Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Panorama Entstellter Mann bekommt neues Gesicht
Mehr Welt Panorama Entstellter Mann bekommt neues Gesicht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:36 18.02.2017
Andy Sandness mit neuem Gesicht. Quelle: AP
Newcastle

Andy Sandness hat lange auf diesen Tag gewartet. Als sein Arzt ihm einen Spiegel vorhält, blickt der Patient in das Gesicht eines Fremden. Der 31-Jährige hat eine der weltweit seltensten Operationen hinter sich: eine Gesichtstransplantation, die erste in der renommierten Mayo Clinic in Rochester im US-Staat Minnesota.

Nach einem Selbstmordversuch war das Gesicht von Andy Sandness völlig entstellt. Jahre später wurde ihm das Gesicht eines Spenders transplantiert.

Sandness' Vater und Bruder beobachten zusammen mit Ärzten und Krankenschwestern gespannt, wie der junge Mann auf sein neues Spiegelbild reagiert. Er hat Nase, Wangen, Mund, Kiefer, Kinn und sogar die Zähne von seinem Spender erhalten. Noch kann er in seinem Krankenbett nicht deutlich sprechen, doch er hat etwas zu sagen: „Weit über meinen Erwartungen“, schreibt er auf einen Notizblock.

Der Chirurg Samir Mardini liest die Botschaft laut vor und antwortet dem Patienten, der im Laufe der vergangenen zehn Jahre für ihn zum Freund wurde: „Du weißt nicht, wie glücklich uns das macht.“

Er überlebte, aber sein Gesicht wurde völlig zerstört

Die Transplantation markiert das Ende einer ungewöhnlichen medizinischen Reise. Diese nahm ihren Anfang kurz vor Weihnachten 2006, als der damals 21-jährige und schwer depressive Sandness beschloss, sich eine Kugel in den Kopf zu schießen. Er überlebte, allerdings wurde sein Gesicht fast zerstört.

Sandness wusste sofort, dass er einen schrecklichen Fehler gemacht hatte. Schon beim Eintreffen der Polizei in seiner Wohnung im US-Staat Wyoming flehte er die Beamten an: „Bitte, bitte lassen Sie mich nicht sterben!“ Er wurde in zwei Krankenhäusern behandelt und dann in die Mayo-Klinik verlegt. Dort traf er auf den plastischen Chirurgen Mardini, einen Spezialisten für die Rekonstruktion von Gesichtern.

Der Patient hatte keine Nase und keinen Kiefer mehr, sein Mund war zertrümmert, nur noch zwei Zähne waren erhalten. Mardini und sein Team bauten Sandness' Ober- und Unterkiefer wieder auf, mit Knochen, Muskeln und Haut von der Hüfte und einem Bein. Die Ärzte verbanden die Gesichtsknochen mit Titanplatten und Schrauben.

Häufig zog sich Andy Sandness in die Berge zurück

Nach etwa acht Operationen in viereinhalb Monaten kehrte Sandness in seinen Heimatort Newcastle zurück, wo er von Familie und Freunden herzlich empfangen wurde. Er arbeitete in einem kleinen Hotel, in der Ölindustrie und ging bei einem Elektriker in die Lehre.

Doch seine Welt war zusammengeschrumpft. Beim Einkaufen mied er den Augenkontakt mit Kindern, um diese nicht zu erschrecken. Der junge Mann hatte fast kein Sozialleben. Häufig zog er sich um Jagen und Angeln in die Berge zurück.

Sein Mund war zu klein für einen Löffel, so dass er sein Essen in kleine Häppchen zerteilte. Er trug eine Nasenprothese, die aber außer Haus ständig herunterfiel. „Man akzeptiert es nie ganz“, sagt er. „Irgendwann fragt man sich, ob es nicht noch andere Möglichkeiten gibt.“

Doch Mardinis Vorschlag von 15 weiteren Operationen schreckte Sandness ab. Jahrelang kam er zu jährlichen Untersuchungen in die Mayo-Klinik. 2012 kam schließlich ein Anruf von Mardini: Das Krankenhaus wollte ein Programm für Gesichtstransplantationen starten. Sandness könne ein idealer Patient sein, erklärte der Chirurg.

„Die Operation hat mir wieder ein normales Leben ermöglicht“

Doch zugleich ermahnte er den jungen Mann, sich die Sache gründlich zu überlegen. Schließlich wurden weltweit erst etwa zwei Dutzend Gesichtstransplantationen vorgenommen. Sandness ließ sich aber nicht abschrecken. „Wenn man so aussieht, wie ich aussah, und wenn man so funktioniert, wie ich funktionierte, stürzt man sich auf jeden Hoffnungsschimmer, der sich bietet“, sagt er. „Und das war die Operation, die mir wieder ein normales Leben ermöglichen würde.“

Vor seiner Aufnahme in das neue Programm musste Sandness sich einer strengen Evaluation durch Psychiater und Sozialarbeiter unterziehen. Einer der kritischen Punkte war sein früherer Selbstmordversuch. Doch mehrere andere Faktoren sprachen für ihn: seine Belastbarkeit und Motivation, der starke Rückhalt seiner Familie, sein gutes Verhältnis zu Mardini und der lange zeitliche Abstand zu dem versuchten Suizid.

Fünf Monate nach seiner Aufnahme in die Warteliste für Organspenden wurde Sandness im Juni vergangenen Jahres benachrichtigt: Für ihn wurde ein Spender gefunden. Es handelte sich um einen jungen Mann, der sich selbst erschossen hatte. Dessen 19-jährige Witwe, die im achten Monat schwanger war, gab auf Wunsch ihres Mannes dessen Herz, Lunge, Leber, Nieren und Gesicht zur Organspende frei.

Andy Sandness hat wieder eine Nase und einen Mund

Die Entscheidung für die Spende des Gesichts fiel ihr besonders schwer, sagt sie: „Zuerst war ich skeptisch. Ich wollte nicht herumlaufen und plötzlich sein Gesicht sehen.“ Doch die Ärzte versicherten ihr, dass der Empfänger noch seine eigenen Augen und Stirn hatte und daher niemals genauso aussehen werde wie Ross.

Und so versammelte sich das Mayo-Team, das Gesichtstransplantationen dreieinhalb Jahre lang an Leichen geübt hatte, an einem Abend im Juni zu einem 56-stündigen Operationsmarathon. Sandness' Gesicht wurde mit Hilfe der Spende unterhalb der Augen komplett neu aufgebaut.

Besonders glücklich ist der junge Mann heute darüber, wieder eine Nase und einen Mund zu haben. Zu seiner großen Begeisterung kann er wieder Steak und Pizza essen. Auch seine Anonymität genießt Sandness. Beim Besuch eines Hockeyspiels sei er kürzlich „nur ein weiteres Gesicht in der Menge“ gewesen, sagt er. Die bloße Erinnerung daran zaubert ihm ein Lächeln ins neue Gesicht.

Von RND/AP/Sharon Cohen