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Panorama Duisburg - eine Stadt unter Verdacht
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23:31 26.07.2010
Duisburg trauert: Im Aufgang zum Gelände der Loveparade stand am Montag ein Kreuz aus Eis. Quelle: dpa

Sie passen nicht recht hierher, die beiden älteren Herren. Sie tragen Jacketts und rote Krawatten und Stoffhosen, und das fällt auf unter den jungen Leuten in T-Shirts, Kappen und Jeans. Vertriebsleiter Jörg Skowasch und sein Kollege Paul Kohlmann tragen behutsam zwei Teelichter zum Ende eines Eisenbahntunnels und legen sie an einem Kreuz aus schmelzendem Eis nieder. Dann neigen sie die Köpfe und verharren stumm. „Das ist das Wenigste, was man tun kann“, sagt der weißhaarige Kohlmann hinterher. Skowasch, sein Chef, hält den Regenschirm fest. Er sagt: „Es herrschen Wut und Trauer in der Stadt, dass dieses Unglück zugelassen worden ist.“ Dann gehen sie zurück durch den strömenden Regen, der aus einem dunklen Himmel fällt. Es ist finster in Duisburg.

20 Besucher der Loveparade sind am Sonnabend am alten Güterbahnhof zu Tode gekommen. Die meisten von ihnen stürzten wohl einige Meter tief, als sie dem Inferno aus dicht gedrängten Leibern und Atemnot entkommen wollten und auf Treppen und Stahlmasten flüchteten. Viel zu viele Menschen quetschten sich auf viel zu wenig Raum. In den Tunneln, die keinen Platz zum Entkommen ließen, rangen die Eingepferchten nach Luft und gerieten in Panik. Auf Videos scheint es, als würde die langsam vorwärtsdrängende Menge von einem Schlund verschlungen. Niemand weiß, wo genau Frauen und Männer gestorben sind, wohl deshalb verteilen sich kleine Stätten der Trauer auf Dutzende Meter. Überhaupt weiß man in Duisburg auch 48 Stunden nach dem Unglück vieles nicht. Auch nicht, wer letztlich die Verantwortung trägt für eine der größten Katastrophen in der Nachkriegsgeschichte.

Marco und Tanja Heinzel sind mit ihren zwei kleinen Kindern durch den Regen zum Tunnel gelaufen. Sie haben eine Rose vor eine Mauer gelegt. Das Ehepaar konnte am Sonnabend acht seiner Freunde auf dem Partygelände nicht erreichen, keiner meldete sich am Handy, auf SMS reagierte niemand. Die Familie wusste von den Toten, aber erst im Laufe des Tages konnte sie sicher sein, dass alle ihre Freunde unverletzt nach Hause gekommen waren. Marco, ein Kerl wie ein Baum, raucht. „Ich hoffe“, sagt er ruhig, „dass sich ein Richter findet, der die alle verknackt.“ Denn dass die Stadt ernsthaft glaubte, Hunderttausende Menschen ohne Schaden durch enge Tunnel zwängen zu können, dürfe nach 19 Toten und Hunderten Verletzten nicht ohne Strafe bleiben.

Es gibt viele persönliche Geschichten in Duisburg nach diesem katastrophalen Wochenende. Zum Beispiel die von Anwohnern, die Passierscheine bekamen, um sich durch die Massen zu ihren Wohnungen zu quetschen. „Absurd“, sagt ein Mann, „ohne Sinn für Realität.“ Aber man kann mit niemandem sprechen, ohne dass die Rede auf Konsequenzen kommt. Der solide Geschäftsmann Skowasch fordert „Courage“ ein und meint den Rücktritt von Oberbürgermeister Adolf Sauerland und Sicherheitsdezernent Wolfgang Rabe. Marco spricht robust von „Eiern“, die die Herren jetzt nötig hätten. Nicht, um öffentlicher Kritik standzuhalten, sondern um ihre Ämter aufzugeben.

Im Rathaus, ein paar Kilometer von den trauernden Menschen entfernt, tagt Duisburgs Stadtoberhaupt seit dem Vormittag im Kreis seiner Dezernenten. Vor dem mit dunklem Holz verkleideten Paternoster warten Kameramänner auf das Bild des Tages: Sauerland tritt zurück und fährt abwärts. Aber der Christdemokrat äußert sich nur vage, eine Spezialität Duisburger Entscheidungsträger den tödlichen Ereignissen. Ein Radiosender will wissen, wie er es denn mit seiner persönlichen Verantwortung für die Planung des Riesenevents in seiner Stadt halte. „Ich werde mich dieser Frage stellen, das steht außer Frage“, antwortet der Christdemokrat ausweichend.

Der 55-Jährige hatte sich schon bei der bislang einzigen Pressekonferenz am Sonntag am Rand eines Tisches platziert, so, als habe er auch mit den Entscheidungen seiner Stadt nur am Rande zu tun. Der Verwaltungschef weigerte sich sogar zu erklären, wer die Massenveranstaltung genehmigte – üblicherweise geschieht dies im Zusammenspiel zwischen Stadt, Polizei und Feuerwehr. Und genau da scheint vieles im Argen zu liegen. Schon lange.

Eine Angelegenheit aus dem Februar des Jahres 2009 könnte heute zu einem weiteren Mosaikstein in der Beweiskette für die Staatsanwaltschaft werden, die nach Ursachen für die Katastrophe sucht. Damals schrieb der Duisburger CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Mahlberg einen wütenden Brief an den nordrhein-westfälischen Innenminister Ingo Wolf. Mit eindringlichen Worten forderte der Christdemokrat den liberalen Minister auf, den Duisburger Polizeipräsidenten Rolf Cebin in die Wüste zu schicken – denn Cebin habe sich äußerst kritisch zur Streckenführung der Loveparade geäußert. „Der neuerliche Eklat veranlasst mich zu der Bitte“, formuliert Mahlberg in dem dieser Zeitung vorliegenden Dokument, „Duisburg von der schweren Bürde zu befreien und den personellen Neuanfang im Polizeipräsidium Duisburg zu wagen“.
Dabei hatte Cebin in den Tagen zuvor nichts weiter getan, als gewissenhaft seine Arbeit zu tun. Die Polizei hatte in einer Pressemitteilung Zweifel geäußert, dass die Stadt auf den zu erwartenden Massenansturm junger Menschen ausreichend vorbereitet werden könnte. „In Duisburg eine Veranstaltungsfläche für 500 000 oder gar mehr Menschen zu finden, inklusive eines geordneten An- und Abreiseverkehrs, ist allerdings nicht einfach“, schrieb die Polizei.

Diese Worte sorgten wenige Monate vor der Kommunalwahl für mächtige Aufregung. Vor allem der um seine Wiederwahl kämpfende Parteifreund von Mahlberg, Adolf Sauerland, plädierte vehement dafür, die Loveparade nach Duisburg zu holen. Die Parade selbst hat Cebin dann nicht mehr im Amt erlebt, der Mann wurde kurz vor dem Ereignis pensioniert, und sein Stellvertreter muss jetzt der Öffentlichkeit die vielen kritischen Fragen beantworten. Dass als Folge des Briefes politischer Druck auf Cebin oder andere ausgeübt worden ist, wird sowohl im Rathaus wie auch im Innenministerium bestritten; der Staatsanwalt wird untersuchen müssen, ob das der Wahrheit entspricht.

Dass die Rathausspitze massiv für die Loveparade gearbeitet hat, steht allerdings fest. Inzwischen berichtet ein Mitarbeiter der Stadt, der namentlich nicht genannt werden will, über interne Sitzungen innerhalb der Stadtverwaltung, in denen Sicherheitsbedenken beiseitegeschoben wurden. Diese Veranstaltung ist „nicht genehmigungsfähig“, habe er noch im März zu Protokoll gegeben und sei kurz danach von dem Projekt abgezogen worden.

Beobachter des Rathauses wollen gerade in den unmittelbar vor der Loveparade liegenden Wochen eine euphorische Stimmung in der Stadtspitze beobachtet haben, in der Bedenken nicht ausreichend gewürdigt wurden. Intern wird vor allem Sauerland als treibende Kraft beschrieben. In allen öffentlich zugänglichen Ratsunterlagen wird er sowohl als Person wie über sein Amt als Verantwortlicher aufgeführt, die Ratsvorlagen mit den detaillierten Plänen für die Loveparade liefen alle über seinen Schreibtisch.

Nun wird in Duisburg, einer der ärmsten Städte in Nordrhein-Westfalen, spekuliert, dass Sauerland das Image der Kommune mit der Loveparade aufpolieren wollte. Duisburg ist eine Stadt am Abgrund, verschuldet mit 2,6 Milliarden Euro und hoher Arbeitslosigkeit. Jede Ausgabe muss von der Bezirksregierung genehmigt werden, die Stadt ist nicht mehr Herr im eigenen Haus. Vor Kurzem legte die Verwaltung ein Sparprogramm vor, das tatsächlich einem Kahlschlag im öffentlichen Leben nahekommt. Kulturstadt sein, junges Publikum anziehen, die Loveparade holen und damit schaffen, woran Bochum im Jahr zuvor scheiterte: Das sind Motive, die zahlreiche Bürger Stadtoberhaupt Sauerland unterstellen. Die Wahrheit ist ja tatsächlich, dass Duisburg jeden Euro gebrauchen kann.

In den Monaten vor der Technoparade hatte die Stadt versucht, der Wirtschaft die Massenveranstaltung schmackhaft zu machen. Jeder Besucher bringe einen Umsatz von durchschnittlich 90 Euro, hieß es. Ein Argument, dem etliche Geschäftsleute nicht glaubten. Viele Läden blieben am Tag der Technofeier geschlossen.

War Sauerland überfordert? Die ganze Stadt scheint überfordert, auch im Kleinen. Auf der Internetseite der Verwaltung fand sich noch bis zum Montagabend an zentraler Stelle der Bericht vom zurückliegenden Kulturfest auf der Autobahn 40: „Das pralle Leben auf der A40.“ Gestern war über Stunden nicht klar, wo das offizielle Kondolenzbuch der Stadt ausgelegt werden sollte. Rathaus, Kirche – keine Entscheidung. Da hatten die Menschen schon entschieden, dass Trauer am besten am Ort des Entsetzens möglich ist. Inoffiziell.

In einem Backshop in der Innenstadt erzählt ein Polizist vom Einsatz am Wochenende. Der Beamte, eigentlich ein loyaler Mann, sagt, dass er kaum glauben konnte, dass die Loveparade genehmigt wird. Es sei doch klar gewesen, dass doppelt so viele Besucher auf den Güterbahnhof streben würden, wie er Menschen Raum biete. Als am Hauptbahnhof nach den ersten Toten am Sonnabend immer noch Besucher für die Partys der Nacht in Duisburg ankamen, lernte der Beamte, dass sich Trauer in Grenzen halten kann, wenn Spaß in Aussicht ist. „Vielen war es einfach egal.“
Und an diesem Montag, wo sich auch politisch immer mehr Abgründe auftun, redet ganz Duisburg über das Unglück? Nein. In U-Bahnen, Cafés, Geschäften besprechen die Menschen meist schon wieder andere Dinge. Vielleicht entkommt Adolf Sauerland einem Rücktritt doch noch.

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