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Panorama Die Pille davor gegen die Angst vor dem Virus
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10:09 01.12.2017
Mit Spannung beobachten Experten, ob ein Medikament da etwas bewirken kann. Quelle: dpa
Berlin

Morgens nimmt Emmanuel eine Tablette. Jeden Tag, seit zweieinhalb Jahren. Sie soll verhindern, dass sich der 32-Jährige mit HIV infiziert. „Das ist für mich die perfekte Lösung“, sagt er. Emmanuel ist homosexuell, lebte und liebte lange mit der Angst vor Aids – obwohl er Kondome benutzt hat. „Viele können sich gar nicht vorstellen, wie tief diese Angst sitzt. Sie ist immer da.“

Seitdem er die sogenannten Prä-Expositionsprophylaxe, kurz PrEP, entdeckt hat, ist die Angst weg. „Ich war selbst erstaunt, wie sehr das mein Leben positiv verändert hat“, sagt er. Wenn er jetzt einen Mann kennenlerne, mache er sich keine Gedanken darüber, ob er ihn anstecken könnte. Nun sei es nicht nur viel entspannter im Schlafzimmer: „Ich kann mich viel mehr auf den Menschen konzentrieren.“ Auch der Alltag sei ruhiger. „Wir haben jetzt die Chance, eine Lücke zu schließen, um die Epidemie zu beenden“, sagt Emmanuel, der sich als Aktivist für die Therapie starkmacht.

Das Medikament ist seit 2016 in der EU zugelassen

Der Berliner mit französisch-israelischen Wurzeln hat sich die PrEP bislang aus dem Ausland bestellt. Seit 2016 ist das Medikament auch in der EU zugelassen – allerdings kostete es mehrere Hundert Euro im Monat. Seit Oktober gibt es nun die Möglichkeit, ein Generikum, ein Nachahmerpräparat des Medikaments Truvada, für rund 50 Euro für 28 Tabletten in ausgewählten Apotheken in mehreren deutschen Städten zu bekommen, 30-minütige Beratung inklusive. Inzwischen sind bereits mehr als 1000 Rezepte eingelöst worden, wie der HIV-Forscher Hendrik Streeck von der Universität Duisburg-Essen sagt. Er leitet eine Begleitstudie, die der Frage nachgeht, ob sich nachweislich weniger Menschen anstecken. Derzeit sind es knapp 3000 im Jahr.

Die Prophylaxe richtet sich an Menschen mit erhöhtem HIV-Risiko. Das sind schwule Männer, die häufig Sex haben und möglicherweise nicht immer Kondome benutzen, sowie Partner unbehandelter HIV-Infizierter. Die Therapie funktioniert auch bei Frauen, allerdings liefern bisherige Studien keine überzeugenden Erfolgsdaten. Bei der Prophylaxe werden zwei Wirkstoffe in einer Tablette kombiniert. Sie hemmen die Virusvermehrung in den Zellen und bieten einen sehr hohen Schutz vor HIV, allerdings – wie auch Kondome – keinen 100-prozentigen.

Deshalb geht auch Emmanuel alle drei Monate zum Arzt und lässt einen HIV-Test machen. Denn Menschen, die das Medikament nehmen, müssen sicher sein, dass sie HIV-negativ sind. Wenden sie es trotz bereits erfolgter Ansteckung an, drohen Resistenzen. Außerdem schützen die Tabletten nicht vor anderen sexuell übertragbaren Infektionen.

Wer soll das Medikament zahlen?

Doch nicht jeder kann sich das Medikament leisten. Deshalb plädiert die Deutsche Aids-Hilfe dafür, dass die Kosten von den Krankenkassen übernommen werden. Man könne eine Gruppe von Männern mit erhöhtem HIV-Risiko dadurch in ein Medizinsystem bringen, das sie sonst nicht erreicht, sagt Holger Wicht von der Aids-Hilfe. „Infektionsketten können durch die Prophylaxe und begleitende Untersuchungen unterbrochen werden.“ Die Deutsche Arbeitsgemeinschaft niedergelassener Ärzte in der Versorgung HIV-Infizierter (Dagnä) rechnet vor, dass die Prophylaxe günstiger sei als die langfristige Behandlung HIV-Infizierter. In anderen Ländern wie Großbritannien wurde bereits ein Rückgang der Neuinfektionen beobachtet. In Deutschland hingegen stagniert die Zahl seit Jahren. Im Vorjahr steckten sich nach Berechnungen des Robert-Koch-Instituts 2500 Männer und 570 Frauen mit dem Immunschwäche-Virus an. Hätte allein der Gebrauch von Kondomen das nicht verhindern können?

„Da liegt ein falsches Verständnis von Sexualität zugrunde“, sagt Wicht. Es gebe eben Menschen mit dem starken Drang, Sex ohne Kondome zu erleben. Das sei nichts Verwerfliches, menschliches Verhalten sei nicht immer rational steuerbar, schließlich gehe es beim Geschlechtsverkehr um starke Gefühle. Und sind erst Alkohol und Drogen im Spiel, wird der Kondomgebrauch noch schwieriger.

Von RND/Heike Manssen

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