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Panorama Massenpanik bei der Loveparade: Absehbare Katastrophe?
Mehr Welt Panorama Massenpanik bei der Loveparade: Absehbare Katastrophe?
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18:55 25.07.2010
War die Katastrophe von Duisburg absehbar? Quelle: dpa

Der Weg zur Technoparty wurde zur tödlichen Falle. Mindestens 19 Menschen kamen bei einer Massenpanik ums Leben. Im Gedränge an einem Zugangstunnel zur Loveparade wurden sie erstickt, zerquetscht und totgetreten. Mehr als 340 Raver erlitten teils schwerste Verletzungen.

„Dieses Unglück ist so entsetzlich, dass man es nicht in Worte fassen kann“, sagte Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) am Sonntag. Organisatoren und Verantwortliche sahen sich bohrenden Fragen und harten Vorwürfen ausgesetzt. Antworten bleiben sie schuldig. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen fahrlässiger Tötung. Die Loveparade soll laut Veranstalter nie mehr stattfinden.

Bereits vor der Technoparade hatte es Warnungen gegeben, dass das Gelände auf dem alten Güterbahnhof der Ruhrgebietsstadt wegen des komplizierten Zugangs über Tunnel und Rampen nicht massentauglich sei. Das Sicherheitskonzept für die Veranstaltung steht nun bei den Ermittlungen auf dem Prüfstand.

Die Toten seien Opfer „materieller Interessen eines Veranstalters, der unter dem Deckmäntelchen der „Kulturhauptstadt 2010““ Druck ausgeübt habe, sagte der stellvertretende Landesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Wolfgang Orscheschek. Duisburger Stadtpolitiker seien „in die Enge getrieben“ worden, so dass sie trotz eindringlicher Warnungen aus dem Sicherheitsbereich nur „ja“ sagen konnten. Polizei und Feuerwehr „haben im Vorfeld ihre Vorbehalte geäußert“, sagte Orscheschek.

Die Zahl der Teilnehmer konnten die Veranstalter auch am Tag danach nicht genau beziffern. Sie reicht von 105 000 Menschen, die mit der Bahn zum Feiern reisten, bis hin zu 1,4 Millionen Ravern, die sich in der Stadt aufgehalten haben sollen. Die abgeschlossene Partyzone sei für rund 300 000 Feiernde ausgelegt gewesen, sagte der Leiter des Krisenstabs, Wolfgang Rabe. Der Platz sei zum Zeitpunkt des Unglücks nicht vollständig gefüllt gewesen.

Die HAZ-Lokalredaktion bittet Loveparade-Besucher aus Hannover, die Sonnabend in Duisburg waren, sich unter hannover@haz.de zu melden.

Unter den 19 Toten im Alter zwischen etwas 20 und 40 Jahren sind Männer und Frauen aus Deutschland, jeweils ein Opfer kam aus den Niederlanden, Italien, China und Australien. Bis zum Sonntagmittag waren erst 16 von ihnen identifiziert.

Die Katastrophe löste im In- und Ausland eine Welle der Trauer und des Entsetzens aus. „Der Umzug der Liebe wurde zur Parade des Horrors“, schrieb die spanische Zeitung „El Mundo“ am Sonntag. Führende deutsche Politiker und Bundespräsident Christian Wulff drückten ihr Beileid aus und forderten rückhaltlose Aufklärung.

Die Fragen drehten sich vor allem um das Sicherheitskonzept. Es gab am Samstag lange Zeit nur einen Ein- und Ausgang zum Festgelände, und der war nur durch zwei sehr lange Straßentunnel unter den Bahngleisen zu erreichen. Im Gedränge dieses Nadelöhrs stauten sich die Menschen im Tunnel und auf einer Rampe. Raver, die ungeduldig zur Party strebten, trafen auf Menschen, die schon müde waren und das Fest verlassen wollten.

Viele kletterten auf Container oder Zäune, um der Enge zu entfliehen, einige stürzten nach Augenzeugenberichten hinunter in die Massen. „Das war programmiertes Chaos“, kritisierte der Augenzeuge Udo Sandhöfer die Veranstalter. „Die wollten doch alle nur Spaß. Dann haben alle geweint“, beschrieb der Besucher Achmed Hasan die Situation. Nach Bekanntwerden der Todesfälle wurde die Veranstaltung nicht abgebrochen, um weitere Panik zu verhindern.

Die Loveparade soll es nach Angaben des Veranstalters Rainer Schaller nun nicht mehr geben. 1989 in Berlin unter dem Motto „Friede, Freude, Eierkuchen“ gegründet, fand das fröhliche Techno- Event seit 2007 im Ruhrgebiet statt. Im letzten Jahr fiel sie aus: Die Stadt Bochum hatte die Ausrichtung unter anderem aus Sicherheitsgründen abgesagt.

Beinahe wäre auch die Loveparade im Kulturstadtjahr „Ruhr 2010“ in Duisburg gescheitert, weil der hoch verschuldeten Stadt Geld für Sonderbusse, Absperrungen und andere Sicherheitsmaßnahmen fehlten. Auch die Tauglichkeit des lange brachliegenden, abgeschlossenen Geländes zwischen einer Autobahn und Bahngleisen war lange vorher von Experten angezweifelt worden.

Nach der Katastrophe starteten Feuerwehren und andere Rettungsdienste aus ganz Nordrhein-Westfalen einen gigantischen Einsatz. Die am Partygelände vorbeiführende Autobahn 59, die aus Sicherheitsgründen ohnehin gesperrt war, wurde zum Anlaufpunkt für Rettungsfahrzeuge und Hubschrauber. In den Tunnels fuhren noch Stunden später Notarztwagen mit Blaulicht. Leichtverletzte Loveparade-Besucher wurden mit Bussen in Kliniken gefahren.

Bis nach Mitternacht verließen Leichenwagen den Unglücksort. Die Polizei hatte das Gelände mit Zäunen und Sichtblenden weiträumig abgesperrt. In der Nacht kamen erste Trauernde zu dem Tunnel, um ihr Mitgefühl mit den Opfern zu bekunden. Einige zündeten Kerzen an.

Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich geschockt und sagte: „Zum Feiern waren die jungen Menschen gekommen, stattdessen gibt es Tote und Verletzte.“ Der Präsident der Europäischen Kommission, Manuel Barroso, kondolierte zum Tod so vieler Menschen. Nordrhein- Westfalens neue Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ließ sich in der Einsatzleitstelle der Polizei über die Entwicklung unterrichten. Sie äußerte sich „total betroffen“ und sagte, sie fühle mit den Angehörigen der Gestorbenen und sorge sich um die Verletzten.

Die Loveparade unter dem Motto „The Art Of Love“ sollte eine der wichtigsten und größten Veranstaltungen im Kulturhauptstadtjahr „Ruhr.2010“ werden. Der Cheforganisator Fritz Pleitgen zeigte sich schockiert. „Ganz klar fühle ich mich auch mitverantwortlich, aber eher im moralischen Sinne“, sagte Pleitgen Samstagnacht im ZDF.

dpa

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