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Panorama Hanta-Virus: Der Erreger lauert im Mäusedreck
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11:58 22.06.2017
In Deutschland verbreiten vor allem Rötelmäuse die Hantaviren. Quelle: iStockphoto
Hannover

Als Andreas Fuhrmann seinen Hausarzt aufsucht, hat er bereits seit drei Tagen hohes Fieber. Auf bis zu 40,5 Grad steigt die Temperatur. Dazu kommen Kopfschmerzen, Gliederschmerzen. Husten und Schnupfen? Fehlanzeige. Eine Diagnose kann sein Hausarzt nicht stellen, aber im Labor werden erhöhte Entzündungswerte festgestellt. Die Diagnose des Mediziners lautet Meningitis. Fuhrmann bekommt Antibiotika verschrieben und soll, wenn sich sein Zustand über das Wochenende nicht verbessert, im Uniklinikum Göttingen vorstellig werden. Was weder Fuhrmann noch sein Hausarzt zu diesem Zeitpunkt ahnen – der junge Mann hat sich das Hantavirus eingefangen.

Fast 700 Fälle in 2017 zählte das Robert-Koch-Institut

Zwei Fälle pro Jahr werden im Schnitt in der Uniklinik Göttingen mit dem Hantavirus behandelt. In diesem Jahr werden es sicherlich mehr werden. Dem Robert- Koch-Institut (RKI) wurden bundesweit allein bis Mitte März 136 Fälle gemeldet – zum jetzigen Zeitpunkt sind es sogar schon 672 Erkrankungen in ganz Deutschland, 460 davon allein Baden-Württemberg. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres waren es in dem Bundesland lediglich 22 Fälle.

Hantaviren werden über Rötelmäuse verbreitet, die das Virus über Kot und Urin ausscheiden. Ein erhöhtes Infektionsrisiko besteht unter anderem beim Aufräumen von Dachböden, Kellern, Garagen und Schuppen, denn die Übertragung erfolgt durch Inhalation von meist aufgewirbeltem Staub. Fuhrmann hatte circa neun Wochen vor dem Ausbruch der Krankheit Balkonmöbel vom Dachboden geholt. Doch der Zusammenhang zu seinem Zustand wird ihm erst später klar.

Je mehr Mäuse, desto mehr Erkrankungen

Grund für die außergewöhnlich vielen Fälle in diesem Jahr ist die gewachsene Population von Mäusen. Die wiederum hängt von der sogenannten Buchenmast ab. Heißt: Je mehr Bucheckern es im Herbst gibt, desto mehr Mäuse gibt es im darauffolgenden Frühjahr. Denn vor allem die Rötelmaus schätzt die Buchecker als Energielieferant für den Winter. Die Formel ist einfach: Je mehr Mäuse es gibt, desto stärker verbreitet sich das Hantavirus.

Bei Menschen verursacht der Erreger einen grippeähnlichen Krankheitsverlauf, der hierzulande zwar selten tödlich endet, allerdings bis zum Nierenversagen führen kann. Ein Schicksal, das den 38-jährigen Fuhrmann an Tag acht der Infektion ereilt.

An Tag fünf ging es rapide bergab

Zunächst bessert sich seine Verfassung – allerdings nur kurz. An Tag fünf geht es dann am Abend rapide bergab. Zu den Kopfschmerzen gesellen sich nahezu unerträgliche Nierenschmerzen. Am nächsten Morgen geht Fuhrmann zur Notaufnahme. Doch auch dort bekommt er keine Diagnose, sondern nur die Antwort, dass es Meningitis nicht sei. Einen Tag später, an Tag sieben, stellt Fuhrmanns Hausarzt fest, was die Schmerzen längst erahnen lassen: „Ihre Nierenwerte sind explodiert.“ Erneut wird dem 38-Jährigen Blut abgenommen.

24 Stunden später versagten die Nieren

Es dauert keine 24 Stunden, bis Fuhrmann mit akutem Nierenversagen in die Uniklinik eingeliefert wird. Hier beginnt die Ursachenforschung. „Bis zu vier Ärzte befragen mich, ob ich exotische Länder bereist habe, welchen Beruf ich ausübe, ob ich Kontakt zu Mäusen hatte. Auch wollen sie wissen, ob ich möglicherweise einen Schuppen oder Ähnliches aufgeräumt habe. Meine Antwort lautet stets ‚Nein‘.“ Die Balkonmöbel hat er längst vergessen. Organe werden gecheckt, nach einem möglichen Tumor gesucht, eine Untersuchung nach der anderen steht an. Kein Befund. „Am Abend dann stellen zwei junge, sehr kompetente Ärzte die Diagnose Hanta.“ Was folgt, ist eine lange Nacht mit sehr wenig Schlaf. Der 38-Jährige muss literweise Wasser trinken, das erspart ihm die Dialyse.

13 Tage nachdem Andreas Fuhrmann das erste Mal verzweifelt mit Fieber beim Hausarzt saß, haben sich seine Werte endlich stark verbessert. Fuhrmann wird entlassen. Vorher allerdings hat er noch einen Termin beim Direktor der Nephrologie. Dessen Studenten sollen an seinem Krankheitsverlauf lernen. Darauf, dass er das Hantavirus hat, kommt allerdings keiner der Studenten.

Von Nora Lysk/RND

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