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Panorama Verstehen Sie die Welt noch, Herr Schmalstieg?
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00:15 07.12.2016
Von Hendrik Brandt
"Eine Stadt von bald 550.000 Einwohnern wird einige Tausend Flüchtlinge nun wirklich verkraften": Herbert Schmalstieg, ehemaliger OB von Hannover. Quelle: Alexander Körner
Hannover

Dr. h.c. Herbert Schmalstieg, Jahrgang 1943, ist gelernter Sparkassenkaufmann und hat sich vor allem im Bereich Werbung weiter qualifiziert. Von 1972 bis 2006 war der Sozialdemokrat Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Hannover, zunächst nebenberuflich, ab 1996 auch als Chef der Stadtverwaltung. Von 1986 bis 1996 war er Abgeordneter des Landtages, zudem hatte er zahlreiche überregionale Ämter inne. Schmalstieg lebt heute mit seiner zweiten Frau Heidrun Merk in Hannover und Spanien und engagiert sich sowohl kulturell als auch für internationale Menschenrechtsorganisationen.

HAZ: Ist das da ein Smartphone, Herr Schmalstieg?

Herbert Schmalstieg: Ja, klar.

Manche Menschen im Rentenalter lehnen die Dinger ja ab und sagen, sie bräuchten so was nicht.

Das habe ich früher auch gedacht. Als Oberbürgermeister sollte ich vor vielen Jahren mal ein damals neumodisches Autotelefon bekommen und habe das abgelehnt. Dann haben wir unterwegs immer an Telefonzellen angehalten - auf die Dauer war das nichts. Heute mahnt mich meine Frau schon gelegentlich, das Smartphone oder den Tablet-Computer mal aus der Hand zu legen.

Haben wir die Kommunikationsmöglichkeiten verändert, oder verändern die längst uns?

Beides, denke ich. Oder?

Das mag sein. In jedem Fall rückt die Welt kommunikativ eng zusammen. Sie sind in den Jahren nach Ihrer aktiven hannoverschen Zeit weit herumgekommen. Wie ist heute Ihr Außenblick auf Deutschland? Wie geht es uns?

Gut. Sehr gut sogar. Wir haben hohe ökonomische und soziale Sicherheit, wir haben Demokratie und das Wichtigste: Wir haben Freiheit. Bei uns muss niemand wegen seiner Überzeugungen ins Gefängnis - drei, vier Flugstunden weiter sieht das schon ganz anders aus. Hier muss niemand hungern, niemand unter Brücken schlafen. Ich weiß, dass es Menschen gibt, die das dennoch tun - aber es sind selten die gesellschaftlichen Verhältnisse, die dazu zwingen. Das alles ist ein Glück, ein hart erarbeitetes Glück übrigens. Dass wir dabei auch noch Kinder- und Altersarmut haben, treibt mich allerdings um.

Selten in der jüngeren Geschichte ist so viel von Angst und Sorgen die Rede gewesen wie derzeit. Viele fürchten sich vor der Zukunft, manche auch vor der Gegenwart. Verstehen Sie das?

Naja, wenn man sich ansieht, was um uns herum passiert, kann einem schon mulmig werden. Wir erleben fast überall in Europa einen gewaltigen Ruck nach rechts. Wenn etwa die Wahlen in Frankreich oder den Niederlanden und die Verfassungsabstimmung in Italien für die unstreitig demokratischen Kräfte verloren gehen, haben wir ein anderes Europa. Und Trump? Da kann man schon Sorgen haben.

Und bei uns? Eine gewaltige Zahl von Menschen traut der Politik nicht mehr über den Weg, zweifelt staatliches Handeln oft grundsätzlich an und verfolgt Medien nur noch mit großer Skepsis. Was ist da los?

Die Leute wenden sich ab, das beobachte ich auch. Ich habe keine einfache Erklärung dafür. Manche Ängste etwa vor sozialem Abstieg mit Blick auf den Verlust von Arbeitsplätzen durch die Digitalisierung kann ich verstehen. Die zum Teil ja schon aggressive Ablehnung von Politikern aber zum Beispiel nicht.

Ist die Politik hier wirklich unverschuldet in Not geraten? Nehmen wir einen Satz aus Ihrer aktiven Zeit: „Wir werden weniger, grauer und bunter“, haben Sie gern auf die Frage geantwortet, wie die Landeshauptstadt Hannover künftig aussehen wird. Sie haben seltener gefragt, was Einwohnerschwund, Überalterung und zunehmende Migration mit den Menschen macht - und wie sie das finden.

Solche Sätze sind immer zeit­bezogen. Hannover beispielsweise wächst längst wieder, weil es eben eine lebenswerte Stadt ist - gerade auch für Ältere.

Und die Zuwanderung? War „bunter“ da die richtige Beschreibung?

Zunächst mal: Eine Stadt von bald 550.000 Einwohnern wird einige Tausend Flüchtlinge nun wirklich verkraften. Bei politischer Verfolgung kann es ohnehin keine Obergrenzen geben. Ich fahre nächste Woche wieder in den Nordirak, wenn Sie da sehen, wie in einem Land von rund fünf Millionen Einwohnern knapp zwei Millionen Flüchtlinge leben und womöglich noch Hundertausende aus Mossul dazukommen könnten, kann man nur sagen: Unsere Sorgen möchte man haben. Aber: Kein Land, auch wir nicht, kann alle Flüchtlinge der Welt aufnehmen. Man hätte der Nord-Süd-Kommission folgen und mehr für die Entwicklungshilfe ausgeben müssen. Und auch Deutschland muss gezielt fragen dürfen: Wen brauchen wir bei uns? Ein Einwanderungsgesetz muss her.

Es geht ja gar nicht nur um Flüchtlinge. Vielleicht nicht einmal vorrangig. Wenn von der „bunten“ Zukunft die Rede war, wurde die Integration unterschiedlicher Kulturen, Religionen oder schlicht Verhaltensweisen in Ihrer SPD oder erst recht bei den Grünen immer schon einfach unterstellt. War das naiv?

Lassen Sie mich mal ins Jahr 1972 zurückgehen ...

... bitte ...

... ich bin eine Art Fossil, das wissen Sie. - Also: Schon damals haben wir in einem wissenschaftlich begleiteten Entwicklungsprogramm für Hannover auch über die Integration der damals hier lebenden Ausländer nachgedacht. Dabei war klar: Dazu gehören immer beide Seiten. Oft ging der Kontakt damals nicht über die Arbeitswelt hinaus, das hat sich geändert. Aber ich weiß auch: Echte Integration ist ein mühsamer Prozess über Generationen. Sie kostet Mühe, die sich offenbar auch nicht jeder Zuwanderer machen will. Das gibt es übrigens auch andersrum: Meine Frau und ich sind oft in Spanien - da haben wir Nachbarn, die dort seit 20 Jahren leben und kaum ein Wort Spanisch können.

Und Sie?

Ich gehe bis heute jede Woche zum Sprachunterricht.

Bleiben wir kurz im Jahr 1972. Da sind Sie, und das ist längst legendär, mit 28 Jahren Oberbürgermeister der Landeshauptstadt geworden. Das ging nicht ganz ohne Rempelei in Ihrer Partei; Sie haben sich politisch durchgeboxt. Wo sind eigentlich heute die 28-jährigen Rempler, die in welcher Partei auch immer mit einigem Recht Gestaltungsplatz für sich einfordern?

Ich sehe sie kaum. Und ich vermisse sie sehr.

Weil früher alles besser war?

Nein. Der Unterschied ist: Unsere Generation wollte etwas, wir waren auf den Straßen, haben gegen Unrecht demonstriert und später versucht, aktiv etwas zum Besseren zu ändern. „Mehr Demokratie wagen“ hat Willy Brandt 1969 gesagt. Daran haben wir uns ausgerichtet.

Heute beherrschen die Rechten nicht selten allein die Straße. Und berufen sich erst recht auf die Demokratie.

Ja. Mich beunruhigt das.

Und was wäre da zu tun?

Bildung. Darum geht es, denke ich. Vor allem die politische. In Niedersachsen war ja sogar die zuständige Landeszentrale von Schwarz-Gelb abgeschafft worden, sie ist erst jetzt - übrigens einstimmig - vom Landtag wieder neu gegründet worden. Es kommt noch ein zweiter Punkt hinzu: Unsere Gesellschaft privatisiert. Nehmen Sie Sportvereine, Kirchen, Gewerkschaften oder was sie wollen - die Mitgliedzahlen sinken, die Menschen fehlen der Gemeinschaft. Ihr Einsatz fehlt. Ich finde das regelrecht furchtbar. Die Menschen übersehen eine alte Wahrheit, die ja nun nicht nur auf die Arbeiterbewegung zutrifft: Einigkeit macht stark.

Stärke zu gewinnen heißt in der Demokratie ja am Ende, Mehrheiten zu finden. Aktuell gelingt das bei uns am besten, wenn es gegen etwas geht. Gegen Olympia in München oder Hamburg beispielsweise. Hat Ihre Generation die Lust auf Fortschritt und Veränderung letztlich überschätzt?

Ich bin mir da nicht sicher. Wobei offensichtlich ist, dass sich hier etwas verändert hat.

Wäre ein Milliardenprojekt wie die Expo 2000 in Hannover heute noch durchzusetzen?

Vermutlich nicht. Es war ja bei der Volksabstimmung damals schon knapp. Wobei es im Grunde seltsam zuging: Die Mehrheit gegen diese Jahrhundertchance für Hannover war schon damals in jenen Bereichen besonders groß, wo die soziale Frage, sagen wir, gelöst war. Die sogenannten „ärmeren Stadtteile“ haben uns damals gerettet.

Lässt sich da eine Linie zur aktuellen Lage ziehen?

Eine gewisse Verbindung gibt es. Wir haben es mit einer Verzagtheit zu tun, die in keinem Verhältnis zu den realen Möglichkeiten des Landes steht. Oft und gerade bei jenen, die bessere Möglichkeiten haben als andere.

Sie haben auch mehr zu verlieren.

Sicher. Aber warum steht das so sehr im Vordergrund?

Möglicherweise weil die Politik sich in ihren Zirkeln verliert, nicht mehr wirklich zuhört und die einfachen Fragen etwa bei Sicherheit und Ordnung nicht mehr erkennt oder beantworten kann?

Den letzten Punkt akzeptiere ich. Nehmen wir das Thema Sicherheit als Beispiel. Hier ist die Lage viel besser als das Gefühl vieler Menschen. Es gibt Kriminalität, keine Frage, aber sie ist längst nicht so ausgeprägt, wie man landläufig meint. Trotzdem muss man so ein Gefühl ernst nehmen - man muss sich kümmern. Ohne mich in die Tagespolitik einmischen zu wollen, habe ich zuweilen den Eindruck, dass es in vielen Bereichen an „Kümmerern“ fehlt.

Die Politik muss praktischer werden?

Wenn Sie so wollen: ja.

Erlauben Sie eine letzte Frage. Sie haben in Ihrer sehr frühen Politikerzeit in den Sechzigern einmal mit Peter von Oertzen, Dietrich Kittner, Peter Brückner und anderen einen „Club Voltaire“ in Hannover gegründet - eine Institution mit einem harten Linksdrall. Wenn Sie sich in diese Zeit zurückdenken: Ist etwas von den Wünschen, Ideen oder Träumen geblieben? Hat sich Ihre Weltsicht verändert - oder die Welt?

Es hat sich unendlich viel verändert. Zum Positiven. Wir haben mehr Sicherheit, vor allem auch im Sozialen. Und mehr Freiheit bei uns. Nur eines fehlt - wir hätten es früher die „internationale Solidarität“ genannt. Dass es nicht gelungen ist, das Miteinander von Völkern und Staaten in Europa und darüber hinaus erfolgreich weiterzuentwickeln, bleibt ein Drama. Das ist eine Aufgabe - übrigens auch, um genau die Unsicherheit zu überwinden, die viele Menschen derzeit empfinden.

Interview: Hendrik Brandt

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