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21:01 06.06.2013
In Hitzacker bereitet man sich auf die herannahende Flut vor. Quelle: dpa
Hitzacker

Die entscheidende Frage lautet: Hält sie oder hält sie nicht? Das ist es, was die Menschen in Hitzacker jetzt umtreibt. Schließlich ist es kaum sieben Jahre her, da hatte sich die Elbe das kleine Städtchen im Nordosten Niedersachsens zuletzt einverleibt. Man lernte dazu und baute eine 900 Meter lange Metallwand. Auf ihr ruht jetzt alle Hoffnung.

Das Bollwerk soll die Altstadt von Hitzacker vor dem Wasser schützen, das in den kommenden Tagen heranrollen wird. Und wenn man den Worten von Feuerwehr und Verwaltung glaubt, gibt es da auch wenig Grund zum Zweifel. Zumal für Hitzacker die Pegel-Prognosen auch gestern wieder gesenkt wurden: Für Dienstag und Mittwoch werden Höchststände von 7,65 Metern vorhergesagt. Das wäre dann knapp weniger als die bisherige Höchstmarke von 7,70 Meter – und 1,15 Meter weniger als noch vor drei Tagen befürchtet wurde.

Trotzdem. In den Straßen der idyllischen Kleinstadt herrscht Unruhe, schließlich gilt Katastrophenalarm. Feuerwehrwagen kurven umher, Traktoren schaffen Sandsäcke zur Elbe. Ab heute darf kein Auswärtiger mehr die Insel betreten, bis Sonntagmittag müssen alle rund 250 Bewohner ihre Wohnungen verlassen haben. Vorsorglich, wie es heißt.

HAZ-Reporter Christian Link berichtet aus Magdeburg. Quelle: Link

Matthias Boensch traut der neuen Hochwasserschutzwand nicht so ganz. „Wenn die Spundwand bricht, kann man gar nicht so schnell laufen, wie das Wasser kommt.“ Die anstehende Evakuierung hält er deswegen für richtig. Schließlich hat er noch gut im Gedächtnis, wie wüst es bei der Flut von 2002 in Hitzacker aussah.

Damit sich das nicht wiederholt, greift Boensch selbst zur Schaufel und stopft Sandsäcke in einer Kiesgrube im Dannenberger Ortsteil Tramm. Die Sonne steht schon tief am Himmel. „Nach Feierabend habe ich zu meinem Sohn gesagt: ,Ich war 2002 mit deiner Schwester schippen, jetzt gehen wir los‘“. Die Hitzacker Altstadt kann Boensch von hier aus zwar nicht retten, dafür aber die Deiche an anderen Stellen im Landkreis verstärken.

Sein 13-jähriger Sohn Paul macht natürlich mit. Paul ist Mitglied der Jugendfeuerwehr, als solches darf er nicht in der Kiesgrube mitanpacken; versicherungstechnische Gründe. Trotzdem wollte der Junge zum großen Einsatz seinen Beitrag leisten und kam mit seinem Vater hierher – nicht als Jugendfeuerwehrmann, sondern ganz privat.

Paul und sein Vater zählen zu Hunderten freiwilligen Helfern, die sich bei Feuerwehreinsatzleiter Stephan Viehöfer in der Kiesgrube täglich anmelden. Wie viele Helfer es inzwischen sind, kann Viehöfer nicht sagen. „Viele kommen einfach hierher, stellen sich irgendwo dazu und schippen Sand oder knoten Säcke zu“, sagt Viehöfer. Anmeldungen sind zwar erwünscht, aber keine Pflicht: „Wir wollen ja nur wissen, wie viele Leute wir verpflegen müssen.“

Viehöfer schätzt, dass inzwischen weit mehr als 100 .000 Sandsäcke die Kiesgrube verlassen haben. „Alle zwei Minuten fährt hier ein Traktor mit einem Anhänger voll Sandsäcke vom Gelände“, sagt Viehöfer. Per Funkt bestätigt er gleich die nächste Lieferung Zehntausender leerer Sandsäcke.

So können Sie helfen

Zur Hilfe für die Betroffenen wurden zahlreiche Spendenkonten eingerichtet, hier eine Auswahl:

  • Diakonie Katastrophenhilfe: Konto 502 502 bei der Evangelischen Darlehnsgenossenschaft, BLZ 210 602 37, Kennwort „Fluthilfe Deutschland“.
  • Caritas International: Konto 202 bei der Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 660 205 00, Kennwort „Hochwasseropfer 2013 in Mitteleuropa“.
  • Aktion Deutschland Hilft: Konto 10 20 30 bei der Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00, Kennwort: „Hochwasser-Hilfe 2013“.
  • Deutsches Rotes Kreuz: Konto 41 41 41 bei der Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00, Kennwort „Hochwasser“.
  • Diakonie Sachsen: Konto 100 100 100 bei der LKG Sachsen, BLZ 350 601 90, Kennwort „Hochwasser 2013“.
  • Diakonie Mitteldeutschland: Konto 800 800 0 bei der Evangelischen Kreditgenossenschaft , BLZ 520 604  10, Kennwort „Fluthilfe Deutschland“.

Auch bei Nacht sind noch mehr als 200 Helfer in der staubigen Grube am Schaufeln und Stopfen. Darunter Feuerwehrmann Florian Kreysel – und das, obwohl er am nächsten Morgen wieder arbeiten muss. „Ich habe um 18 Uhr angefangen, um 2 Uhr gehe ich ins Bett, und um 6 Uhr klingelt wieder der Wecker“, erzählt der Klempnergeselle. Hartes Pensum. Eigentlich würde ihn sein Chef ja freistellen, aber zurzeit gebe es im Betrieb viel zu viel zu tun.

Kreysel ist mit elf Helfern aus Wustrow angereist. Sie machen einen recht professionellen Eindruck. „Wir schaffen gut 6000 Sandsäcke in zwölf Stunden“, sagt Kreysel. Das Team hat sogar eine eigene Konstruktion entwickelt, um die Sandsäcke schneller zu füllen. Dass sie bei der Flut mitanpacken, ist für sie ganz selbstverständlich. „So etwas gehört einfach zur Arbeit bei der Freiwilligen Feuerwehr“, sagt Kreysel. Und auf dem Land helfe man einander eben.

Eine Selbstverständlichkeit, auch für Sandra Schefert. Die Feuerwehrfrau stapelt die fertigen Sandsäcke an der Elbe zum Deich auf. „Es läuft super“, sagt sie, „wir schaffen pro Tag etwa einen Kilometer.“ Unermüdlich ist sie mit ihren Kollegen von der Feuerwehr Karwitz im Einsatz, obwohl auch sie nicht direkt vom Hochwasser bedroht ist. „Wir waren am Morgen die ersten und am Abend die letzten, die gearbeitet haben“, sagt Schefert. Mit dieser Einstellung will sie weiterarbeiten. Bis die Flutwelle kommt. Schefert sagt, und es klingt zuversichtlich: „2002 wurden wir vom Hochwasser überrascht – jetzt sind wir vorbereitet.“

Christian Link

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