuer aus, aber ich habe einen anstrengenden Beruf und fahre mittlerweile am liebsten dort hin, wo ich es kenne. Ich muss mich erholen.

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