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Panorama Zweites Opfer nach Teufelsaustreibung gefunden
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20:06 09.12.2015
Das Hotel Intercontinental in Frankfurt am Main: In einem der Hotelzimmer ist die Leiche der Frau gefunden worden. Quelle: Patrick Pleul/dpa
Frankfurt/Main

Es muss ein langer, qualvoller Tod gewesen sein. Mindestens zwei Stunden lang prügeln fünf Verwandte in einem Hotelzimmer in Frankfurt auf eine 41 Jahre alte Frau ein, weil sie angeblich vom Teufel besessen war. Dann erstickt die Frau. So stellen die Ermittler den Fall am Mittwoch dar. Fast unvorstellbar: Auch der 15 Jahre alte Sohn des Opfers soll bei dem Gewaltexzess mitgemacht haben. Selbst die Frankfurter Staatsanwälte, die schon in einige menschliche Abgründe geblickt haben, sprechen von einer grausamen Tat.

Die fünf mutmaßlichen Täter im Alter von 15 bis 44 Jahren sitzen in Untersuchungshaft. Viele Fragen zu dem Fall sind noch offen. Handelten die Verdächtigen in Eigenregie? War es womöglich sogar der eigene Wunsch des späteren Opfers, den Teufel auszutreiben? Was ist der genaue religiöse Hintergrund? Und wer fand die Leiche? Ein weiteres Rätsel: In einem Haus in Sulzbach im Taunus, in der die vor sechs Wochen nach Hessen eingereisten Koreaner zeitweise wohnten, entdecken die Ermittler eine weitere, schwer verletzte Frau.

In diesem Wohnhaus im hessischen Sulzbach wurde ein mögliches zweites Opfer, eine verletzte und völlig unterkühlte Frau, gefunden. Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa

"Täter glauben, etwas Gutes zu tun"

Doch was treibt allgemein Exorzisten zu einer Teufelsaustreibung? Der Wiesbadener Kriminologe Rudolf Egg sagt: "Die Täter glauben, etwas Gutes zu tun." Die Austreibung eines bösen Geistes könne dabei sogar den Tod rechtfertigen. Dadurch sei der angeblich von den bösen Geistern befallene Mensch wenigstens erlöst. Egg verweist auf die Geschichte: Auch in der westlichen Welt sei es bei psychisch Kranken früher gängige Vorstellung gewesen, dass der Teufel von ihnen Besitz ergriffen habe.

Der tödliche Exorzismusfall von Frankfurt weckt Erinnerungen an die Studentin Anneliese Michel, die vor rund 40 Jahren in Franken ums Leben gekommen war. Die epilepsiekranke Studentin starb im Jahr 1976 an den Folgen extremer Unterernährung. Während der Monate, in denen zwei Geistliche 67 Mal den Exorzismus vollzogen, verweigerte sie zunehmend das Essen. Ihre strenggläubige Familie und die Geistlichen, die sich abgeschottet und keinen Arzt gerufen hatten, wurden wegen fahrlässiger Tötung zu Bewährungsstrafen verurteilt. Der Fall löste harsche Kritik an der katholischen Kirche und eine Debatte über ihre Riten aus - und diente als Vorlage für zwei Filme, "Der Exorzismus der Emily Rose" (2005) und "Requiem" (2006).

Der Bischof muss Erlaubnis erteilen

Johannes Lorenz vom Bistum Limburg erläutert, dass Teufelsaustreibungen in der katholischen Kirche zwingend die Erlaubnis des Bischofs benötigten. Diese Erlaubnis sei an äußerst strikte Regeln geknüpft, die ärztliche und psychologische Gutachten miteinbezögen. Die Würzburger Historikerin Petra Ney-Hellmuth, die ihre Doktorarbeit über den Fall Anneliese Michel geschrieben hat, berichtet, dass dennoch Exorzismen ohne kirchliche Genehmigung stattfänden. Wie viele es sind, lasse sich aber nur schwer schätzen.

Der Journalist Marcus Wegner, der sich seit vielen Jahren mit Exorzismus befasst, geht davon aus, dass es vier bis fünf inoffizielle Exorzismen pro Tag in Deutschland gibt - "verteilt auf alle Religionen, Konfessionen und Abspaltungen", wie er sagt. "Ein bis zwei davon in der Esoterik-Szene, wo die Menschen auch Geld dafür bezahlen, dass sie befreit werden." Hinzu kämen - ohne offizielle Genehmigung - Exorzismen aus den Reihen der katholischen Kirche, auf dem Vormarsch seien außerdem freikirchliche evangelische Sekten.

Körperverletzung gehöre nicht zu einem normalen exorzistischen Ritual, betont Wegner. Allerdings gebe es auch solche Teufelsaustreibungen, bei denen massiv auf den vermeintlich Besessenen eingeschlagen werde. Solche Exorzisten rechtfertigten sich meist damit, dass sie nicht auf den Menschen, sondern auf den Teufel einschlügen.

Von Ira Schaible und Christian Rupp, dpa

Exorzismus - das Böse hinausbeschwören

Unter Exorzismus wird in vielen Religionen die rituelle Vertreibung böser Mächte oder Geister aus Menschen, Tieren oder Gegenständen verstanden. In der katholischen Kirche war der Exorzismus von "Besessenen" im Mittelalter gang und gäbe. Heute unterliegt er strengen Auflagen. Zum Exorzismus (griechisch: exorkismós = das Hinausbeschwören) gehören das Besprengen mit Weihwasser, die Anrufung Gottes und das Handauflegen. Nach den Kirchenvorschriften darf die "Teufelsaustreibung" nur nach ausdrücklicher Genehmigung des Ortsbischofs durch einen Priester vorgenommen werden, "der sich durch Frömmigkeit, Wissen, Klugheit und untadeligen Lebenswandel auszeichnet". Zuvor müssen medizinische oder psychiatrische Behandlungsmöglichkeiten genutzt werden.

dpa

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