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Panorama Massive Kritik an Sicherheitsstandards
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20:45 14.08.2015
Nach zwei Tagen brannte es in Tianjin immer noch. Quelle: dpa
Tianjin

Die Kommission für Arbeitssicherheit des Staatsrats erklärte am Freitag, in ganz China würden Betriebe geprüft, die mit gefährlichen Chemikalien und Sprengstoffen zu tun hätten. Aus den Explosionen in Tianjin seien "tiefgreifende Lehren" gezogen worden, berichtete die Nachrichtenagentur Xinhua.

17.000 Familien und Tausende Betriebe betroffen

Am späten Mittwochabend hatte sich in dem Lager in dem weitläufigen Hafengelände der Millionenstadt Tianjin eine Serie gewaltiger Explosionen ereignet. Dabei kamen nach jüngsten Behördenangaben mindestens 56 Menschen ums Leben, darunter 21 Feuerwehrleute, die zuvor einen Brand in der Anlage zu löschen versuchten. Mehr als 700 Menschen wurden in der Stadt verletzt, während die Explosionen das umliegende Industriegebiet Binhai verwüsteten. Die Brände waren nach zwei Tagen noch immer nicht gelöscht. Der stellvertretende Vorsitzende des Komplexes Binhai erklärte, insgesamt seien 17.000 Familien und mehrere tausend Betriebe und Firmen von dem Unglück betroffen, darunter auch VW. Zu Details machte er aber keine Angaben. Die vielen offenen Fragen zu den verheerenden Explosionen in einem Gefahrgut-Lager der Hafenstadt Tianjin haben erneut die Diskussion um die Sicherheitsstandards in China angefacht.

"Eindeutig keine Sicherheitskultur am Arbeitsplatz"

Aktivisten weisen darauf hin, dass derartige Katastrophen keine Seltenheit sind. Um Geld zu sparen, würden Sicherheitsbestimmungen oftmals nur unzureichend umgesetzt - und Leben dabei riskiert. "Es gibt eindeutig keine Sicherheitskultur am Arbeitsplatz", sagt Geoffrey Crothall vom Hongkonger Verband China Labour Bulletin, der sich für Arbeitnehmerrechte einsetzt. Als Beispiel nennt er die Explosion in einer Autozulieferer-Fabrik in Kunshan bei Shanghai, bei der im vergangenen Jahr 146 Arbeiter ums Leben kamen. "Es folgen die üblichen Erklärungen, wie schockierend das sei und dass so etwas nie wieder passieren dürfe", sagt Crothall. "Aber natürlich passiert genau dasselbe ein Jahr später wieder." Das Problem sei, dass es zwar eine Vielzahl an Sicherheitsregeln gebe, diese aber nicht umgesetzt würden. Ähnlich sieht das die Giftstoffexpertin Cheng Qian von Greenpeace. "Dieser Vorfall zeigt einmal mehr, dass existierende Regeln für den Umgang mit Chemikalien nur unzureichend umgesetzt werden", sagt sie.

139.000 Indstrieunfälle 26.000 Todesopfer in sechs Monaten

Nötig seien deshalb schärfere Kontrollen und härtere Sanktionen bei Verstößen. Behördenstatistiken zufolge soll sich die Situation in jüngster Zeit allerdings leicht verbessert haben. Für das ersten Halbjahr meldete die Behörde für Arbeitssicherheit 139.000 Industrieunfälle mit 26.000 Todesopfern. Dies sei ein Rückgang von 7,5 beziehungsweise 5,5 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2014. Vor allem in Chinas Kohleindustrie gab es deutliche Verbesserungen, wie ein Behördenvertreter vor einigen Monaten erklärte. Demnach kamen 2014 bei Bergwerksunfällen 931 Menschen ums Leben - ein Rückgang um elf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Laut Arbeitsrechtler Crothall lag die Zahl vor zehn Jahren noch bei jährlich 6000 bis 7000 Toten. Grund für die niedrigeren Opferzahlen seien die Fusionen im Kohlebergbau, dadurch seien viele kleine und unsichere Bergwerke geschlossen worden.

Verriegelte Notausgänge oder gar keine

Dennoch reißt die Liste der Industrieunglücke nicht ab: 2013 starben bei der Explosion einer Pipeline des staatlichen Ölkonzerns Sinopec in Qingdao 62 Menschen, 136 wurden verletzt. Bei einem Feuer auf einer Geflügelfarm in der Provinz Jilin kamen im selben Jahr 120 Menschen ums Leben. Crothall zufolge ist allen Unglücken der laxe Umgang mit Sicherheitsstandards gemein. "In all diesen Fällen war klar, dass es Verstöße gegen die Sicherheit gab: verriegelte Notausgänge, überhaupt keine Notausgänge - sowie unzählige Arbeiter, die noch nie über Sicherheitsmaßnahmen informiert wurden", sagt er. Aktivisten weisen auch auf die weitverbreitete Korruption in der Volksrepublik hin.

Schmiergelder schützen vor Kontrollen

Demnach umgehen Unternehmen häufig die Regeln, um Geld zu sparen. Mit Hilfe von Schmiergeldern umgingen sie dann die seltenen Kontrollen. Nach der Katastrophe von Tianjin fangen auch die Staatsmedien an, Fragen zu stellen. "In einem normal und modern erscheinenden Arbeitsumfeld dürfen Stoffe mit einer Sprengkapazität von dutzenden Tonnen TNT gelagert werden, die dann beim ersten menschlichen Versagen in die Luft gehen können", empört sich die "Global Times" und fordert die örtlichen Behörden zur Transparenz auf. Eine Online-Datenbank über die in Tianjin ansässigen Unternehmen war nach dem Unglück indes nicht mehr abrufbar.

afp/dpa

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