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Panorama Massenpanik bei Loveparade: Menschen kämpfen um ihr Leben
Mehr Welt Panorama Massenpanik bei Loveparade: Menschen kämpfen um ihr Leben
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22:31 25.07.2010
„Der blanke Horror“: Aus zwei Richtungen treffen die Menschenströme im Tunnel aufeinander – bis die Stimmung kippt und panische Fluchtreaktionen auslöst. Quelle: afp

Stundenlang hatten die sieben Johanniter aus Wunstorf „normale“ Einsätze gefahren. Was bei einer solchen Riesenparty eben anfällt: Vergiftungen durch Drogen, Fälle von Bluthochdruck. Bis dahin war die ehrenamtliche Hilfe bei der Duisburger Loveparade Routine für die Wunstorfer, die auch schon zur Unterstützung bei Großveranstaltungen wie dem Kölner Karneval und dem Bremer Marathon gefahren waren. Gegen 17 Uhr an diesem lauen Sonnabend erhielt Timo Brüning, Leiter der Schnelleinsatzgruppe, die ungenaue Meldung, die Schlimmeres befürchten ließ: vermutlich ein Toter und mehrere Verletzte. „Dennoch ahnten wir nicht, was auf uns zukommt“, sagt Brüning.
Kurz darauf wussten die Niedersachsen es. Rettungsassistentin Dorin Kleber hatte sechs Reanimationen gleichzeitig zu bewältigen – unmöglich. Der Leitende Notarzt sagte: „Lass es, die sind tot, die anderen brauchen dich.“

„Die Menschen kamen auf uns zu, trugen Verletzte auf ihren Armen, schrien ,helft uns, macht was‘“, sagt Brüning. Es sei schwierig gewesen, ihnen klarzumachen, dass Schnittwunden jetzt nicht zählen, nur Schwerverletzte. Es wurde sortiert: rote Anhänger für lebensbedrohliche Fälle, gelb für Transport, grün für Betreuung – schwarz für tot.

Die Party ging weiter. Berauschte Menschen tanzten noch stundenlang im Takt von Wummerrhythmen und dumpfen Bässen, während Hubschrauber über ihnen kreisten. Nur langsam sprach sich unter den Feiernden herum, dass nur wenige Meter vom Festplatz entfernt die Party in ein Inferno umgeschlagen war und zahlreiche Besucher den Tod gefunden hatten.

Dustin war mittendrin. Noch Stunden nach der Tragödie steht dem 17-jährigen Schüler aus Erkrath bei einem Fernsehinterview das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. „Das war die Hölle“, sagt Dustin. Wie Tausende anderer hatte sich der Raver durch einen 120 Meter langen Tunnel gedrängt, um auf das dahinter gelegene Partygelände auf dem früheren Güterbahnhof Duisburg zu kommen. Da aber nur ein Eingang geöffnet war, staute sich die Menschenmenge.

„Damit sie aus dieser Hölle rauskommen, sind einige auf die Treppe ausgewichen“, berichtet Dustin. Doch die Treppe, die von der Unterführung direkt zum Güterbahnhof führte, war unbefestigt, sodass viele in dem Tumult abgedrängt wurden und aus drei, vier Metern Höhe auf andere Partygäste stürzten. „Das war der blanke Horror“, sagt der Schüler mit dem staubigen Gesicht, der mit seinem Freund Thomas in dem Menschenknäuel eingezwängt war. „Die Leute haben geschrien und geweint, und es sind immer mehr Menschen nachgedrängt.“ Unmittelbar neben ihm sei ein Mädchen gestorben, sagt Dustin. „Die ist erdrückt worden.“ Ein anderes Mädchen, das bereits blau angelaufen war, habe er durch Mund-zu-Mund-Beatmung wiederbelebt. Kurze Zeit später habe er sich selbst kaum mehr bewegen können. „Auf mir lagen zwei Leute, das war so eng, dass meine Füße in dem Menschenhaufen stecken geblieben sind. Ich habe kaum mehr Luft gekriegt.“ Schließlich hätten ihn Rettungssanitäter herausgezogen. „Ich hatte schon mit dem Leben abgeschlossen.“

Dabei hatte alles so fröhlich angefangen. Hunderttausende von Technojüngern sind bis zum frühen Nachmittag nach Duisburg geströmt; 21 Jahre nach ihrer Gründung in Berlin soll die Loveparade zum dritten Mal durchs Ruhrgebiet ziehen. Unter dem Motto „The Art Of Love“ soll die Loveparade erstmals nicht mehr quer durch die Stadt ziehen, sondern sich auf einem abgeschlossenen Bahngelände im Kreis bewegen – mit nur 15 Floats, Lastwagen, die mit riesigen Lautsprecherboxen und Tänzern beladen sind. Gegen 14 Uhr startet die Party wie geplant mit wummernden Beats. Die Paradewagen drehen ihre Runden durch den staubigen Kies. Es wird getanzt, gekifft und viel getrunken. Die Stimmung: ausgelassen.

Doch in der Duisburger Innenstadt herrscht der Ausnahmezustand. In breiten Strömen bahnen sich die Menschenmassen auf den von Straßensperren vorgezeichneten Routen ihren Weg zu dem abgesperrten Schotterplatz, zwei Kilometer nördlich vom Hauptbahnhof. In der drangvollen Enge droht die Stimmung bisweilen zu kippen. Es kommt zu einzelnen Schlägereien, auch auf dem Partygelände. Zum tödlichen Nadelöhr entwickelt sich schließlich gegen 17.30 Uhr der 120 Meter langer Tunnel, wo die Menschenströme aus zwei Richtungen aufeinandertreffen.

Weil die Massen nicht mehr schnell genug auf das Partygelände kommen, bildet sich ein Rückstau. Vorn geht es nicht weiter, und von hinten drängen immer mehr nach. Panik bricht aus. Polizei und Rettungskräfte sehen sich fast eine Stunde lang nicht in der Lage, die Situation unter Kontrolle zu bringen. Schließlich – nach Ansicht von Kritikern viel zu spät – wird ein zweiter Zugang zum Festplatz geöffnet, sodass sich der Stau allmählich auflösen kann.

Wie genau es zu der Katastrophe kommen konnte, war am Sonntag noch unklar. Nicht einmal die Teilnehmerzahl lässt sich nach den widersprüchlichen Angaben von Veranstaltern und Polizei annähernd ermessen. Technoanhänger aus der ganzen Welt waren angereist. Dies spiegelt sich auch bei den Opfern wider. Unter den 19 Toten sind neben elf Deutschen ein Niederländer, ein Australier, ein Italiener, zwei Spanierinnen, ein Bosnier und eine Chinesin – elf Frauen und acht Männer, zwischen 18 und 38 Jahren.

Das Dröhnen der Beats von der nur wenige Hundert Meter entfernten Hauptbühne dringt noch an die Ohren der Verzweifelten im Tunnel, während sie bereits um ihr Leben kämpfen. Es dauert, bis Polizei und Rettungskräfte die Lage in den Griff bekommen. Doch schließlich gibt es eine Gasse, und ein Rettungswagen nach dem anderen jagt über die Karl-Lehr-Straße in Richtung Tunnel.Gegen 19.30 Uhr ist der Tunnel bis auf wenige Rettungswagen, einen Bus, Helfer und Verletzte beinahe leer. Überall liegen gebrauchte Sanitäterhandschuhe zwischen den zerbrochenen Plastikbechern. Am Boden klebt Blut. Einige Menschen sitzen in gold-silberne Wärmefolien gewickelt auf dem Fußboden und werden von den Sanitätern versorgt.

Ganz bewusst lässt der Krisenstab die Party weiterlaufen, um eine Ausweitung der Massenpanik zu verhindern. Es soll sichergestellt sein, dass sich das Festgelände langsam und nicht schlagartig leert. Als gegen 22.30 Uhr der Auftritt von Star-DJ David Guetta abgesagt wird, antworten viele der berauschten Raver noch mit Pfiffen und Buhrufen.

Erst um 23 Uhr – mehr als fünf Stunden nach der tödlichen Panik – verstummt die Musik. Zwischen Müllbergen und zertretenen Absperrungen „feiern“ dennoch etliche Technojünger weiter – manche so betrunken und mit Drogen vollgepumpt, dass sie auch jetzt noch nicht mitbekommen, was geschehen ist.

Zu dieser Zeit ringen manche der Verletzten in den Duisburger Krankenhäusern noch um ihr Leben. Einige vergebens.

Heinrich Thies und Jörg Rocktäschel

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