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Panorama „Wir lassen unser Dorf nicht sterben“
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18:41 20.03.2017
„Gülle in Hülle und Fülle“: Bert Frisch (li.) und Nils Uhtenwoldt vor der dorfeigenen Biogasanlage mit Fischzucht in Oberndorf. Foto: dpa Quelle: Ingo Wagner
Oberndorf

Die Sparkasse ist seit kurzem weg, der Schlachter auch. Die Grundschule hat 2014 dicht gemacht, die Kneipe Lührs schon vor Ewigkeiten. Dem 1400-Einwohner-Ort Oberndorf im Kreis Cuxhaven in Niedersachsen geht es nicht anders als anderen Dörfern: Immer mehr Infrastruktur verschwindet. Doch die Oberndorfer wollen sich damit schon lange nicht mehr abfinden. „Wir lassen unser Dorf nicht sterben“, sagt Bewohner Bert Frisch. So kam die Idee mit der Gülle.

Schule weg, Schlachter weg

Alles begann, als die Nachricht über die Schließung der Grundschule bekannt wurde. „Das Dorf war wütend“, sagt der 68-jährige Frisch. Die Bewohner überlegten, ob es möglich wäre, die Schule selbst zu betreiben. Viel Geld müsste man in die Hand nehmen. Zusammen mit einer Berliner Agentur entstand die Idee, eine Bürgeraktiengesellschaft zu gründen.

Die Geschäftsgrundlage der Ostewert AG: Gülle. „Die gibt es hier in Hülle und Fülle“, sagt Ostewert-Vorstand Markus Haastert. „Jeder Landwirt ist froh, wenn er sie loswird.“ Aktionäre sind vor allem Menschen aus dem Ort, aber auch aus der Region. Auch Bedenkenträger gab es, aber nur wenige. „Wir haben im Dorf einen starken Zusammenhalt“, betont Bert Frisch. Die Aktionäre erhalten maximal eine Dividende von 8 Prozent. Darüber hinaus erzielte Gewinne sollen ins Dorf gesteckt werden.

Die AG errichtete mit den Einlagen der Aktionäre eine kleine Biogasanlage. Bauern liefern jetzt 15 Tonnen Gülle täglich an. Die Anlage wird für 20 Jahre gefördert, jede erzeugte Kilowattstunde wird zusätzlich vergütet. Die Oberndorfer nutzen die Umlage für erneuerbare Energien - der Aufschlag wird über den Strompreis von den Verbrauchern bezahlt.

Die einzige Fischzucht ohne Antibiotika

Mit der Abwärme sollen die Gärreste demnächst auch noch zu Dünger getrocknet werden. Vor allem aber wird mit der Abwärme eine Fischzuchtanlage direkt neben den Biogastanks betrieben. In den blauen Becken schwimmen zurzeit 20.000 afrikanische Raubwelse im 28 Grad warmen Wasser. „Das ist der einzige aquakulturfähige Fisch, der ohne Antibiotika auskommt“, sagt Markus Haastert. Der Verkauf des Speisefisches an Industrie, Gastronomie und Privatleute hat gerade begonnen. Die Resonanz ist vielversprechend.

Um den afrikanischen Raubwels populär zu machen, liefern die Oberndorfer die Rezepte gleich mit. Ausprobiert wurden sie in der „Kombüse 53“: In der Kulturkneipe gibt es Ausstellungen, Jam-Sessions und Lesungen. Nachdem das Dorfgemeinschaftshaus in Oberndorf dicht gemacht hatte, wird die Kneipe ehrenamtlich betrieben von Bewohnern wie Bert Frisch und seiner Frau Marlene.

Jetzt scheint es sogar ein Glücksfall zu sein, dass der Schlachter im Ort in Rente gegangen ist und keinen Nachfolger hat: Die Metzgerei soll für die Fischverarbeitung und den Versand genutzt werden. „Da ist schon alles gefliest, und es gibt die Maschinen“, berichtet Frisch.

Filmemacherin war zu Gast

Die erstaunliche Geschichte der Oberndorfer erzählt jetzt auch ein Dokumentarfilm. Die Hamburger Filmemacherin Antje Hubert hat die Dorfbewohner drei Jahre lang mit der Kamera begleitet. Der Film „Von Bananenbäumen träumen“ startet am 30. März in den Kinos. „Die Bananen sind ein Sinnbild dafür, das nichts unmöglich ist“, sagt Haastert.

Schon vor der Gründung der AG haben die Oberndorfer vieles im Dorf ehrenamtlich und mit Spenden auf die Beine gestellt. Seit der Schließung der Schule wartet auf die Kinder etwa ein kostenloses Nachmittagsprogramm: Töpfern, Nähen und Segeln. „Damit wollen wir junge Familien für Oberndorf gewinnen“, sagt Frisch - und hofft, dass es dann möglicherweise in einigen Jahren auch wieder eine Grundschule gibt.

Von Janet Binder

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